Samstag, 2. August 95

Das Konzert

 

Oh Gott, hoffentlich werde ich jemals so alt, wie ich mich heute fühle. Ich hatte so große Befürchtungen, zu verschlafen. Schließlich müssen wir doch um halbzehn die Konzertkarten abholen, doch die Frühstückskrakeeler unterstützten mich beim Wachwerden mehr, als mir lieb war. Eigentlich wollten Maria und Friedel uns um acht wecken, aber um halbneun rührt sich noch nichts bei den beiden, als wecken wir sie, bevor wir zum Frühstück in die ca. 100 m entfernte Mensa losziehen.

Die Sonne scheint, es ist jetzt schon warm, und der Frühstückstisch viel reichhaltiger gedeckt, als wir das in dieser Umgebung erwartet hatten. Schließlich ist schon bald Frühstücksende. Wir treffen auf die vier anderen und schon wird wieder gelacht, Tips ausgeteilt, wie man den Männern das Schnarchen austreiben könnte, Ohropax ausgeteilt für den Fall, daß die Rolling-Stones-Power uns die Ohren wegbläst und Pläne für den heutigen Tag gemacht.

Pünktlich um halbzehn stehen wir bei Werner auf der Matte, um unsere Konzertkarten in Empfang zu nehmen. Er hat sie tatsächlich ergattert. Später hören wir, daß er nachts noch in mehrere Hotels gefahren ist, um bei den Kollegen die Karten zu sichern. So ganz traute er nämlich den Versicherungen des geschniegelten Schnösels vom Golf-Hotel nicht. Und so schlug er sich lieber einige Nachtstündchen um die Ohren, um sicherzugehen.

Tina blökt rum: Wann gehen wir denn in die Bierbrauerei? Fassungslos vernimmt sie, daß die Stadtrundfahrt und die Bierbrauerei für unseren unfolgsamen Bus gestrichen ist. Keine Werbefahrt - keine Bierbrauerei. Ich kann gerne darauf verzichten, mit diesen Schnapsdrosseln an eine solche Stätte zu gehen. Mir scheint, die anderen legen auch keinen gesteigerten Wert darauf.

Um halbelf Abmarsch zur Bushaltestelle, dann zur Metro. Alles sauber, gepflegt, keine Penner. Die hohen steilen Rolltreppen fahren in rasantem Tempo, die Leute stehen in vorgebeugter Haltung darauf. Eine aufgeonnerte Alte klopft plötzlich unvermittelt mehrmals gegen die Rolltreppenverkleidung, macht dabei einen Mordslärm und erschreckt alle kräftig damit. Christoph kommentiert die Szene trocken: "Die würde doch auch gut in unseren Bus passen". Viele Rucksacktouristen sind unterwegs, hauptsächlich Deutsche, auch ein paar Engländer. Doch Prag ist heute eindeutig in deutscher Hand.

Martin wird immer noch als Leithammel anerkannt und strebt zum jüdischen Friedhof, vorbei an vielen "Pulvertürmen". So ganz rausgekriegt hatte ich das eigentlich nicht, was das mit den Pulvertürmen auf sich hatte. Der jüdische Friedhof ist geschlossen. Schade. Man kann nur einen Blick durch das schmiedeeiserne Gitter auf die Grabsteine werfen. Gegenüber gibt’s natürlich auch Souvenirs zu kaufen, T-Shirts, die schönsten sind allerdings weg, wie Ute feststellt.


Blick über die Moldau auf die Prager Burg

Weiter schlendern wir, zur Karlsbrücke. Es wimmelt von Menschen, genauso wie am Abend vorher. Aber alles ist friedlich. Überall unauffällig Polizei dazwischen. Einmal gellt eine Polizeisirene, das Geräusch ist wahrhaft aufdringlich.

Wir haben es nicht eilig und lassen uns Zeit, die alten Häuser bei Tageslicht zu betrachten. Natürlich auch hier eine Menge Schaufenster, die Marionetten begegnen uns wieder, auch ausgefallene, aber wohin damit zu Hause? Da lasse ich sie doch lieber hängen. Auf der Brücke Staffeleien mit den unterschiedlichsten Malstilen, Schmuck, Puppen, die berühmtesten Häuser Prags im Miniformat aus Fimo oder irgendso einem ähnlichen Material.

Mitten auf der Brücke eine Dixieland-Band, lauter Originale sind hier zugange, umstanden von einer Menge Zuschauer. Eine schöne Kulisse zum Spielen.


Marionetten an der Karlsbrücke

Auch hier beherrschen die Deutschen mit Rucksack und Isomatten das Bild.

Unter der Brücke locken verheißungsvoll Terrassen an der Moldau, und ziehen mit roten Sonnenschirmen die Blicke auf sich. Es ist ziemlich warm, eine Abkühlung täte gut.

Es kann ja nicht weit sein. Gleich rechts ab. Doch wo geht’s zur Terrasse? Eine Einfahrt, ein Fehlversuch. Doch beim nächsten Hauseingang werden wir fündig. Eine ganz schmale steile Treppe führt hinunter zum Wasser. Der Verkehr auf diesem schmalen Treppchen wird durch eine Ampel geregelt. So was haben wir auch noch nie gesehen.

Wir finden verteilt gerade noch Platz und kommen mit den Leuten drumrum ins Gespräch. Die sind zwar nicht mit SSO da, aber sie haben auch zu motzen. Sie wohnen auch in der Uni-Bettenburg und haben schon vor zwei Monaten gebucht. Neben uns sitzt ein Paar, das seine Karte in Deutschland gekauft hat für 60 DM. Hier kosten sie 35 DM. Beim Konzert begegnet sie uns sogar mal für elf DM.

Das Bier schmeckt gut, sogar mir. Stundenlang könnte man hier sitzenbleiben, dem Wasser nachträumen und sich die Sonne auf den Pelz brennen lassen. Doch in der Hitze ist es natürlich gefährlich, dem Bier zuzusprechen.

Nach einem Stündchen geht’s weiter, zum Tomas-Keller. Laut Martin ein "Muß",wenn wir nun schon mal hier sind. Aber wo ist der Tomas-Keller? Ein Taxifahrer schickt uns mal rechts rum, mal links rum. Andere Einheimische mal links rum, dann rechts rum. Der Tomas-Keller ist nicht ganz einfach zu finden. Dabei steht doch im Reiseführer, wie voll der immer ist und daß man da keinen Platz kriegt.

Doch tapfer fragen wir uns durch, doch zwischendurch wird Leithammel Martin abgewählt und durch Christoph ersetzt. Und siehe da, wir finden doch noch an unser Ziel. Martin hat recht, es hat sich viel verändert, seit er hier war. Die Straße ist total aufgerissen, neue Schienen werden verlegt. Über Stock und Stein und eine Holzbrücke erreichen wir dann endlich das Lokal.

Ein schöner Biergarten, ganz abgeschieden hintendrin. Voll! Doch wir haben Glück, gerade erhebt sich eine ganze Meute. Einer warnt uns noch: Leute, es hat ewig gedauert, bis wir mal was zum Trinken gekriegt haben.

Ach was, das passiert uns nicht. Gut gelaunt schlagen wir die Warnung in den Wind, und erleben am eigenen Leibe, was Hunger und Durst heißt. Der Kellner wusselt vielbeschäftigt zwischen den zahlreichen Neuankömmlingen hin und her, bis er endlich mal was zu trinken bringt, ist eine halbe Stunde schnell vergangen.

Das Essen schmeckt sehr gut, als es endlich mal kommt und ist äußerst übersichtlich angeordnet, als Vorspeise durchaus geeignet. Naja, vielleicht sollte man doch bei Mc’Donalds noch mal zuschlagen.

Unsere Wege trennen sich nun. Beim Essen haben wir - Christoph, Beate und wir, hoch und heilig beschlossen, im Mai 96 zusammen noch mal eine Woche lang Urlaub in Prag zu machen. (Natürlich ist nie etwas aus diesem Vorhaben geworden.)

Die vier anderen fahren direkt zum Stadion, wir wollen nochmal zurück ins Zimmer, die Kamera zurückbringen und ein bißchen die Füße hochlegen. Ich hab Bedenken, diese anstrengenden Tage körperlich durchzustehen. Doch einen kleinen Stadtbummel mute ich mir noch zu.

Doch viel Zeit ist nun nicht mehr geblieben. Die Bandscheibe macht einigermaßen mit, trotz der siebzehn Stunden gestern im Bus, aber einen solchen Kopfschmerztablettenkonsum wie gestern und heute habe ich sonst in einem halben Jahr nicht. Wir spazieren nochmal über die Karlsbrücke, verlieren uns in den Straßen und finden uns doch am Wenzelsplatz wieder. Da finden sich nun schon die touristischen Hinterlassenschaften.

Der Weg zurück mit Metro und Bus ist uns schon vertraut. Langsam kennt man sich doch aus und merkt sich die Richtung, wo wir heute abend zurückmüssen. So gegen sechs sind wir wieder in unserem Zimmerchen und eine Viertelstunde später schon wieder auf Achse. Streß, Streß, Streß.

Diethard will noch Geld tauschen, während ich auf Werner treffe, der gerade seine Bustoilette in Schuß bringt. Er ist ganz entsetzt, weil ich hier alleine rumlaufe, während er uns alle auf dem Konzert wähnt, aber ich beruhige ihn, alles in Ordnung. Drei junge Fans kommen gerade anmarschiert, wir schließen uns an in Richtung Bus.

Keiner weiß genau, wo es eigentlich zum Stadion geht, doch die Verbindung klappt hervorragend. Bus, Metro C, Umsteigen, Metro A, wieder umsteigen. Die Straßenbahn steht schon da. Wann müsen wir eigentlich aussteigen? Das weiß zwar keiner, aber wir werden es schon merken. Ein Mann, kaum älter als ich, bietet mir seinen Platz an in der überfüllten Straßenbahn. Sehe ich tatsächlich so mitgenommen aus?

Die Stadion-Haltestelle ist unverkennbar. Menschenmassen strömen von allen Seiten herbei. Hochgehobene Eintrittskarten, elf Mark die billigste. Der andere, der nachgefragt hat, ärgert sich maßlos. Dosen werden eingesammelt, alle müssen abgegeben werden. Ein Schild mit einer durchgestrichenen Pistole prangt vorn an der Straße: Was will uns die Stadt damit sagen?

Eintrittskarte

Die Kontrollen bleiben äußerst lasch, ein kurzer Griff an meine Tasche, ein gleichgültiger Blick über meinen Pullover, die anderen werden genauso lasch abgegriffen. Sämtliche Dosen wurden vorher eingesammelt. Doch der Witz an der Geschichte - im Stadion werden Dosen in rauhen Mengen verkauft.

Ein etwas mulmiges Gefühl beschleicht uns schon. Wie wird das Publikum hier sein? Nach den vielen Besoffenen in den Bussen zu urteilen, könnte so manche Randale angesagt sein. Also wollen wir uns nicht nach ganz vorne in das Getümmel wagen und das Geschehen lieber vom Rande aus betrachten.

Es ist halbacht, die Meister werden gegen halbzehn erwartet. Das Stadion füllt sich. Wir fünf sind bisher zusammengeblieben, die anderen wollen auch nicht mittenrein und vielleicht können wir ja hinterher zusammen ein Taxi nehmen. Denn wenn 120.000 Menschen auf einmal nach Hause wollen, gestaltet sich das Wegkommen wahrscheinlich recht mühsam.

Überall stehen Schilder, was es zu essen gibt. Na prima, das späte Mittagessen hielt nicht lange an. Bei näherer Prüfung stellt sich dann heraus - Kartoffelchips gibt’s in rauhen Mengen, von anderen eßbaren Dingen kündet teilweise nur noch das Schild. Im Laufe des Abends knurrt uns dann noch sehr der Magen.

Doch vorläufig sind wir mit anderen Eindrücken beschäftigt. Die Musik ertönt in angenehmer Lautstärke, große Videowände sind aufgestellt, damit auch die Kleinen - so wie ich - was von den optischen Eindrücken auf der Bühne abkriegen. Kaum haben wir uns ein schönes Plätzchen erobert, fällt uns ein: Aufs Klo sollten wir vorher auch noch gehen. Aber wie wieder zurückfinden? Diethard führt mich, eine Frau nebendran hat vollstes Vertrauen, daß er wieder zurückfindet und hängt sich an uns. So bahnen wir händchenhaltend einen Weg zu den bekannten blauen Häuschen, vor denen ellenlange Schlangen ausharren. Wir erwischen sogar eine Schlange, in der es relativ schnell funktioniert. Ein junges Mädchen, das vor mir steht, hat es ziemlich eilig: "Mensch, als ich mich vorhin hinten angestellt hab, mußte ich noch nicht. Aber jetzt passiert gleich eine Katastrophe, wenn das noch lange dauert".

Ganz unterschiedliche Altersstufen sichten wir währenddessen, mehrere Generationen sind vertreten. Die Fast-Opas und -Omas wie wir, deren volljährigen Söhne und kleine Steppkes dazwischen, vielleicht schon die Enkelkinder? Viele Knirpse tragen stolz des Rolling-Stones-T-Shirt, auch wenn es ihnen fast bis zu den Knöcheln reicht.

Tatsächlich, wir finden unseren Ausgangsplatz wieder. Und langsam, aber sicher vergeht die Zeit bis zum ersehnten Auftritt. Die Vorband ist zwar auch nicht schlecht, doch kein Mensch kümmert sich drum, was die treiben. Es gibt kaum was Undankbareres, als Vorband berühmter Musiker zu sein.

Gegen halbzehn fängt die perfekte Show an. Von weitem wirkt Mick Jagger direkt jugendlich und voller Spannkraft, von seiner Figur und dem Herumgewirbel auf der Bühne könnte man sich sehr täuschen lassen. Wenn allerdings das Gesicht in Großaufnahme auftaucht, naja, da schwinden die Illusionen.

Die Show wird abgespult, fehlerlos, perfekt. Irgendwie zu perfekt für mich. Da stimmt fast alles. Was mir fehlt, ist ein Quentchen Spontanität und Draht zum Publikum. Ich sehe ja sowieso bloß das obere Drittel der Leinwand und kriege einen Riesenhaß, wenn sich die Mädchen vornedran huckepack nehmen lassen und damit den Dahinterstehenden sämtliche Sicht versperren. Ich lasse es mir ja gefallen, wenn die mal zwei Minuten da oben sitzen, aber länger, ne liebend gerne würde ich denen einen Tennisball oder sonstwas an den Kopf schmeißen. Zu schade, daß ich mein Hockerchen nicht dabei habe. Es hätte sich hier gut mitnehmen lassen.

Übrigens, ich stelle fest, die Beatles liegen mir doch wesentlich mehr. Mein absolutes Lieblingslied von den Rolling Stones - As tears go by - kann eh nicht gespielt werden, weil die Streicher fehlen.


Mick und Keith

Doch die Jungs sind gut drauf, die Musik kommt gut, zwei Stunden lang ziehen sie ihre Show ab. Die einfallsreiche Light-Show bietet auch was fürs Auge. Neben uns vernebeln Hasch-Wolken die Luft, andere nehmen irgendwas mit dem Teelöffel ein. Das Volk drumrum ist ausgesprochen friedlich. Vereinzelt liegen Kaputte auf dem Boden herum. Doch jeder bemüht sich auszuweichen und keinen auf den Kopf oder die Hand zu treten. So ganz einfach ist das in dem Gewühle ja nicht, es erfordert schon eine gewisse Geschicklichkeit und Körpermotorik. Zumindest in unserem Umfeld gibt es keine Aggressionen oder Randale, und auch später hören wir nichts davon.

Nach einer Stunde Konzert bin ich fällig. Kann kaum mehr stehen und habe das Gefühl, demnächst in der Mitte durchzubrechen. Der Hörgenuß wird dadurch merklich geschmälert. Ich hab regelrecht Angst, den Heimweg im wahrsten Sinn des Wortes nicht mehr durchzustehen. Wer weiß, wie lange der Abtransport dauert.

Kurz vor Ende der Zugabe gehen wir. Das prachtvolle Feuerwerk kann man auch von draußen noch gut bewundern.

Doch die Organisation läuft prächtig. Eine Straßenbahn nach der anderen rollt an. Unsere muß sogar noch ein bißchen warten, bevor sie voll ist. Wir haben sogar einen Sitzplatz ergattert. Welch Wohltat. Auch die erste Metroverbindung klappt ausgezeichnet. Wir wären ja gerne am Wenzelsplatz ausgestiegen und hätten uns noch ins Nachtleben gestürzt, aber da wir nicht wissen, wie das mit den Taxis klappt, fahren wir doch lieber gleich ins Hotel. Verdammt müde sind wir beide, und ich kann kaum mehr krabbeln.

Auf die zweite Metroverbindung müssen wir lange warten. Doch irgendwann steigen wir an unserer Bushaltestelle aus. Fahren denn auch die Busse länger? Das wissen wir nicht. Doch ein Bus, der allerdings nicht in unsere Richtung fährt, kommt vorbei, obwohl laut Fahrplan schon seit einer halben Stunde keiner mehr fahren dürfte. Das berechtigt uns doch sicher zu der Hoffnung, daß die anderen Linien auch noch fahren. Wir stehen fast eine halbe Stunde rum, dann kommt von einer amtlichen Stelle, d. h. von der Frau hinterm Fahrkartenschalter, die Auskunft: Kein Bus fährt mehr heute nacht.

Diskussionen beginnen, wo geht’s eigentlich lang? Diethard und ich wissen genau, da vor zum Kreisel, das ist richtig. Die eine Hälfte glaubt uns und marschiert mit, die andere Hälfte zieht in Gegenrichtung los.

Ein Fußmarsch von einer halben Stunde steht uns noch bevor. Zwar fahren eine Menge Taxis vorbei, doch alle sind unbeleuchtet, also besetzt. Keine Chance, eines anzuhalten.

Diethard weiß Bescheid. Bis zum Kreisverkehr weiß ich das auch. Denn genau da sind wir doch heute nachmittag mit dem Bus gefahren. Dann allerdings regen sich leise Zweifel. In welcher Straße müssen wir raus? Diethard entscheidet bestimmt, und die ganze Blase trottet hinter ihm her. Meine Zweifel allerdings wachsen immer mehr und ein Blick in das Gesicht meines Gatten bestätigt meine Vermutung: Auch er ist sich seiner Sache nicht so sicher, wie er tönt. Die Jugendlichen, die vorausmarschieren, haben plötzlich Glück. Ein Taxi kommt zurück und hält an. In Nullkommanix sind die verschwunden. Und keiner hat genau gesehen, in welche Richtung.

Nach weiterem Fußmarsch erwischen auch wir ein Taxi, doch der Fahrer läßt uns nicht mehr einsteigen. Es sind nur noch 300, 400 m bis zum Ziel.

Tatsächlich, der Anblick der Wohnheime erfreut uns alle ungemein. Es dürfte inzwischen so halbdrei Uhr morgens sein. Der Hunger quält unsere Eingeweide. Aus der Disco kommt uns eine Frau entgegen, die einen Turm Pappteller-Würstchen in der Hand trägt. Nix wie hin. Aber leider - alles ist aus. Bis wir uns überlegen, ob die Gulaschsuppe Vertrauen weckt, ist die auch alle. Frierend sitze ich nun neben meinem Gatten auf dem Holzbänkchen, während der mit sichtbarem Behagen sein Bierchen kippt, und falle fast vom Hockerchen. Doch irgendwann ist sein Bierglas leer und wir fallen ins Bett.

Vor lauter Angst zu verschlafen schlafe ich kaum ein. Die Disco-Musik stampft vor unserem Fenster, unten grölt’s die ganze Nacht und morgens randaliert einer wild durch die Gegend. Während ich mich fertigmache und die Koffer packe, hoffe ich inständig, daß dieser Mensch nicht zu unserm Bus gehört. Wir sind sehr gespannt, wie die Heimfahrt verlaufen wird. Sind die Schnapsleichen dann abgefüllt, ruhig und friedlich? Oder drehen sie nun erst recht aggressiv auf?

 

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