Eine halbtägige Stadtrundfahrt steht heute auf dem Programm. Rechtzeitig quälen wir uns aus dem Bett zum gebuchten merikanischen Frühstück. Was ist das? Speck, Eier, rote Bohnen, gebratene Nudeln. Aber auch Toast, Butter, Marmelade, Cornflakes und Früchte.
Der Bus startet vom Hotel aus. Der Wärmeschock begrüßt uns wieder draußen. Unterwegs begegnen wir Joggern. In der Hitze. Wie kann man bloß. Der Reiseleiter grinst und erzählt uns was von Ginseng. Wie fit der hält. Aber Vorsicht, ein Löffel zuviel, und man(n) muß operiert werden.
Dieser Linksverkehr irritiert gewaltig. Immer wieder überrascht uns das in den nächsten Tagen, wenn die Fahrer abbiegen. Man hat ständig das Gefühl, daß die Autos aus der falschen Richtung kommen.
In Singapur ist alles geregelt. Das lernen wir schnell. Der Reiseleiter appelliert eindringlich an die Pünktlichkeit. Unterwegs finden wir T-Shirts mit den verbotenen Regeln. Singapur - die Fine City ("Fine" = engl. Geldstrafe). Die Stadt, wo vieles mit hohen Geldstrafen belegt ist.
The fine city:
No smoking / No
urinating in lifts / Not flushing /
No littering / No vandalism / No feeding birds
No eating & drinking in MRT /
Possession of Fire Cradurs / No Flower Picking / No Importing of Chewing Gums
No Spitting / No gambling in Ferry
Was wir beruhigenderweise nicht finden: No kissing. Das scheint gottseidank erlaubt zu sein. Der Führer erzählt unterwegs ein bißchen über das kleine Land Singapur. Nur 42 x 23 km Größe weist es auf. Das Wohnen ist teuer. Es wird nicht nach Quadratmetern gerechnet, sondern nach Quadratfuß. 1.000 bis 1.400 Singapur-$ kostet der Wohnraum. Von der Toleranz der Bewohner von Singapur hören wir. Hawa hat das auch bestätigt. Viele Nationalitäten und Religionen leben friedlich nebeneinander, keiner versucht, dem anderen seinen Glauben aufzuzwingen. Sämtliche Küchen sind vertreten. Egal, ob chinesisch, italienisch, spanisch, indonesisch...- jeder kann finden, wonach es ihn gelüstet. Es gibt gut ausgestattete erschwingliche Sozialwohnungen. Jeder soll ein Dach über dem Kopf haben. (Es ist uns tatsächlich auch kein einziger Bettler oder Obdachloser begegnet). Wenn ein junges Paar heiraten will, geht es nach der Verlobung zur Behörde, beantragt eine Wohnung und leistet eine Anzahlung. Die Wohnungen werden verlost. Die Zuteilung kann sehr rasch gehen, kann aber auch ein bis zwei Jahre Wartezeit haben. Die Paare erhalten den Schlüssel, wenn sie die Heiratsurkunde vorweisen.
Oberste Parole der Regierung: Die Stadt bleibt sauber. Kaugummiverzehr z.B. wird mit hohen Geldstrafen belegt. Das Wasser ist absolut sauber und bedenkenlos als Trinkwasser zu verwenden. Die Autozahlen reglementiert. Um ein Auto zu kaufen, braucht man eine Lizenz, die alle paar Jahre erneuert werden muß. Oft ist die Lizenz fast so teuer wie das Auto selbst. Zulassung und Benzinkosten sind für den Normalverbraucher kaum erschwinglich.
Hawa hat uns das alles schon email-mäßig bestätigt. Sie hat zwar gerade den Führerschein gemacht und auch eine Lizenz für den Autokauf erworben. Aber ihr Mann Najib hat einen Laden und braucht den Wagen dringend für Einkaufsreisen ins Ausland. In Singapur selbst gibt es ein ausgezeichnetes Verkehrsnetz. Die Bürger verstehen die Argumente der Regierung, daß die Luft sauber bleiben soll und die Straßen befahrbar. Selbst Fahrten mit dem Privat-Pkw in die Innenstadt kosten Gebühren. Lieferwagen dürfen umsonst. Aber wehe, sie fahren zu schnell. Auf dem Dach haben sie ein Licht. Wenn sie 50 km Geschwindigkeit überschreiten, fängt es an, sich leuchtend zu drehen und den Fahrer im Wageninneren summend zu verwarnen. Somit ist es für die Polizisten am Straßenrand ein Leichtes, die Sünder zu erwischen...
Mit den hohen Autosteuern wird das ausgezeichnete öffentliche Verkehrsnetz immer weiter ausgebaut. Später besichtigen wir auch die Metro. Solche Metrostationen wie in Singapur haben wir auch wirklich noch nie gesehen. Die Stationen sind mit Metalltüren voll verkleidet, keine Gleise zu sehen. Alles pieksauber, kein Krümelchen, kein Bettler, keine obskuren Gestalten, keine verschmierten Sitzbänke. Man fühlt sich auch nachts hier völlig sicher. Übrigens - Raucher begegnen uns fast nie. In der Öffentlichkeit darf nicht geraucht werden. Fast alle halten sich daran.
Was man aber auch in der Öffentlichkeit darf und jeder mit Leidenschaft betreibt, ist Telefonieren. Überall an den Straßenrändern stehen haufenweise Telefone auf kleinen Kästen. Viele, auch ganz junge Leute, tragen das Handy am Gürtel bzw. telefonieren während des Gehens.
Die erste Station unserer Stadtrundfahrt ist der Botanische Garten. Orchideen blühen. Mehrere Gartenhäuser kuscheln sich dazwischen. So stellen wir uns unseren Tempel im Garten auch vor. Vielleicht in einer etwas kleineren Ausführung.
Rein in den Bus, abkühlen. Nächste Station: Little India. Hier gibts viele Gewürze zu kaufen, die wir gar nicht erkennen. Teuflisch scharfes Chili ist dabei.
In einem kleinen Restaurant wird Fladenbrot zubereitet. Geschickt rollt der Koch die Teigfladen auf einer Metallplatte aus. Immer dünner zieht er die Kreise über die Handballen. Erinnert mich dran, wie Mama immer den Apfelstrudel machte.
Ganz so geschickt war sie allerdings nicht mit den Händen wie der Typ hinter der Theke. Die Zutaten stehen daneben, so kann sich jeder sein Fladenbrot ganz individuell bestellen. Sieht lecker aus und riecht gut. Leider haben wir nicht viel Zeit.
Das kleine Restaurant ist gut besucht am frühen Morgen, allerdings sitzen nur Männer darin.
Nächster Stop in Chinatown. Der Reiseleiter zeigt uns die großen Regenkanäle für den Monsum. Nun, wir werden ihn hoffentlich nicht erleben. Langsam lernen wir auch die Klimaanlage schätzen und lieben. Je öfter man aussteigt, umso mehr.
Ein Tempel. Der schwere Duft von Räucherstäbchen erfüllt die Luft. Gottheiten an der Wand entlang. Haben sie kalte Füße? Manche tragen Schuhe. Betkissen liegen vor dem Altar. Einwohner, mit ernstem Gesicht, die Touristen übersehend, Räucherstäbchen büschelweise in der einen Hand, einen Sonnen- bzw. Regenschirm in der anderen. Kurze Gebete vorm Altar. Opfergaben stehen davor, kleine Bastkörbchen mit bunten Blüten oder Reiskörnern. Im Hof posiert gerade ein Brautpaar für Fotos. Gleich dranhängen.
Noch ein Tempel, ein Hindu-Tempel. Die Touristen müssen die Schuhe ausziehen, fotografieren ist verboten. Dias und Postkarten kaufen dagegen nicht.

Korbflechterladen in der Arab Street
Es ist freitag morgen, die Messe wird abgehalten. Der Freitag ist der Haupttag für die Hindus. Den ganzen Tag werden Messen gehalten. Abends soll es sehr voll sein.
Der junge Priester zelebriert mit braungebranntem Oberkörper die Messe. Er trägt nur ein weißes Tuch um die Lenden geschlungen. Viele betende Frauen im sitzen auf dem Steinpflaster oder stehen an einer Art Balustrade. Sie bekommen ein paar Tropfen Weihwasser auf die Hand und Asche dazu.
Ich betrachte mir die geschlungenen Saris. So leicht scheint das nicht zu sein, den anzuziehen. Der Reiseleiter bestätigt diese Vermutung. Es sei Gewohnheit der Männer, den Sari zuhause zu testen, ob er auch richtig sitzt. Denn eine Sarilawine" sei zu peinlich.
Nächster Haltepunkt ist der Mount Faber. Auch was für Schwindlige, er ist nur 500 m hoch. Aber es führt eine Seilbahn hinüber zur Sentosa-Insel. Da ich ja weiß, daß wir keine Zeit haben, diese Seilbahn zu frequentieren, spucke ich große Töne. Natürlich würde ich rüberfahren....
Die Plattform auf dem Mount Faber bietet eine schöne Aussicht auf den Hafen, die Insel Sentosa und das Wahrzeichen von Singapur, den Merlion.
Letzte Station. Eine Edelsteinschleiferei. Na gut, das ist wohl immer unvermeidlich bei solchen Stadtrundfahrten. Gottergeben steigen wir aus und mustern das Angebot. Glitzernd-kitschig leuchtet es uns aus den Vitrinen entgegen. Silberkutschen mit Pferden protzen in Schaukästen. Glitzernde Diamanten in langen Reihen, farblich fein säuberlich abgestimmt. Wehe, man wirft einen Blick hinein oder zögert ein paar Sekunden vor einem hübschen Stück. Die zahllosen Verkäufer verfolgen einen regelrecht hinter der Theke. Man traut sich kaum, irgendwo hinzusehen. Das Klo interessiert mich sowieso mehr. Happy House, so heißt hier diese Stätte.
Der Reiseleiter hat uns erzählt, wie die Einheimischen zu verschiedenen Schmuckstücken kommen. Im wesentlichen zählt nur der Goldpreis, das Material. Die Handarbeit, die Handwerksstunden sind billig. Wenn man ein neues Schmuckstück haben möchte, kann man das alte zum Einschmelzen bringen und die Differenz aufbezahlen.
Endlich sind alle Touristen wieder da. Gekauft hat glaube ich niemand. Das wundert mich eigentlich nicht. Die wenigsten geben in 15 Minuten drei-, viertausend Mark aus. Die Ruhe fehlt zum Einkaufen und die Verfolgungsjagd der Verkäufer nervt.
Die Stadtrundfahrt ist vorbei, man bringt uns zurück ins Hotel, bzw. wird jeder abgeladen, wo er will. Es scheint relativ schwierig zu sein, die paar Leute sicher zurückzubringen. Wir sind nur noch zu sechst, aus verschiedenen Hotels. Nachdem wir zum vierten- oder fünftenmal unseren Hotelnamen aufgesagt haben, schreibe ich einen Zettel mit dem Namen und halte ihn vor die Brust. Zwei-, dreimal müssen wir rein in einen Bus, wieder raus. Aber endlich sind alle Unklarheiten beseitigt. Um dreiviertelzwei trudeln wir im Hotel ein. Der Kälteschock empfängt uns wieder. Schnell noch frischmachen und die Geschenke einpacken. Wäre das schön, jetzt die Füße hochzulegen. Aber um zwei haben wir eine Verabredung mit unserer eMail-Freundin.
Hawa ist pünktlich. Wir kennen sie ja nicht. Unsere Bilder hat sie allerdings schon auf unserer Homepage im Internet gesehen. Zielgerichtet kommt sie auf uns zu. Ein hübsches Mädchen, eine Mixtur aus chinesisch, malaysisch und indisch.
Nach der Begrüßung folgt die Beratung. Was tun? Hawa lacht. Ich bin eine schlechte Reiseführerin. Aber wie wäre es mit Kaffeetrinken im Raffles-Hotel?
Natürlich, warum nicht. Da wollten wir sowieso hin. So wandeln wir auf Omas Spuren. Doch wahrscheinlich hat sich das Raffles-Hotel seit 1931 auch etwas verändert.
Die Kulisse ist schön, da kann man nicht meckern. In wenigen Tagen wird Michael Jackson hier auftreten. Wir trinken einen Kaffee im Raffles-Einkaufszentrum. Ein großer Springbrunnen plätschert neben uns, als wir exotische Cocktails schlürfen und uns mit Hawa unterhalten. Diethard fragt sie: May I invite you? Ein sehr überzeugendes No. Also gut. Ich übergebe ihr die Geschenke, für sie selbst, für die Kinder und später auch an Najib, ihren Mann. Diethard witzelt: Die Geschenke, die sind nur zum Zeigen. Die nehmen wir wieder mit für unseren eMail-Freund in Hong Kong. Diese eMail-Bekanntschaften sind faszinierend. Dieses junge Mädchen, das nachts um zwei freudig vorm Internet sitzt, wenn ihre zwei lebhaften Kinder (die Brats) friedlich schlummern, mit Fachausdrücken um sich wirft, sehr offen erscheint in weltlichen und sexuellen Dingen, und andererseits zu bestimmten Gelegenheiten verschleiert erscheint und fünfmal am Tage betet. Ganz egal, was passiert. Lassen die Kinder dir die Zeit, frage ich sie? Sie lacht laut. I have to have time. No discussion."

Bei Hawa und Najib in ihrem Geschäft
Danach spazieren wir durch eine überdachte riesige Ladenzone zu Najibs Laden. Völlig verglast, fein säuberlich an den Wänden in Fünfer- oder Sechserreihen übereinander aufgereiht Saris. Nur Saris. Najib begrüßt uns freundlich. Wir sitzen im Büro. Und schon schickt Diethard eine eMail ins Büro. Die Moschee aus dem Reiseführer ist gerade gegenüber von Najibs Laden. Hawa geht mir uns hin. Zuckt die Achseln. "The mosque? Dont know, why it is in Guide. Its not interesting."
Dann muß sie heim zu den Brats. Heute hat die mother in law die lieben Kleinen gehütet. Das kommt selten vor. Hawa strahlt. Der Nachmittag war Urlaub für sie. Doch jetzt ist Stillzeit.
Ein Stündchen Entspannung gönnen wir uns. Diethard liegt in der Badewanne, ich im Bett. Das Aufraffen fällt so schwer. Weit gehen wir nicht heute abend, wir befolgen getreulich Hawas Tip, in einem nahegelegenen Restaurant indisch essen zu gehen. Schwülwarm ist es. Jacken braucht man wirklich nicht mitzunehmen. Übrigens kriegen wir auch keinen einzigen Mückenstich ab.
Hinter unserem Hotel brodelt das Leben. Zu Fuß schlendern wir zum Lokal. Große Einkaufskomplexe. Läden über Läden. Wer kauft da bloß alles ein. Menschen wimmeln durcheinander. Wo waren die eigentlich alle am Tage?
Quer auf dem Treppenaufgang zum Lokal liegt ein Bettler. Wir steigen ebenso wie die anderen Hungrigen ungerührt über ihn weg.
Wir sitzen draußen auf der schmalen Terrasse. Räder über Räder; die Touristenräder mit dem Seitenwagen haben Hochkonjunktur. Eine ganze Reisegruppe ist das wohl. Lauter gelbbehemdete Radler fahren in einer langen Reihe hintereinander die ihnen anvertrauten Touristen spazieren. Es ist zehn Uhr abends, und immer noch gut warm. Strümpfe oder eine Jacke braucht man wirklich nicht - vorausgesetzt, man hält sich draußen auf. Drinnen herrschen oft Temperaturen wie im Kühlschrank. Das Bier ist übrigens überall sehr teuer, so um die acht Mark! pro Flasche muß man schon hinlegen.
Bekannte Gesichter in der Menge, die zwei kennen wir doch schon vom Flughafen. Sie setzen sich noch ein Stündchen zu uns. Der Heimweg kann uns nicht schrecken, die Leuchtreklame vom Hotel weist uns den Weg.
Müde sind wir immer noch nicht. Was bietet uns eigentlich das Hotel? Da gibts doch eine Disco. Die Türsteherin davor grinst, als wir die Tür öffnen. Zu Recht, wie sich schnell herausstellt. Grell-wild zuckende Lichter begleiten den ohrenbetäubenden Lärm, zu dem sich auf der fast leeren Tanzfläche ein paar Jugendliche in Ekstase winden. Wir flüchten in Sekundenschnelle.
Was gibts noch? Ein gediegenes Restaurant mit einer asiatischen Sängerin, die englische Lieder singt. Nö, das ist dann wieder zu gediegen.
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