Sonntag, 30. März 97

Marias Sterbehaus - Ephesus

 

Um zehn Uhr ist Abfahrt. Das ist doch eine christliche Zeit, so daß wir uns ungestört dem reichhaltigen Frühstück widmen können. Von der Wurst zum Käse, von der Marmelade bis zum Honig, vom Vollkornbrot bis zum Müsli, alles vorhanden. Natürlich auch Oliven, Tomaten und Gurken, so früh am Morgen. Bloß die Butter findet keiner. Des Rätsels Lösung: In einer Schüssel mit Wasser schwimmen gelbe Würfel, die wir als Käse identifizierten. Falsch identifiziert. Später übrigens, als wir mal sehr früh zum Frühstück kommen, entdecken wir, warum die Würfel im Wasser schwimmen. Das sind einfach zergangene Eiswürfel.

Erster Stop: Mutter Marias Sterbehaus. Vorbei an Ephesus. Unser Reiseleiter, er heißt Wolf, zeigt lapidar nach rechts. Das ist Ephesus, da fahren wir nachher auch noch mal hin. Liegt an Ihnen, ob wir zehn Minuten dazu brauchen oder drei Stunden. Ich denke, zehn Minuten reichen eigentlich. Wolf scheint nicht der geborene Reiseführer zu sein, wir wir doch bald merken. Er erzählt lieber Witze. Z. B. einem von einem Priester und einem Busfahrer, die vor Gott treten müssen. Der Priester kommt in die Hölle und der Busfahrer in den Himmel. Warum? Bei der Predigt sind die Leute immer eingeschlafen. Aber bei den Busfahrten haben sie alle innigst gebetet. Wir lachen zwar nicht sehr über den Witz. Aber wenig später verstecke ich mein Gesicht unauffällig an der beschützenden Männerbrust neben mir. Ja, der Fahrstil und die Kurven, schon eine heiße Mischung. Ganz schön steil, die Gegend. Meine Hand verkrampft sich am Griff des Vordersitzes. Die andere krallt sich fest am Gatten. Ab und zu wage ich einen schüchternen Blick durch die Fenster. Eine herrliche Aussicht auf die Ägäis. Strahlende Sonne und ein kräftig-kühl-blasender Wind begleiten uns.

Marias Sterbehaus. Es findet gerade ein Gottesdienst statt.. Schließlich ist Ostermontag. Aber die Beteiligung ist nicht sehr groß. Der Reiseführer erzählt von den Indizien, aus denen man darauf schließt, daß dies tatsächlich Mutter Marias Sterbehaus sei. Nicht ist, sondern sei. Vieles basiert auf Vermutungen. Aber der Fußboden ist original. Wir zwängen uns durch die beiden Räume. Ein kleiner, mit einem Altar an der Stirnseite. Und ein winziger Raum daneben, der auch heute noch zum Beten genutzt wird. Bereits am Eingang werden wir bzw. alle Christen herzlich eingeladen, das Jahr 2000 hier mitzufeiern. Das könnte ja ein ganz schönes Gedränge werden, wenn die Christen alle anreisen.

Rundgang zurück zum Bus, vorbei an Holzgittern, an denen viele Schleifchen angebunden sind. Manche aus Stoff, viele aus Klopapier. Erinnert an die Hexennacht, hat aber nichts damit zu tun. Das sind Fürbitten der Jungfrauen, die das Sterbehaus besucht haben, um einen guten Ehemann. Dabei fallen mir doch gleich wieder meine Singles ein. -

Natürlich fehlen die Andenkenlädchen nicht. Und auch das Klo. Und der eisige Wind verfängt sich in den Olivenbäumen und zerrt freudig an den Touristengestalten.

In mehreren Suren des Korans wird die Hl. Jfr. Maria erwähnt. Im Koran wird geschildert, wie sie Christus gebar. Die Mohammedaner erkennen Christus als Propheten an und haben daher eine tiefe Achtung vor seiner hl. Mutter.

Nächste Station: zurück nach Ephesus. Von der Straße, vom Bus aus, haben wir vorhin nur ein paar aufeinandergeschichtete Steine gesehen. Sah gar nicht aufregend aus.

Im Vorüberfahren warf Wolf beiläufig ein paar Bemerkungen in die Runde: Ephesus, oh Ephesus. Das können wir machen, wie Sie wollen. Wir können da in 10 Minuten durchlaufen, oder wenn Sie wirklich wollen, können wir uns auch drei Stunden drin aufhalten. Aber 10 Minuten reichen eigentlich.

Nun, wir werden sehen. Drei Stunden rumlaufen in der Kälte, das erscheint im Moment gar nicht so verlockend. Wir sammeln uns brav um unseren Reiseführer, diese Führung macht ein anderer, Turan heißt er. Wolf, der aufgeregte, zappelt ständig herum mit seinem Handy am Ohr. Stellt sich mitten in die Reisegruppe und fängt da an zu telefonieren. Turan ist sichtlich genervt.

Ephesus erweist sich als sehr beeindruckend.

Anfangs erspähen wir nur ein paar Steine, als wir uns an der Orientierungstafel sammeln. Doch je weiter man läuft, umso mehr öffnet sich dem Blick. Immer neue Blickwinkel erschließen sich.

Wir gehen die Hauptstraße entlang, die Marmorstraße und die Hafenstraße. Lernen viel über ionische Säulen, korintische, dorische. Begegnen einer Menge kopflosen Statuen.

Medusa ist auch da. Die mit den Schlangen, die sich als die schönste Frau fühlte unter ihren Freundinnen und für ihre Maßlosigkeit hart bestraft wurde - mit einem Kopf voller Schlangen statt Haare. Doch, das glaube ich schon, daß das der Schönheit Abbruch tut. Da sind mir meine krausen Dinger doch lieber.

Wir bestaunen die Badehäuser. Hören von Heraklon, der einen Löwen umbrachte mit bloßen Händen, um seine Liebe heiraten zu können. Turan erzählt dazu den angeblichen obligatorischen Spruch eines Berliner Touristen: Da wäre ich doch lieber mit dem Löwen verheiratet gewesen. Natürlich lachen die Männer, viel zu laut.

Wir gehen vorbei an vielen Torbogen, Säulen, Statuen, Badhäuser, abgesperrtes Mosaik auf dem Fußboden. Das Wetter hält, es ist zwar kühl, aber trocken.


Auf dem Weg zur Celsus-Bibliothek

Wir stehen vor der Celsus-Bibliothek, ein gewaltiges gut erhaltenes Bauwerk. Genau gegenüber das Freudenhaus. Das kommt immer gut, und zieht Interesse auf sich. Wieso weiß man, daß das das Freudenhaus war? Es gab lauter abgeteilte Räume, ohne Fenster, außerdem eine Figur mit Riesenphallus. - Dieser Figur da begegnen wir postkartenmäßig noch oft.

Die Bibliothek können wir uns ausgiebig betrachten, haben Zeit genug zur Erkundung, dann geht’s weiter zum Amphitheater. Und hier kommt die vorhin schon angekündigte Überraschung Turans: Er bittet uns alle, Platz zu nehmen und zieht dann eine Mundharmonika aus der Tasche.

Warum? Er will uns die hervorragende Akustik vorführen. Also sitzen wir alle brav auf den Steinreihen und klatschen zu seiner Aufführung. Hätte ich nicht gedacht, mitten in Ephesus deutsches Volksgut zu hören.


Turans Konzert im Amphitheater

Über die Hafenstraße verlassen wir Ephesus. Schade, da wären wir noch länger geblieben. War wirklich interessant.

Vom Hafen ist nichts mehr zu sehen. Da ist alles total versandet. Inzwischen liegt Ephesus ca. 5 km weit weg vom Meer. Ein sumpfiges Gebiet ist das. Deshalb breitete sich auch die Malaria aus und die Stadt mußte geräumt werden.

Turan, sehr beleibt, Glatze, eine Warze auf der Wange, manchmal kurzatmig, erzählt sehr lebendig. Man spürt seine Liebe zur Geschichte, zur Architektur und den Stolz, mit dem er den Fremden sein Land zeigt.

Doch das Touristenleben ist gnadenlos. Wir werden weiterkutschiert zum nächsten Tagungspunkt, dem Mittagessen. Massenabfertigung. Nichts dagegen einzuwenden, so geht’s am schnellsten. Wir schieben uns am Büfett vorbei, so schnell können wir gar nicht gucken, wie es schon auf den Teller geklatscht wird. Ich will kaum etwas, wehre ab: Danke, reicht. Und schon wird mir eine Riesenkelle Reis auf den Teller geklatscht. Naja, Mißverständnisse gibt’s überall.

Essen - Kaffee - zahlen. Marsch, marsch, im Eiltempo. Der zweite Reiseleiter hält eine flammende Rede. Offensichtlich wurde gemosert in den hinteren Reihen über das Essen. Wolf treibt uns an wie eine Schafherde. Ein paar sind noch auf dem Klo, er wird ungehalten. Vor Hektik verliert eine Touristin ihren Geldbeutel auf dem Klo, somit dauert’s noch ein bißchen länger. Man kommt sich vor wie Vieh auf dem Almauftrieb. Freundlich lächelnd, aber bestimmt bitte ich Wolf, doch den Rest des Tages ein wenig weniger Streß zu verbreiten, aggressive Stimmung kommt auf unter den Touris.

Wir landen im Schmuckgeschäft. Und schon haben wir alle Zeit der Welt. Wir finden uns zusammengeschart vor einem gut deutsch sprechenden dicken Türken, der seinen oft abgespulten Vortrag ableiert. Hinter ihm das übliche Bild in solchen Schmuckgeschäften. Die Juweliere arbeitend, polierend, fräsend, verschiedene Arbeitsgänge vorführend, die nötig sind, um die Schmuckstücke zu schaffen. Daneben goldprotzende Prunkstücke in der Auslage. Ich entferne mich vom Vortrag, zehn Meter oder so, um die Schmuckstücke in den Auslagen zu betrachten und werde prompt zurückgepfiffen. Auf meine Antwort: Ich kann doch sowieso nichts sehen, wenn soviele davorstehen scheucht der Schmuckhändler ungnädig die anderen weiter. Mit weitausholenden Handbewegungen macht er uns klar, wohin mit uns. Ich bin bockig. So ein Blödmann. Muß ich mir das gefallen lassen? Hier kauf ich ganz bestimmt nichts. Anerkennend muß ich allerdings feststellen, daß die doch kaufmännischerweise an alles gedacht haben: Zahlungsmöglichkeiten unendlich, ob bar, Scheck, Visa. Kein Geld dabei? Macht nix. Wird im Hotel abgeholt. Reparatur? Kein Problem, auch in Deutschland. Es kommt jemand. Umtauschen nach Jahren? Na klar, in jedem Geschäft dieser Kette, gibt’s überall in der Türkei. Einfach zurückbringen, einschmelzen lassen, Goldpreis errechnen und ein neues Schmuckstück anfertigen lassen.

Schöne Sachen. Unbestritten. Also kaufen will ich hier nichts, das steht fest. Gucken kann man ja mal. Zielsicher fische ich Weißgoldringe heraus, die dem schon recht nahekommen, was mir so vorschwebt. Aber sie sind gottseidank so teuer, daß es beim Vorschweben bleibt. Schließlich muß man doch abwägen, was einem lieber ist: Lederjacken? Neues Regal im Studio? Ring?

Wir haben viel, viel Zeit und finden uns in einer sehr netten Unterhaltung mit einem Verkäufer wieder. Die Verkäufer sind wenig aufdringlich, das ist angenehm. Weniger angenehm das prasselnde Geräusch, das bald darauf auf dem Dach zu hören ist. Es regnet. Es regnet, stimmt nicht ganz. Eher, es schüttet.

Naja, das ist jetzt nicht mehr so tragisch. Der Tagesausflug ist gelaufen, wir sind müde. Jeder relaxt auf seine Weise, Diethard in der Badewanne, ich mit meinem spannenden Buch. Es regnet unaufhörlich.

Wolf hat unterwegs gesagt, daß er mit uns Lederjacken gucken gehen will - natürlich bei einem Freund, wo die Qualität super und der Preis klein ist. Aber wann treffen wir ihn? Richtig, beim Abendessen begegnen wir ihm. Draußen platscht es. Sogar ein Gewitter bricht über uns herein. Mein erster Blick gilt der Kerze auf dem Tisch. Ja, auf jedem Tisch steht eine. Immerhin. Und plötzlich ist auch der Strom weg. Der ganze Saal klatscht. Aber es dauert nicht lange, bis das Licht wieder angeht.

Ein bißchen Bewegung könnte ja nicht schaden, oder? Also bewegen wir uns zur Tischtennisplatte. Aber nach fünf Minuten bedeutet man uns, daß jetzt eigentlich geschlossen wird. Schade. Aber wer zu spät kommt, den ......

Wir setzen uns unten in die Bar. Das Ehepaar, das am Tisch saß, kommt mit. Wolf ist schon da, umringt von einer Touri-Herde. Die kichert und gackert. Da ist eine Gruppe mit 15 Personen dabei, aus dem Ruhrpott, alles Verwandte. Ach wie schön. Was hecken sie aus? Sie drehen sich rum und lächeln uns an.

Wolf steuert auf uns zu. Geht Ihr morgen mit ins Türkische Bad? Sehr spontan verneine ich. Warum, will Wolf wissen. Klar, ich habe keine Lust, mit den Typen da nackt im Türkischen Bad rumzurennen. Kostet außerdem pro Mann noch das nette Sümmchen von 40 DM. Die anderen drei sind froh, daß sie sich nicht äußern müssen. Von denen will nämlich auch keiner. Aber ich habe den schwarzen Peter gehabt mit meiner vorlauten Klappe.

Wolf berichtet der Gruppe. Von nun an bin ich untendurch. Verächtliche Blicke, keinen Gruß. Aber was soll's? Das andere Ehepaar ist auch nicht gerade das lebhafteste. Der Mann ist ja ganz nett, aber sie eine Schlaftablette in Reinkultur. Brav gehen wir um elf ins Bett.

 

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