Freitag, 1. August 95

17 Stunden Bus - Die Reise nach Prag

 

Um vier Uhr morgens starten wir am Hauptbahnhof in Karlsruhe. Zur Wahl stehen drei Abfahrtsorte auf unserem Infozettel: Rastatt, Karlsruhe, Ittersbach. Na prima, drei Einsammelstellen, das können wir verkraften.

Pünktlich lungern wir am Hauptbahnhof Karlsruhe herum, die ersten Reisespesen sind schon verbraucht, zwei mal fünfzig Pfennig fürs Klo. Sowohl bei den Damen als auch bei den Herren sind mehrere Toiletten zugeschlossen, offensichtlich übernachtet so mancher darin. Aus dem Herrenklo schlurft breitbeinig ein junger blonder Mann mit merkwürdig eckigen Bewegungen. Was hat der wohl auf dem Klo gemacht?

Schon ergibt sich das erste Problem. Vor dem Hauptbahnhof ist eine große Baustelle! Wo soll hier ein Bus halten? Bei den Taxifahrern, vor dem Bahnhofseingang steht ein einzelner Mann rum, den frage ich. Volltreffer! Es ist Werner, unser Busfahrer.

Werner ist nicht informiert, wieviele Fahrgäste er an den Stationen abholen wird. Er weiß noch nicht mal, ob überhaupt welche kommen. Wer pünktlich ist, steigt ein. "Den Letzten beißen die Hunde"! Das ist das Motto der billigen Werbefahrten.

Noch ist der Bus fast leer. Auf dem Rücksitz liegen zwei schlappe Gestalten. Ganz vorne sitzt noch ein sympathisch aussehendes Paar in unserem Alter. Der Busfahrer lästert schon: "Hab ich mir doch gedacht, daß da laUllar Mittelalter vertreten ist." Wir vier Zusteiger aus Karlsruhe haben noch die freie Auswahl unter den Plätzen und wir entscheiden uns für die goldene Mitte.

Weiter geht’s nach Ittersbach. Rauf auf die Autobahn, runter über die Dörfer. Pünklich treffen wir in Ittersbach ein. Einmal rechts durchs Dorf, erweist sich als falsche Richtung. Wenden, einmal andersrum. Tatsächlich, der Busfahrer, ein lockerer Vogel mit amüsanten Sprüchen im breiten Dialekt, findet die vorgegebene Haltestelle in der dunklen Einsamkeit. Keine Einsteiger! Also ein Stündchen Busfahrt mehr für den Preis.

Wir wissen inzwischen, daß nicht nur die drei angegebenen Haltestellen angefahren werden. Denkste! Vier weitere stehen uns noch bevor - Leonberg, Stuttgart, Ludwigsburg und Heilbronn. Geschätzte Fahrzeit von Karlsruhe nach Heilbronn: läppische vier Stündchen. Mit dem Pkw dauert’s rund eine Stunde.

Nun ja, wir wollen billig zu den Rolling Stones fahren und viel von Prag sehen. Noch sind wir gUllan MUllas und freuen uns auf die nächsten Tage.

Leonberg. Wo ist der Bahnhof? Gefunden nach kurzer Zeit. Wir sind etwas zu früh dort, die ersten Kontakte zwischen den Mitreisenden werden geknüpft. Aus dem Bus steigt plötzlich wie eine Schlafwandlerin eine schlanke Frau mit kurzen dunkeln verwuschelten Haaren und stakst grußlos in Richtung Toilette. Wir hinterher. Ich fordere noch schnell Kleingeld vom Gatten, aber die Toilettenbenutzung kostet nichts. Dafür ist es auch eine der altmodischsten und dreckigsten, die ich je in deutschen Bahnhöfen zu Gesicht bekam.

Abfahrtszeit. Kein Neuer. Achselzuckend schließt Werner die Türen und gibt Gas, während von weit vorne noch ein Pärchen angeschlendert kommt. Wollen die mit? Werner hält noch mal an und fragt. Tatsächlich, der stattliche Mittfünfziger mit der schätzungsweise halb so alten blonden Frau neben sich will auch nach Prag.

Nächste Station, Stuttgart. Hier tröpfelt’s scharenweise in den Bus. Zwei Paare zwischen 20 und 30, na, die sehen ganz nett aus. Noch ein paar Gestalten steigen ein, und weiter geht’s.

Ludwigsburg. Mindestens zehn, zwölf Leute stehen erwartungsvoll am Bahnhof. Busklappe auf, Gepäck rein. Eine Gruppe von acht Jugendlichen drängelt sich mit einer riesigen goldfarbenen Kühltasche herein. Was? Da sitzen schon welche im vorderen Bereich? Das ist aber dumm. Denn die Gruppe will unbedingt zusammensitzen und zwar vorn, nicht etwa hinten, da wären ja noch Plätze frei. Inzwischen hat sich dort ein auffälliges Pärchen niedergelassen, sie ein übriggebliebenes Blumenkind und er ein braungebrannter schwarzhaariger Guru-Typ im bunten Gewand mit Fußkettchen und langem schwarzen Bart.

Enttäuschung malt sich auf den acht jugendlichen Gesichtern, ein aufgeregtes Palaver schwirrt hin und her, bis sich ein vorne sitzendes Paar erbarmt und weicht. Na endlich, warum nicht gleich so! steht auf den acht Gesichtern zu lesen.

Heilbronn: Zwanzig Minuten zu früh. Zeit zum Beine vertreten. Vier Leute schnappen sich aufgeregt den Busfahrer am Kragen. Ein Weib im Schlafanzug (nein, es sei ein Hausanzug) erzählt sie uns später) redet wie ein Wasserfall auf den armen Kerl ein. Die vier wollten in Karlsruhe einsteigen und standen brav am Busbahnhof, doch Werner fuhr, wie es auf dem Zettel stand, an den Hauptbahnhof. Nachdem die Bushaltestelle am Hbf wegen der Baustelle momentan nicht erreichbar ist, war das Ganze zugegebenermaßen ziemlich mißverständlich. So standen nun dort sechs Leute mitten in der Nacht am vermeintlichen Treffpunkt, doch kein Bus erschien. Zwei waren wieder abgezogen, die anderen vier hatten sich, nach einem heftigen Telefonat mit SSO, ein Taxi genommen und waren direkt nach Heilbronn gefahren. Die Zeit reichte lässig dafür, schließlich brauchte unser Bus ja dreieinhalb Stunden für die Strecke.

Da geschieht es zum ersten-, aber nicht zum letztenmal, daß ich mit den armen Busfahrern Mitleid empfinde.

Ein weiterer Bus steht schon da, und nun beginnen die Diskussionen und der Versuch der Organisation zwischen den beiden Busfahrern. Wer nimmt wieviele Fahrgäste mit und wer fährt noch andere Haltestellen an? Bisher ist noch gar nicht mal klar, wieviel Fahrgäste es inzwischen überhaupt sind? Schließlich schlappen ja immer noch ein paar neue an. Wie zum Beispiel die beiden heißen Pärchen, die schwitzend und erkennbar alkoholisiert, morgens um acht Uhr schon, dem Busfahrer auf die Pelle rücken. Doch der hat andere Sorgen, er muß nämlich erst mal mit SSO telefonieren.

Wir Fahrgäste beschnüffeln uns unterdessen gegenseitig. Die Busfahrer haben das telefonische Ergebnis erhalten: Unser Bus muß noch in Weiden, kurz vor der Grenze, Leute einsammeln.

Wir fragen den Busfahrer, wann wir schätzungsweise in Prag ankommen werden. Seine Antwort haut uns fast um - so zwischen 16 und 18 Uhr, so lautet seine Aussage. Doch so recht zu glauben vermögen wir das jetzt, morgens um halbneun, noch nicht.

Der Busfahrer ist inzwischen abgelöst, der neue, er heißt Walter, entpuppt sich als ebenso lockerer Vogel mit trockenen Sprüchen im Balinger Dialekt. Wir haben mitgekriegt, daß wir auch den Bus wechseln könnten. Unserer ist ziemlich alt und hat schon dreißig Jahre auf dem Buckel. So sieht er auch aus. Walter versucht sein Volk am Fliehen zu hindern. Ich frage ihn, weshalb wir eigentlich in dem alten klapprigen Bus bleiben sollten, wenn nebendran was Moderneres steht. Da müßte er schon ein schlagkräftiges Argument bringen. Werners Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Weil Sie mir gfalled, dös hab i mir vom erschde Momend a denkt, wo i Sie gsähe hab." Diethard grinst sich eins, mir fällt dazu keine Antwort mehr ein und die Schlafanzug-Dicke murmelt etwas Unverständlich-Bissiges vor sich hin.

Nach einer Stunde Rumstehen in Heilbronn sind vorläufig alle Unklarheiten beseitigt. Es geht weiter. Aufruhr im Bus. Die vier angeheiterten Gestalten wollen unbedingt zusammensitzen. Nach minutenlanger Diskussion macht ein Pärchen vorne freiwillig Platz und verzieht sich in sichere Entfernung.

8.40 Uhr. Abfahrt Heilbronn. Die Leute haben Sehnsucht nach einer Tasse Kaffee. Zwei von den Heilbronnern trinken unentwegt Orangensaft aus einer riesigen Flasche und pöbeln sich im Bus an. Die Frau, Tina, dreht sich um und versucht, die langweilige Gesellschaft hinter sich zu motivieren, indem sie den Daumen hochhebt: "Ej, seid ihr ready für die Rolling Stones?" Der Geliebte daneben dreht sich auch mühsam um und streckt den Daumen in die Luft, wo er denn angesichts der ablehnenden Gesichter und des eisigen Schweigens rundherum langsam wieder abstürzt.

In der Flasche scheint nicht nur Orangensaft zu sein. Tina kriegt Krach mit ihrem erkennbar jüngeren Geliebten und sucht sich beleidigt einen Platz möglichst weit weg von ihm. Während sie nach hinten schwankt im fahrenden Bus, verliert sie den Halt und fällt einem älteren Fahrgast in den Schoß. Der greift reaktionsschnell zu. Die Fahrgäste verfolgen - noch - belustigt das Geschehen, die Zeit vergeht doch so viel schneller. Es ist überhaupt nicht langweilig im Bus. Dann taucht die bedeutsame Frage auf: Wann kriegen die die fünf Mark, die jemanden mitgebucht haben? Als Walter andeutet, daß man die höchstens auf der Werbeanstaltung, wahrscheinlicher aber gar nicht kriegt, gibt’s Zoff. Die ersten Drohungen mit dem Rechtsanwalt fliegen durch die Luft.

Zwischendurch erschallt plötzlich ein wiederholtes lautes Gehämmer. Wir drehen uns um, gottseidank, kein Schaden am Bus. Offensichtlich muß einer sein Bier loswerden und die Toilette ist seit einer Viertelstunde besetzt. Der, den die Blase drückt, flucht kräftig und schlägt fast die Klotür ein. Der drinnen klopft zurück. Nach mehrmaliger minutenlanger Polterei bequemt sich der Guru dann aus dem engen Kabüffchen heraus.

Tina sucht währenddessen sämtliche Gepäckablagen durch, befingert alle Rucksäcke und Pullover, während die Betroffenen ganz genau auf Tina’s Tun aufpassen. Tina ist verzweifelt. Sie sucht ihr Jäckle. Da ist doch alles drin - das Geld, die Papiere. Doch nach wenigen Minuten stellt sich heraus - die Schwester hat das Jäckle geborgen. Gottseidank, Tina strahlt erleichtert in die Runde.

Zwölf Uhr - Ankunft in Weiden. Die Nikotinsüchtigen müssen ihre Sucht noch beherrschen und sitzenbleiben, so schwer ihnen das auch fällt. Doch erst wird abgezählt. Drei, vier weitere alkoholisierte junge Männer steigen mit ein. Der Fahrer fragt die Gäste ab, wieviele Doppel- und Einzelzimmer gebraucht werden. Diese Informationen gibt er jetzt telefonisch an SSO durch, damit die Organisation überhaupt weiß, wieviele Personen teilnehmen und wieviele Zimmer bereitgestellt werden müssen. Indessen überschlagen sich die Nikotinsüchtigen beinahe und fallen fast die Bustreppe runter, um den Nikotinspiegel wieder auf Normalmaß zu bringen, während sämtliche Fahrgäste im Bahnhof ausschwirren, eine Kleinigkeit essen und die Toilette blockieren.

Ein weiteres Stündchen Rumstehen in der Affenhitze, bis der Busfahrer alles geklärt hat, die bis an den Rand gefüllten Abfalleimer geleert und das Geld in bar kassiert hat. Das Kassieren gestaltet sich als schwierig. Der besoffene Blonde aus Heilbronn behauptet doch glatt, er hätte vorhin bereits bezahlt. Walter bleibt gelassen: "Bei mir welled se bezahlt hou? I war gschwind telefoniere. Mir händ se ganz beschdimmt nix gäbbe." Blondi mit dem langsamen Blick beharrt auf seiner Aussage. Tina ist fassungslos. Ein anderer Fahrgast hat angeblich gesehen, wie Blondi die Hunderter aus der Tasche zog und damit in die Bahnhofshalle steuerte. Tina versucht verzweifelt, ihren Partner durch Überreden zu überzeugen, mal in der Hosentasche nachzugucken. Irgendwann dringt es in sein vernebeltes Hirn und er folgt der dringlichen AuSSOrderung. Und siehe da, das Vermißte findet sich.

Der Bus heizt sich gut auf in der Zwischenzeit.

An der Grenze logischerweise ein weiterer Aufenthalt. Warten auf die Zöllner. Eine Menge Schrottautos stehen an der Grenze auf Anhängern. Der Busfahrer ist beschäftigt mit der Abwicklung der Formalitäten, während unter den wahrhaft unterschiedlich gemixten Fahrgästen Kontakte geknüpft, SSO-Erfahrungen zum besten gegeben werden und langsam die ersten Aggressionen ausbrechen.

Es dauert, bis Walter seine in alle Winde verstreuten Schäfchen wieder eingefangen hat, nachdem die Grenzformalitäten erledigt sind. Um halbdrei geht’s weiter.


Häuserzeile in Prag

Die Atmosphäre im Bus ist inzwischen sehr gespannt. Es hat kräftig angefangen, zu regnen. Darauf sind wir nicht eingestellt, wir haben kein Regenzeug dabei. Außerdem müßte ich mal dringend aufs Klo, aber von dort mieft es jedesmal entsetzlich, wenn einer die Tür öffnet. Doch irgendwann setze ich die Prioritäten anders. Gleich danach hält Walter völlig unvermutet vor einem Toilettenhäuschen. Aber naja, da war die Stätte im Bus doch wesentlich gastlicher.

Alles quält sich raus mit eingerosteten Knochen. Am flinkesten wie immer die Raucher. Die Säufer haben es wesentlich schwerer. Tina packt die Treppen zum Klohäuschen kaum noch. Doch Blondi hilft ihr beim steilen Aufstieg dorthin. Tina braucht fast alle viere für die schwierige Aufgabe. Erstaunt stelle ich fest, daß der Guru schwankt, als hätte er zwei Promille. Später kriege ich mit, daß er auf dem Klo gefixt hat. Seine Frau tut mir leid, das schmale stille Blumenkind. Während der Pause fragt sie ihn offensichtlich nach Geld, worauf er sie aggressiv anmotzt und ihr den Geldbeutel unter die Nase hält: "Da guck, da sind noch vierzig Mark drin. Mehr hab ich nicht." Was ihn allerdings nicht daran hindert, eine Flasche Bier nach der anderen zu konsumieren.

Nach der Weiterfahrt gibt’s Krach auf der Rückbank, weil sich ein Besoffener aus Weiden dort breitmacht. Tom, der Guru, faucht ihn an: "Vorsicht, du, ich hab ein Messer dabei." Seine Frau sitzt neben ihm, sie weint schon die ganze Zeit. Im hinteren Teil des Busses hängt einer über’m Geländer und gibt eklige Geräusche von sich. Er wird doch nicht kotzen? Dann kotz ich ihm aber über den Kragen, mir wird schon schlecht, wenn ich das bloß höre.

Glücklicherweise fängt er sich noch. Hinten sitzt ein dicker Alter, mit einem jungen, leicht mongoloid wirkenden Mädchen . Seine Tochter? Er behandelt sie allerdings eher wie seine Geliebte, höre ich von den anderen, die die beiden im Blickfeld haben. Die Viererbande aus Weiden säuft und säuft und schmeißt ihren ganzen Müll im Bus herum.

Um 18.15 Uhr erreichen wir endlich Prag.

Doch im Hotel sind wir deswegen noch lange nicht. Am Golfhotel, dem Sammelpunkt für sämtliche SSO-Busse, geht Walter erstmal weitere Instruktionen einholen. Seinen Abschiedsspruch können wir inzwischen auswendig: "I gang mol gschwind telefoniere".

Inzwischen haben auch alle Fahrgäste begriffen, daß es sich hier um eine Werbefahrt handelt und demzufolge mit einer Werbeveranstaltung verbunden ist. Diese Information stand nämlich nicht auf den Buchungsunterlagen, einem einfachen Briefumschlag mit Außenwerbung. Und schließlich kennt ja nicht jeder SSO. Die Diskussionen werden immer heftiger und lautstärker. Wilde Drohungen gegen "Ess-Ess-Null" erfüllen die Luft. Die lange Zeit im Bus, das ewige Warten und Stillsitzen, der Durst, der Hunger und die bittere Erkenntnis, daß man heute wohl von Prag nicht mehr viel zu sehen bekommt, erhitzt die Gemüter. Einigkeit besteht in einem Punkt plötzlich unter allen Fahrgästen - so unterschiedlich sie sonst auch sind: Wir wollen nicht zur Werbeveranstaltung. Wir wollen unsere Eintrittskarten. Und zwar jetzt sofort!

Der Busfahrer verschwindet wieder und gibt unsere Aufmüpfigkeit bekannt. Ein arrogant auftretender junger Schnösel, nach eigenen Angaben zuständig für die Organisation der Karten, verspricht uns lässig, wir würden die Karten gleich noch erhalten. Die anderen Busse vor uns hätten sie auch schon. Augenblicklich glätten sich die Wogen.

Walter erscheint, ohne Karten. Es sind nur noch 34 vorhanden, wir brauchen 60. Der Sturm im Wasserglas bricht sofort wieder los. Der Werbeverkaufsleiter, der uns das Nähere erklären soll, erscheint nach einigen Minuten. "Die Karten bekommen Sie morgen früh bei der Werbeverkaufsveranstaltung". Heftige Ablehnung schlägt ihm entgegen. Keiner will hingehen. Man hält uns undankbarem Volk vor, daß uns dann das im Preis inbegriffene Mittagessen entgehe. Das interessiert allerdings keinen. Sondern nur die Frage: Wo sind unsere Karten?

Der Werbefritze mag uns nicht. Man spürt es deutlich. So einen aufsässigen Bus hat er noch nicht gehabt. Die anderen haben anscheinend die Veranstaltung akzeptiert, wenn auch viele nicht hinkommen werden. Doch heute geschieht es, wohl zum erstenmal, wie Walter grinsend meint, daß keine Werbeverkaufsveranstaltung stattfindet.

Werbefritz verspricht uns hoch und heilig, daß wir die Karten morgen früh um halbzehn bei Walter abholen können, und zieht beleidigt von dannen. Dafür steigt unsere tschechische Reiseleiterin ein. Sie zeigt uns voller Stolz, wo Karel Gott wohnt und kassiert dafür Buh-Rufe. Sie reagiert etwas pikiert und verwirrt, solche Reaktionen ist sie sicher normalerweise nicht gewohnt.

Sie verkauft Metrotickets, tauscht Geld und erklärt beiläufig, daß zum Konzert hunderttausend weitere Gäste, zusätzlich zum normalen Tourismus, in der Stadt seien und Unterbringungsschwierigkeiten bestünden, sprich, das Hotel etwas einfacher sei.

Um viertel nach sieben, verschwitzt und hungrig, stehen wir endlich vor einigen wenig einladenden Hochhäusern. Ein Studentenwohnheim ist das, hören wir. Die Studenten wurden erbarmungslos ausquartiert übers Wochenende, damit die Touristenscharen ihr müdes Haupt irgendwohin legen können. Bloß ist noch nicht klar, welches Gebäude für uns auserwählt ist. Also warten wir mal wieder auf die Reiseleiterin, die Zettelchen verteilt, auf denen der Frühstücksraum und das Hotel eingezeichnet sind. Das "Hotel" ist zwar in Sichtweite, trotzdem müssen wir alle wieder einsteigen und rüberfahren. Die Reception pickepackevoll, die Menschenmassen stehen draußen vorm Eingang mit ihren Koffern. Ratlosigkeit kommt auf. Die Reiseleiterin ist nicht mehr zu sehen. Das Gerücht verbreitet sich, daß keine Zimmer mehr da sind.


Unsere Heimat für zwei kurze Nächte

Doch zu guter Letzt klärt sich noch alles. Die Reiseleiterin erscheint mit einer Schachtel voller Schlüssel, anhand einer Liste wird ausgeteilt. Wir sind fast die letzten; die uns zugeteilte Zimmernummer hat schon jemand. Das weiß ich zufällig, weil ich mich vorhin mit den beiden unterhalten habe. Aber vielleicht hab ich mich auch getäuscht. Schließlich rumort der Magen vor Hunger. Meine Kopfschmerzen steigern sich. Während der Wartezeit auf die Schlüssel fängt Tina an, Diethard anzupöbeln. Der kümmert sich kaum drum, aber ich kann meine Klappe nicht mehr halten. Beinahe brechen Urgewalten aus.

Es ist halbneun abends, hier draußen gibts nichts zu essen, kein Lokal in Sicht, nichts ist organisiert, die Stimmung auf dem Nullpunkt.

Die Reiseleiterin erklärt in unsere enttäuschten Gesichter hinein: "Wir haben gesagt, die Leute haben Hunger nach der langen Reise, wenn sie ankommen, müssen sie etwas zu essen haben, aber man hat uns gesagt, die Touristen sollen in die Stadt gehen."

In die Stadt gehen, bedeutet: Erst mal zur Bushaltestelle laufen, keiner weiß, wo die ist. Mit dem Bus zur Metro, mit der Metro in die Stadt. Woher soviel Energie nehmen?

Rauf in den sechsten Stock. Die Zimmernummer ist bereits vergeben, wußt’ ich’s doch. Aber es sind jeweils zwei Zimmer in einem einfachen Appartement, zusammen mit einer Toilette und zwei Waschräumen. Gottseidank sind wir nicht mit den Säufern in einem Appartement gelandet.

Die beiden Mitbewohner, Maria und Friedel aus Weil am Rhein, stehen schon in den Startlöchern auf dem Flur, zwei junge Paare aus Stuttgart, Christian und Renate und Manni und Ulla versammeln sich auch schon. Schnell frage ich nach, ob wir uns noch anhängen dürfen. Die sechs warten noch, während ich den Koffer aufreiße, damit Diethard sein naßgeschwitztes Hemd wechseln kann und ich noch schnell auf Christian’s guten Rat hin die Schuhe tausche. Die Kopfschmerztabletten vergesse ich leider in der Hektik.

Eigentlich bin ich so gräßlich müde, so abgeschlafft und fertig mit der Welt, meine Sehnsüchte und Träume beschränkt auf ein Bett. Das Zimmer ist zwar kärglich eingerichtet, aber sauber. Doch jetzt zu streiken, hieße, schwere Gewitterwolken am Ehehimmel heraufzubeschwören. Also trotte ich mit. Bzw. renne ich mit zum Bus, der gerade an der Haltestelle vorfährt. Raus aus dem Bus, rein in die Metro.

Manni war schon mal in Prag. Er will uns zu einem ganz bestimmten Lokal führen. Am Wenzelsplatz steigen wir aus. Da wache ich nun wieder auf. Die schönen alten Gebäude der weitläufigen Straße sind gekonnt beleuchtet, ein wussliges Treiben und Leben auf der Straße, es wimmelt von Menschen. Ein lauer Sommerabend, so richtig geschaffen zum Bummeln und Treibenlassen und Urlaub genießen.

Zum Bummeln läßt Manni uns allerdings keine Zeit, im Dauerlauf traben wir an den wunderschönen Gebäuden vorbei, begegnen vielen "Pulvertürmen" auf unserem kilometerlangen Stadt-Run und lassen viele verlockende verheißungsvolle gastliche Stätten hinter uns. Die Auslagen der schön dekorierten Schaufenster - mit Marionetten, ausgefallenen Gläsern, Keramik, Puppen in der Puppe und was nicht noch alles - würdigen wir nicht mehr so recht.

Leithammel Manni läßt sich nicht beirren. Auch nicht durch die anfangs eher stillen, später lautstark vorgetragenen Meutereien seiner Mannen. Und tatsächlich, irgendwann findet sich der Keller doch noch. Eine ehemalige Folterkammer, urig hergerichtet. Und einen Platz für uns gibt’s auch noch. Aber leider nur kaltes Essen. Da bin ich doch sehr enttäuscht. Die Aussicht auf ein warmes Essen hatte meine Schritte die ganze Zeit noch beflügelt.

Maria sinkt in sich zusammen und ärgert sich fürchterlich, daß sie nicht vorher in eines der zahlreichen einladenden Restaurants abgebogen war. Das Essen kommt und kommt nicht. Es ist schon elf vorbei. Maria bricht fast am Tisch zusammen. Die beiden haben noch vier Stunden mehr Reisezeit auf dem Buckel wie wir.

Plötzlich steht Maria auf, sehr gerade und bestimmt steht sie vor der Bedienung und fragt nach, wie lange es noch dauert mit der Käseplatte. Eine halbe Stunde? In sehr bestimmten Ton bedeutet Maria ihr: entweder steht das Essen in zehn Minuten da oder die Bedienung könne es behalten.

Ergebnis: In zehn Minuten rollt das Essen an. Die Käseplatte ist köstlich, genauso wie das Roastbeef. Ich nehme das allerdings nicht mehr so ganz wahr, meine Kopfschmerzen nebeln mich ein.

Ansonsten macht es Spaß, die Runde ist nett, die Unterhaltung plätschert fröhlich vor sich hin. So gegen zwölf wird das Lokal dichtgemacht und wir spazieren noch zur Karlsbrücke. Die Müdigkeit fällt zum großen Teil wieder ab draußen in der frischen Luft, ich könnte jetzt eigentlich die Nacht durchtanzen und eintauchen in diese wimmelnde Atmosphäre. Unterwegs bewundern wir noch ein bißchen was von Prag. Viel zu wenig Zeit haben wir für die diese wunderschöne Stadt. Prag überstand schlimme Zeiten wohlbehalten, die schönen alten Bauten wurden kaum zerstört. In der Beleuchtung wirkt das Ganze wie eine vergrößerte Playmobil-Stadt .

Auf der Karlsbrücke plötzlich ein großes Hallo, da steht Manni doch plötzlich und unvermutet einem Kollegen gegenüber. Die Welt ist doch wirklich klein.

Zu viert, mit Maria und Friedel, fahren wir im Taxi zurück, in einem halsbrecherischen Tempo. Der erste Taxifahrer hatte keine Lust mehr so spät am Abend. Der zweite prescht, als würde er vom Teufel verfolgt, so im Schnitt mit Hundertzwanzig durch die Stadt.

So gegen halbzwei wanken wir ins Bett. Maria und Friedel links, wir biegen rechts ab. Diethard fängt schon an zu schnarchen, bevor er im Bett umgefallen ist. Ich bin hellwach, kann nicht einschlafen. Es ist so hell im Zimmer, so laut außenrum, und das Bett ungewohnt. Direkt vor unserem Fenster hämmert die Discomusik, begleitet vom lauten Gegröle der An- und Besoffenen. Gegen vier Uhr morgens kehrt ein bißchen Ruhe ein und ich finde ein Stündchen Schlaf, bis die ersten Frühstückskrakeeler lautstark den Morgen begrüßen.

 

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