Montag, 31. März 97

Vom Bauerndorf und keinen Lederjacken

 

Es regnet. Trist der Blick aus dem Fenster. Die griechische Insel Samos grade gegenüber ist nicht mehr zu erblicken. Was tun? Mitfahren oder nicht? Natürlich haben wir unsere Regenjäckchen zu Hause gelassen. Und natürlich hat Diethard die falschesten Schuhe für Regen dabei. Er wird sich ganz bestimmt erkälten. Aber im Hotel bleiben? Die Aussicht lockt auch nicht sonderlich.

Die anderen Touris wissen offensichtlich auch nicht so genau, was sie wollen. Jedenfalls beschließt der Reiseleiter, dann bloß einen Bus zu brauchen. Wir steigen um in den anderen, waten durch die Pfützen, sind schließlich drin und stellen fest, daß wir keine Sitzplätze mehr haben. Das geht ja wohl nicht. Gerade als wir heftig protestieren wollen, kommt noch ein ganzer Schwung an. Also zurückwaten, rein in den anderen Bus. Diesmal haben wir Glück, Turan ist der Reiseführer.

Die Reiseleiter beratschlagen. Wohin mit den Touris bei dem Sauwetter? Man beschließt einen Besuch im Bauerndorf, Teetrinken bei einer türkischen Familie. Das passiert anscheinend nicht so oft, im Sommer jedenfalls nicht.

Das Bauerndorf liegt ziemlich hoch oben. Arg weit oben. Unterwegs bestaunen wir die Dorfstraßen, die teilweise richtiggehend überflutet sind. Männer und Frauen stehen mit Gummistiefen mittendrin und versuchen aufzuräumen. Riesenpfützen, lauter kleine Seen, säumen die Straße. Später nur noch Serpentinen. Gottseidank sind die Scheiben beschlagen. Ich sitze zum Glück nicht am Fenster. Auf der Rückfahrt bietet Diethard mir von ganzem Herzen den Fensterplatz an, aber ich verzichte dankend.

Aussteigen, wir sind da. Unser Schirmchen bietet uns doch, wenigstens von obenrunter, genügend Schutz. So stapfen wir über die Straße. Keine Straße, wie wir sie üblicherweise kennen. Es sind lauter Marmorplatten, große Stücke, nebeneinander verlegt. Voller Schlamm. Von obenrunter fließt viel Wasser. Es ist gar nicht so einfach, hochzusteigen. Zwei Esen kommen uns entgegen, angetrieben von einem Mann, voll bepackt. Ein paar mit Plastikfolien abgedeckte völlig leere Verkaufsbuden zieren den Wegesrand, doch keiner von uns wirft einen zweiten Blick hin. Oben wohnen Leute, unten steht das Vieh im Stall, eng zusammengepfercht. Wir biegen um eine Ecke und nochmal um eine Ecke, und dann sind wir da.

Eine Frau vor uns motzt: Schuhe sollen wir ausziehen. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Diethard meint: Würden Sie so einen Haufen Leuten mit dreckigen Schuhen in ihr Wohnzimmer lassen?

Im Flur steht ein Holz-Schuhregal, wie in jeder Moschee. Nasser Betonboden zwischen Regal und der schmale steilen Holztreppe, die nach oben führt. Diese Treppe ist anders getischlert als ich sie sonst kenne. Nur einfach notdürftig auf dünne Leisten genagelte Bretter, die wir mit nassen Füßen erklimmen. Aber sie halten unser Gewicht aus.

Oben zwängen wir uns in einen kleinen Raum hinein. Rundum laufende Holzbänke, sie sind gleich besetzt, wir anderen kauern uns auf dem Boden nieder. Jeder Zentimenter ist bedeckt mit Touristenfleisch. Da liegen zwar Teppiche, aber es zieht gottserbärmlich. Irgendeiner murmelt gedankenverloren: Hoffentlich haben die sich Gedanken über die Statik gemacht.

Die freundlich lächelnde Hausherrin begrüßt uns mit einem großen Tablett Raki und Tee. Bloß nichts trinken. Mit meinen nassen Füßen muß ich auch so schon dauernd aufs Klo. Strafende Blicke von Diethard, weil ich energisch meinen Wein zurückweisen will. Ich nehme mir mal wieder vor, in Zukunft alkoholische Getränke höflich lächelnd völlig unauffällig anzunehmen und sie dann in einer geeigneten Ecke zu "vergessen". Wäre viel diplomatischer. Es gibt Weiß- und Rose-Wein. Alles Natur. Von links höre ich Gemurmel: Stimmt. Ganz schön sauer. Zwischen Wolf und einem Gast aus dem Ruhrpott entspinnt sich Geplänkel. Der andere läßt keine Gelegenheit aus, Wolf an den Karren zu fahren. Mir geht Wolf auch auf den Wecker, aber der Stiernacken aus dem Ruhrpott auch. Der provoziert.

Nachdem wir ausgetrunken haben, kommt der Hausherr und sein Sohn. Sie machen Musik. Die Instrumente hängen an der Wand, eine Art Gitarre und eine Trommel. Turan schreibt mir nachher auf, wie sie heißen: Die Gitarre heißt "Saz" und die Trommel "Ud".

Wir gucken noch kurz in den zweiten Raum hier oben, ein kleiner Raum, vielleicht 3 auf 3 m. Ein alter Ofen steht drin, Sitzgelegenheiten. Verschiedene Plastikbeutel mit Habseligkeiten hängen an der Wand, verschiedene Medikamententüten. Ein Radio steht da mittendrin, viele Kassetten. Paßt nun gar nicht in die Umgebung. Das ist der Raum, in dem die Alten schlafen, erfahren wir, denn da ist es warm. Nebendran in dem anderen Raum, in dem wir bewirtet wurden, schlafen die Kinder.

Nachdenklich stiefeln wir von dannen. Solch primitive Verhältnisse. Die weitaus meisten Menschen auf der Welt leben unter primitiven Bedingungen, wie reich sind wir dagegen. Und trotzdem oft unzufrieden.

Weil wir beide noch aufs Plumpsklo müssen, verlieren wir den Anschluß an die Gruppe. Aber davorne laufen noch ein paar Menschen, die nicht wie Einheimische aussehen. Die Touri-Gesichter können wir nicht identifizieren, das wundert uns aber nicht. Das geht uns bei jeder größeren Tour so: nach Tagen quellen immer noch unbekannte Gesichter aus dem Bus.

Unser Bus steht auch schon da, noch zwei einsame Gestalten dabei, die kennen wir aber. Die anderen, das waren jedenfalls nicht unsere Reisegenossen. Wir warten und warten. Kommt uns schon komisch vor, daß die anderen nicht mehr kommen. Wer weiß, die irren vielleicht im Dorf umher und suchen uns.

Wir machen uns gefaßt auf eine Standpredigt, die dann nicht kommt. Die anderen waren noch in einer Moschee, die haben wir verpaßt. Aber die frierenden nassen Gestalten, die reinkommen, meinen, so viel hätten wir nicht verpaßt.

Also den Berg wieder runter, zum Mittagessen. Wieder im selben Lokal wie gestern, doch diesmal werden wir bedient. Das Essen ist okay, ich halte mich zurück. Dreimal am Tag ist entschieden zuviel.

Zwischendurch scheint wieder die Sonne, aber es ist kalt. Der nächste Programmpunkt ist eine Modenschau im Lederladen. Extra für uns organisiert, ist das nix? Die Show findet im Freien statt, ein Laufsteg, umsäumt von weißen Plastikstühlen und beschallt von lauter Musik. Den Apfeltee in der Hand bestaunen wir die hübschen Mannequins, die uns ausgesprochen nette Ledersachen vorführen. Ja, bei der Taille - da wirkt das kurze Jäckchen natürlich toll. Bis die zwei Touris-Opfer mitbekommen, was los ist, werden sie schon auf den Laufsteg gezerrt, in feines Leder gekleidet und müssen auch den Hintern schwenken.

Danach werden wir in den Verkaufsraum abgeführt. Man demonstriert uns eindrucksvoll die Qualität der Lederjacken mittels einer Zerr- und Reißprobe am Ärmel und erklärt uns das Preissystem. Die Preise sind gesalzen. Was uns gefällt, kostet leicht netto immer noch 800, 900 DM. Ein paar diskrete Blicke, dann ist für uns die Sache erledigt. Wir wollen zwar Lederjacken, haben aber unser strenges Limit. Höchstens zwei für 1200. Finden wir hier nicht. Denn handeln, so denken wir, handeln kann man hier sicher nicht. Falsch gedacht, wie wir später erfahren.

Draußen scheint grade die Sonne. Wir nutzen draußen die kostbaren Augenblicke, anstatt wie brave Touris drinnen zu kaufen, bevor der nächste Regenguß kommt. Aber da sitzen wir schon längst wieder im Bus. Es ist fünf, wir sind rechtschaffen müde. Trotzdem, nach Ephesus würde ich gerne nochmal gehen. Das war wirklich beeindruckend.

Doch jetzt geht’s Richtung Hotel. Wir schlafen beide ein am hellichten Tag, erwachen gerade noch rechtzeitig, damit wir unseren Ausflug nach Pamukkale doch noch buchen können. Erst erschien uns das Ganze zu anstrengend, 400 km fahren, Totenstadt angucken und die Kalkterrassen. Schließlich haben wir gerade zwei Ausflugstage und den Reisetag hinter uns. Ein Bummeltag wäre nicht schlecht gewesen. Aber wir haben ja nach Pamukkale noch zwei Bummeltage. Das dürfte für Kushadasi vollkommen genügen.

Nach dem Abendessen verkrümeln wir uns mit unseren emails in den Sesseln in der Lobby. Schließlich will ich die ja lesen. Was nicht so ganz einfach ist, weil sie alle englisch geschrieben sind. Aber brav übersetze ich, Diethard liefert die fehlenden Worte. Lange währet unsere Ruhe nicht, dann steht die Schlaftablette mit Gatte wieder vor uns und wir befinden uns bald im Gespräch. Gegen elf wird’s Zeit, die müden Glieder zu betten, haben wir doch morgen einen anstrengenden Tag vor uns.

 

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