Mittwoch/Donnerstag, 9./10. Okt. 1996

Frankfurt - Singapore

 

Unser 5. Hochzeitstag. 21.00 Uhr. Hätte ich mir damals auch nicht träumen lassen, daß wir nun im Flugzeug Richtung Singapur sitzen.

Das Timing war perfekt. Genau zwei Stunden vor Abflug standen wir am Schalter. Zeit genug, die streßlos gepackten Koffer ordnungsgemäß einzuchecken, Fensterplätze zu sichern und würstchengestärkt, Diethard gerade wieder gesund nach starker Erkältung, ich mit Antibiotika und Erkältungsmitteln vollgepumpt, das planmäßig startende Flugzeug zu besteigen.

Erfreulicher Aspekt. Das Flugzeug ist zwar voll, doch der Platz neben Diethard bleibt leer. Da freuen sich die Knochen, wenn sie sich ein bißchen ausstrecken können. Schließlich sitzen wir nun über zwölf Stunden in der Sardinenbüchsen-Boeing 747.

Das übliche Ritual. Die zierlichen asiatischen dunkeläugigen flachnäsigen Stewardessen-Püppchen in den dekorativen enganliegenden bunten Uniform-Kleidern zeigen in Pantomime, wie sich die Fluggäste bei unvorhergesehenen Zwischenfällen zu verhalten haben. Schwimmweste, Sauerstoffmaske, Fußstütze umklappen...

Ein Nichtraucherflug. Rauchen absolut verboten. Nirgends eine Ecke für die armen Süchtigen. Wehe, wenn sie es auf dem Klo versuchen wollen. Das löst nämlich die Alarmanlage aus... Für Nichtraucher ein Segen. Aber die armen Raucher. Sie tun mir leid.

Danach drücken sie uns mittels einer Zange ein kochendheißes kampferriechendes Händewasch-Tüchlein in die Hand. Hilfe. Wir jonglieren das Tuch blitzschnell von einer Hand in die andere und versuchen so Verbrennungsschäden zu vermeiden. Das üben wir auf den folgenden Flügen jedesmal.

Orangensaft im Plastikbecher. Erinnert an die Urinbecher beim Frauenarzt. Speisekarte. Schlafdecken für die Nacht. Schlafsocken und Zahnbürste. Kopfhörer. Brav nehmen wir nacheinander alle Utensilien in Empfang und verstauen um uns herum, was sich verstauen läßt, so daß das Tischchen noch ausgeklappt werden kann für das Abendessen.

Alles kaut zufrieden. Kämpft mit dem knappen Platz. Wohin mit dem Papier, in dem das Besteck versteckt war? Wohin mit der Alu-Abdeckung auf dem warmen Essen? Wohin mit den Abfällen?

Nach dem Abräumen kehrt langsam Ruhe ein. Die Gespräche verstummen. Das Licht wird gelöscht. Die Decken ausgebreitet, die Knochen zurechtgerückt, das Kissen unter dem Kopf drapiert. Die Videowand läuft stumm vor sich hin.

Lange Stunden. Ein wenig Schlaf ist drin, aber kein erholsamer. Auf der Videowand zwischendurch Einblendungen der Landkarte. Wie weit sind wir schon gekommen? Infos über Geschwindigkeit, Flughöhe, Außentemperatur, Gegenwind.

Stunde um Stunde verrinnt. Langsam. Doch nach ein paar Stunden setzt die Resignation ein. Ein gewisser Fatalismus macht sich breit. Als gegen Morgen das Frühstück serviert wird, kommt Bewegung in die Müden. Die Klos sind nun ständig blockiert. Nur noch eine Stunde.

Gesprächsfetzen von dem Paar vorne dran fliegen vorbei: „Jetzt hole ich die Reisetasche nicht noch mal runter. Glaubst du vielleicht, ich steh dauernd auf, bloß weil du was lesen willst?"

„Zieh gefälligst Socken an. Du wirst doch wohl nicht barfuß im Flughafen rumlaufen wollen wie der letzte Penner!"

Die Stimme des Flugkapitäns: „26° in Singapur. Gewitter. Regen."

Oh! Regen? Können wir nicht gebrauchen im Urlaub.

Singapur. Uhren stellen. Ein Zeitunterschied von sechs Stunden wegen der Sommerzeit. Es ist Nachmittag, müde sind wir zwar nach unserer inneren Uhr, doch schlafen dürfen wir erst heute abend. Draußen hört es auf zu regnen, als wir landen. Drinnen empfängt uns ein heller weitläufiger Flughafen. Riesenpflanzen an den Wänden ringsherum. Sehen unecht aus. Sind sie aber nicht. Großzügige Sitzgarnituren in Bonbon-Farben.

Raucher mag man nicht in Singapur. In dem ganzen großen weitläufigen Flughafen gibt es nur ein kleines Glas-kabinett ohne Lüftung, Stühle oder sonstige Annehmlichkeiten. Hier dürfen die Raucher ihrer Sucht frönen, vorausgesetzt, sie halten die Luft in dem stickigen Kabinett aus.

Wo ist unser Förderband? Das läuft schon an. Unsere Koffer sind dabei. Gottseidank. Man weiß ja nie. Neugierige Blicke auf die Koffer der anderen. Wer hat das Leguan-Band dran? Wer gehört zur Reisegruppe? Der Leguan-Mann steht brav da, hebt sein Schild hoch, wie es sich gehört. Aber „two are missing". Wir warten und warten. Doch das Band läuft nicht mehr, der Zollabfertigungsstelle ist gähnend leer, keine Touristen irren mehr suchend umher. Der Leguan-Mann ruft an, holt sich die Erlaubnis zum Verschwinden. Also hasten wir mit unseren Kofferwägelchen hinter ihm her zur Tür. Schock. Da draußen herrscht Saunaklima. Bananenstauden stehen da draußen, eine üppige Vegetation rundherum empfängt uns, Pflanzen im Großformat, wie wir sie zuhause vom Blumentopf im Miniformat kennen.

Die Koffer sind im Bus, die zugehörigen Leute unauffällig gemustert. Mehrere Male fragt der Reiseleiter nach, bis er endlich alle nach ihren Hotels sortiert hat. Dann fährt der Bus vorbei an riesigen Golfplätzen. Alles schnurgerade, gepflegt, wie mit dem Lineal gezogen. Die Grünflächen in der Straßenmitte sind akkurat beschnitten, ein paar Arbeiter mit Gartenscheren in der Hand sind dabei, die kilometerlangen Rasenkanten zu schneiden. Palmen und uns unbekannte Baumgewächse säumen die breite Straße Richtung Stadt.

Das New Park Hotel. Hier werden wir die nächsten Tage verbringen. Sieht gut aus von außen. Fühlt sich saukalt an von innen. Diesem Wechsel sind wir nun in den nächsten Tagen permanent ausgesetzt. Sämtliche Einkaufsläden, Hotels, Restaurants und Busse fühlen sich an wie Kühlschränke. Kommen wir raus ins Freie, überfällt uns der Wärmeschock jedesmal von neuem.

Das Zimmer ist im üblichen Standard gehalten. Pastellfarben, gemütlich, sauber, alles vorhanden. Vom angeklebten Haartrockner in der Schublade bis zum Kleenex-Halter im Bad. Dicke Hochglanzkataloge mit Shoppingadressen auf dem Spiegeltisch. Die Fenster liegen zum Innenhof mit Blick auf den verglasten Frühstücksraum, kein Laut zu hören.

Diethard holt mich ans Telefon. Ich soll Hawa anrufen. Da meldet sich tatsächlich eine Frauenstimme in Englisch. Stotternd bringe ich meinen Namen vor. Doch erstaunlicherweise zeigt sich die Frauenstimme davon überhaupt nicht beeindruckt. Warum? Ah, ich habe die Rezeption erwischt. Erneuter Versuch von Diethard. Diesmal klappts. Hawa, meine eMail-Freundin, leibhaftig am Telefon. Wir verabreden uns für morgen. Hawa gibt uns noch einen Tip mit auf den Weg, wo wir abends hingehen sollen.

Geld wechseln, Karte kaufen. Orientieren. Hotel und Umgebung erkunden.

Was hat Hawa gesagt? Wohin sollen wir gehen? Hörte sich so ähnlich an wie Boki. Irgendwo am Fluß.

Ach ja, da steht Boat-Quay. Vielleicht hat sie das gemeint. Gehen wir doch einfach mal hin. Schlendern durch die belebten Straßen. Hinterhöfe. Straßencafes, ausschließlich besetzt mit Männern. Viele Motorräder, wenig Autos. Abflußrinnen an den Straßen entlang. Trotzdem kein Gestank, und kein Ungeziefer. Viele Läden. Moderne Glasläden neben dunklen Ramsch-Schläuchen. Ein Schaufenster, vollgestopft mit blankgeputzten Radkappen bis unter die Decke. Am Straßenrand davor sitzt einer auf dem Bürgersteig, breitet Zeitungspapier aus und spritzt Radkappen von weiß auf schwarz um. Im Riesenladen daneben funkelt’s und blitzt’s. Kristallüster in allen Variationen. Wie aus dem Rosenkrieg. Teuer.

Wir gehen auf die andere Straßenseite. Es dauert ewig, bis die Ampeln von Rot auf Grün umschalten. Zeit genug, die Umgebung gemütlich zu betrachten. Kleine alte pastellfarbene Häuser, abgeblätterter Putz, nicht mehr ganz neu. Direkt daneben protzen Metall-Glas-Wolkenkratzer. Gegensätzlichere Baustile kann man sich kaum vorstellen.

Der Verkehr fließt eingermaßen ruhig. Wenig Hupengetöse. Aber wie kommt man an eins der zwölftausend Taxis? Unser erhobener Arm wird ignoriert. Offensichtlich stehen wir an der falschen Stelle.

Woanders klappt’s. Das Taxi bringt uns zum Boat-Quay. Scheint ein guter Tip zu sein. Hübsche Kulisse. Lokal an Lokal. Manche ruhig, aus manchen erschallt laute Musik. Teccno. Disco. Jazz aus dem Culture Club. Der Flußrand ist gesäumt von Tischen. Man muß aufpassen, daß man auch im richtigen Lokal landet. Dazwischen die Straße, auf der Massen entlangschlendern. Es ist noch ziemlich früh. Die Türsteher reißen sich um uns. Zeigen eifrig auf der Speisekarte, welche Köstlichkeiten sie bieten. Wir sind noch Neulinge, das wittern sie sofort. Wir haben Mühe, durchzukommen, versprechen überall, auf dem Rückweg hereinzuschauen. Dabei haben wir schon längst einen Favoriten entdeckt. Das Lokal mit den hübschen bunten Servietten und der schön aufgemachten Speisekarte mit den uns unbekannten exotischen Gerichten.


Blick auf den Boat Quai (HB Bildatlas Singapur/Malaysia)

Ein lauer Abend. Kaum nichteuropäische Gesichter. Balinesisches Essen. Scharf. Hot, so stand es auf der Spei-sekarte. Doch ja, die meinen das auch so. Das Essen fördert den Durst ungemein. Schließlich soll man in war-men Ländern ja viel trinken. Ein schönes Plätzchen ist das hier. Da sitzen wir nun, auch am späten Abend ist es noch warm im Sommerdress, und beobachten das Flanieren der Menschenmenge. Ein beliebter Treffpunkt für junge Leute ist das, erzählt uns Hawa später. Hier lernt man sich kennen.

Das Bier steigt uns in den Kopf. Die Müdigkeit, die Temperatur, die durchwachte Nacht, der Zeitunterschied, es macht sich bemerkbar. Es ist neun Uhr abends. Wir gäben ein Königreich für ein Bett und zahlen. Für 25 Mark haben wir zu zweit gut gegessen.

Ein Spaziergang noch um den Boat-Quay herum, soviel Durchhaltevermögen bringen wir noch auf. Es lohnt sich. An der nächsten Ecke sehen wir die Raffles-Brücke, kunstvoll angestrahlt. Das Treppengeländer wirkt richtig filigran. Die Wolkenkratzer drumrum sind wahrhaft beeindruckend in Szene gesetzt. Ein paar scheue Katzen lugen hinter einem Bauzaun hervor. Katzen begegnen wir selten, Hunden überhaupt nicht in Singapur.

Über die Brücke wollen wir noch schreiten, da sind wir uns einig. Drüben kommt man ja sicher auch auf die Straße. So schlendern wir durch die nächtliche Lichterkulisse.

Am Ende der Brücke ein Bootsverleih. Ob er uns rüberbringen soll, fragt der Fährmann. Nein, nein, wir gehen da hoch, bedeuten wir ihm. Doch da hoch ist gesperrt. Da hinten auch. Das Angebot des Fährmanns kommt uns wieder in den Sinn. Aber erst mal anstandshalber handeln.

Denn wieder außenrum laufen über die Brücke und am Boat Quay entlang durch alle Lokale? Die Aussicht verlockt uns gar nicht. Ach, die müden Knochen.

Kontraste am "Boat Key"
Kontraste am Boat Quai

Übersetzen für 3 Dollar wollen wir nicht. Eine kleine Bootsfahrt für 7 Dollar auch nicht. Wenn schon, dann schon eine richtige große Bootsfahrt für 15 Dollar. Und tatsächlich. Wir sind ganz allein im Boot. Richtig romantisch. Nur für uns fährt der Gondoliere.

Wie romantisch. Rote Lampions beleuchten das Boot. Verträumt lege ich den Kopf auf die Schulter des Geliebten und versuche eine einigermaßen bequeme Sitzposition auf den unbarmherzigen Holzbänken einzunehmen. Welch traumhafte Kulisse ringsherum. Da schreckt mich ungeahnter Lärm aus meinen Träumen hoch. Der Bootsmann hat das Radio eingestellt. Eine ohrenbetäubende Lautstärke beschallt uns. Fertig mit der Romantik.

Das war schön, obwohl wir beinahe unterwegs eingeschlafen wären. Fast eine Stunde dauerte die laute Romantik. Doch jetzt stehen wir oben an der Straße, in der Schlange. Fein säuberlich aufgereiht wie die Perlen an der Schnur warten wir darauf, daß die Taxen vorfahren. Einige Minuten kommt keines mehr. Die jungen Männer vor uns reißen die Tür auf, als endlich eines kommt. Dem Mädchen drin bleibt kaum Zeit zum Zahlen, sie wird förmlich rausgedrängt.

Hintendran stehen Radfahrer. Räder mit überdachten Seitenwagen sind das, extra für Touristen. Ob wir damit fahren wollen? Wir wollen nicht. Ist übrigens auch etwa zehnmal so teuer wie das Taxi.

Einschlafprobleme haben wir nicht in dieser Nacht.

 

... zurückÜbersicht Reiseberichte... zum Reiseanfang... weiter