Samstag, 29. März 97

Frankfurt - Izmir - Kushadasi

 

Flughafentransfer. Damit beginnt unser Osterurlaub. Eine Woche Entspannung, ganz ohne Siemens, Singles und PC. Schöne Landschaft, freundliche Menschen, Fünf-Sterne-Hotel. Das hört sich doch alles vielversprechend an.

Und es fängt auch hervorragend an. Um viertel nach vier am frühen Morgen verstauen wir unsere Koffer in den Kleinbus und es geht los. Durchaus angenehm, nicht selbst fahren zu müssen. Absolut nicht nachvollziehbar, wie die auf ihre Kosten kommen. 198 DM für zweimal nach Frankfurt und wieder zurück, Benzin + Abschreibung + Lohnkosten. Aber egal, das kann nicht unser Problem sein.

Außerdem nimmt der Fahrer eine Strecke, die wir bisher nicht kannten. Ruckzuck, sind wir in Frankfurt. Und diesmal müssen wir nicht kilometerweit durch die Gänge hasten, denn unser Flughafentransfer lädt uns bequemerweise direkt vor unserem Schalter ab. Aber erst müssen wir noch zahlen. Hoffentlich holt er uns auch wieder ab.

Der Schalter ist noch gar nicht geöffnet. Aber langweilig ist es nicht, im Flughafen ist viel los. Eine ganze Herde Araber unterwegs. Überall kopfbetuchte mollige Gestalten in langen Mänteln. Auf dem Klo sind sämtliche Waschbecken belegt, überall wäscht sich jemand die Füße darin. Ein Gewirle und Gewurle. Plötzlich breiten sie die Gebetsteppiche aus und lassen sich von der Umgebung nicht stören.

Es dauert nicht mehr lange, bis die Maschinerie anrollt. Das übliche Ritual - Tickets abholen, Pässe vorzeigen. Da gibt es schon eine kleine Komplikation. Ist mir doch just im Moment wieder eingefallen, daß mein Reisepaß noch den Namen Megerle trägt. Kann ja mal passieren, schließlich bin ich erst seit fünfeinhalb Jahren wiederverheiratet. Und in Peking und in Shanghai und in Singapur und in Hongkong und in Bali, nie hat sich jemand dran gestört. Aber der aufmerksamen Dame am Frankfurter Schalter entgeht es nicht. Gottseidank habe ich noch meinen Personalausweis eingesteckt. Ich darf also mit. Gleich wenn ich heimkomme, beschließe ich, gleich dann werde ich Passfotos machen lassen und einen neuen Pass beantragen.

Nach dem Einchecken haben wir noch Zeit. Frühstück ist angesagt. Denn bis wir im Flugzeug sitzen und das Essen anrollt, vergeht doch noch einige Zeit. Aber Hunger haben wir eigentlich noch nicht so sehr, morgens um sechs. Wir einigen uns auf ein halbes Frühstück für jeden. Um halbsieben schlendern wir dann frischgestärkt zur Abflughalle. Doch leider - der Blick auf die Anzeigentafel belehrt uns - unser Flug geht nicht um 7.45. Nein, er ist verschoben auf 10 Uhr. Freude kommt auf. Alle Schauermärchen über ungewartete Maschinen türmen sich vor meinem geistigen Auge auf. Aber es bleibt nichts anderes übrig als zu warten. So schmilzt der Lese-Reiseproviant schon langsam zusammen während der Wartezeit. Um halbzehn werden wir weitergeschleust. Flughafengebühr ist auch noch zu berappen, 40 DM. Mein deutsches Geld reicht grade noch dafür.

Wir sitzen in der nächsten Wartehalle, inzwischen doch recht hungrig. Informationen gibt es keine. Da sitzen hinter den Schaltern Uniformierte, wedeln mit dem Handy rum, zehn ist schon vorbei, langsam beginnen die Menschen zu meutern und zu fragen. Ich werde langsam aggressiv. Das einzige, was ich will, ist ein Quentchen Information. Eine höfliche Lüge würde mich jetzt schon erfreuen.

Aber um viertel nach zehn kommt das Ganze doch langsam in die Gänge. Wir drängeln uns zum Bus. Der schaukelt uns übers Rollfeld. Das Flugzeug sieht manierlich ist. Ist auch erst 1 1/2 Jahre alt, wie wir hören. Und schon um viertel nach elf hebt der Flieger ab. Also, wenigstens zum Abendessen werden wir doch hoffentlich am Zielort sein. Durch die Zeitverschiebung verlieren wir eine Stunde. Ich habe einen Fensterplatz, mal wieder nahe an den Flügeln. Aber es ist sowieso wolkig und nicht allzuviel zu sehen. Nach 2 1/2 Stunden haben wir die erste Etappe dann geschafft.

Izmir. Ein kleiner Flughafen. Wie es hier wohl in der Hauptsaison aussieht? Schon jetzt drängeln wir uns um die Förderbänder. Viel Platz gibt es hier nicht. In einer Ecke stemmt ein stämmiger Reiseführer sein Schild hoch Aviana . Beinahe reißt er sich den Arm aus. Warum hat das Schild nicht einfach einen längeren Stiel dran, um es bequem hochzuheben?

Wir sind müde. Kein Wunder, bei der langen Anreise. Schließlich sind wir seit viertel nach drei auf den Beinen. Die Vegetation um den Flughafen von Izmir herum wirkt nicht sonderlich berauschend, das Wetter auch nicht. Es ist kalt, ziemlich kalt.

Wir haben noch eine Stunde Busfahrt vor uns bis zum Zielort Kushadasi. Später lernen wir, dass sich dieser Ort mit einem i ohne i-Punkt schreibt, dem türkischen Laut, der so ähnlich klingt wie das hintere "e" in "Reise". - Unterwegs dämmern wir so halb vor uns hin, halb begucken wir uns die allerdings nicht so aufregende Gegend.

Das Hotel erweist sich als innen als Riesenkasten, doch äußerlich fällt das nicht so auf. Es ist richtig hineingeschmiegt in die Felsen. Das erste, was wir sehen, ist die große Kuppel. Nachts ist sie übrigens beleuchtet mit vielen kleinen um die Kuppel gewundenen Birnchen. Sieht aus wie ein Schlößchen aus 1001 Nacht.


Das Hotel schmiegt sich in eine steile Bucht an der Ägäis

Vorläufig aber ist es noch hell. Wir beziehen unser Zimmer, hübsch ist es, groß, alles türkis, eine Rattanwand trennt den Schlafteil ab vom Wohnteil mit einer gemütlichen Lesecouch direkt vor den Fenstern. Herrliche Aussicht, das Meer vor den Augen. Allerdings tief unten vor den Augen. Dazwischen noch zwei Sonnenterrassen, denn das Hotel liegt ja am Felsen. Ein kleines bißchen die Umgebung erkunden wollen wir noch vorm Essen. Umgebung erkunden heißt Kletterpartie. Ein steiles Sträßchen führt runter zum Strand. Es wird noch viel gebaut am Hotel. Im Moment ruhen die Arbeiten, es ist Ostern. Da entsteht eine aufgeschüttete Fläche, das wird wohl Strandersatz werden. Denn einen Badestrand gibt es hier nicht, ringsum sind ja Felsen. Zum Strand runter führt auch ein Aufzug, der ist bloß noch nicht fertig. Wir klettern einmal ringsum, runter und wieder hoch, von Terrasse zu Terrasse. Es ist uns gar nicht mehr kalt dabei. Die armen Waden maulen. Jetzt hinlegen, müßte das schön sein. Am Fitneßcenter kommen wir noch vorbei, einige Trimm-Dich-Geräte lauern auf uns, zwei Tischtennisplatten und ein kleines Hallenbad. Natürlich gibt’s auch Türkisches Bad und Rubbelmassagen.

Aber jetzt ist es Zeit zum Abendessen, das ist auch schön. Ein großer Saal mit großen runden Tischen, so sitzt man nie allein, immer jemand dabei. Oft hat man nette Tischnachbarn, manchmal auch nicht. Ein großes Büfett, appetitlich angerichtet, Warmes gibt’s auch und vor allem ein großes Nachtischbüfett. Verhungern wird man hier wohl nicht.

Nach dem Essen der obligatorische Begrüßungscocktail. Mit Dias macht man uns den Mund wäßrig. Die Sehenswürdigkeiten der Umgebung zeigt man uns und offeriert gleichzeitig das Programm. Zwei Ganztagsausflüge sind ja schon im Preis inbegriffen. Und eigentlich wollen wir beide ja mal ausspannen, nicht die ganze Woche von einem Platz zum anderen hetzen. Mehrere Familien sind dabei. Eine Kleine, die ist ganz aufgeweckt. Sie bleibt nicht bei den Eltern sitzen, sondern betrachtet sich den Diaprojektor ganz aus der Nähe. Stupst den Reiseleiter mitten in seinem Vortrag an: Bilder gucken, Bilder gucken. Das Volk grinst, die Kleine hat mehr Aufmerksamkeit als der Reiseleiter. Der nimmt das Energiebündel einfach auf den Arm, damit es ihm nicht dauernd vor den Füßen rumläuft und kann weitermachen, während die Kleine ihm ungerührt dauernd ins Wort fällt. Als er sie losläßt, stolpert sie prompt über den Stecker, und die Leinwand bleibt schwarz. Das Volk grinst sich eins. Doch die Reiseleiter bleiben freundlich.

Noch ein Drink an der Theke. Wie heißt der Cocktail? "Sex on the beach". Den muß man doch unbedingt probieren. Schmeckt ganz gut. Und sonst? Steht der Sinn eigentlich nur noch nach Schlafen, schlafen, schlafen.

 

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