28. September: Tanger

Malaga – Tanger. 92,5 Meilen. 6:00 Stunden Fahrtzeit.

Inzwischen haben wir in Tanger angelegt. Es ist 8.00 Uhr und erwartungsvoll sitzen wir in der Aquamarine Lounge. Aus Erfahrung wird man klug und so haben wir bereits zum Frühstück alles mitgeschleppt, was wir für den Tagesausflug brauchen, um den Frühstücksstress in Grenzen zu halten. Diesmal sind 8 Busse unterwegs. „Wir müssen warten, bis der Zoll die Erlaubnis gibt“, sagt die Hotelmanagerin. Nach ein paar Minuten „You can send the Germans.“ Die Germans wälzen sich zum Ausgang hin – der junge Mann an unserem Tisch lässt die Kamera liegen und ist heilfroh, als ich ihn frage, ob das seine ist.

Die Schiffstreppe runter – die Busse stehen parat – Verkaufsstände auch. Doch die haben sowieso keine Chance, weil ja jeder in den Bus strebt. Es dauert ein Weilchen, bis die Bus-Sardinenbüchsen alle beladen sind. Über Nacht hat sich das Straßenbild massiv verändert – schon ein riesiger Gegensatz von dem gepflegten Malaga zu dem orientalischen Tanger. „Ich fange mit der Besichtigung von hinten an“, sagt der einheimische Reiseleiter. „Weil es sehr eng ist und so viele Touristen kommen“. Er ist schwer verständlich, es dauert seine Zeit, bis man sich an die Aussprache gewöhnt hat. „Kabschbaddel“, hören wir des öfteren. Später stellt sich heraus, was das ist. „Cap Spartel“, ein Aussichtspunkt, bei dem Mittelmeer und der Atlantik zusammenfließen.

Er macht noch einen kleinen Sprachkurs mit uns: „Shokran“ heißt danke. Das wissen wir ja noch von Ägypten. „Salam aleikum“ guten Tag. Und „la“ ist ein ganz wichtiges Wort, schärft er uns ein. „la“ heißt nein. Aber nicht zweimal hintereinander sagen, grinst er. „La la“ bedeute nämlich Schwiegermutter. Und wir sollen die Handtaschen gut festhalten, sagt er. Und den Kindern nichts geben, sonst würden gleich 100 dastehen. Er warnt vor den „imitierten“ Waren der Straßenhändler, es sei viel besser, im großen Shop zu kaufen, den wir natürlich später besuchen werden.

Währenddessen fahren wir durch die Landschaft. Verdorrtes Gras. Rohbauten. Immer wieder Einheimische, zu Fuß unterwegs. Gehen sie zur Arbeit? Wohin? Unterwegs sieht man viele freilaufende Hunde, eine Frau treibt mehrere Kühe, eine andere holt Wasser mit einem Esel. Die Bauern hier sind arm, sagt der Reiseleiter. Sie benutzen noch einen Holzpflug. Wir fahren an Hühnchenfarmen vorbei, freilaufende Hühner sind das. Am Wegesrand ab und zu Abfall, in den Bäumen hängen manchmal vom Winde verwehte Plastiktüten. „Die Leute hier essen viel Fisch,“ sagt er, „drei- bis viermal die Woche, wenig Fleisch, und viel Gemüse“. Weil das billig ist: „Gemüse kostet zweimal nix“, lächelt er.

Wir sind am ersten Punkt angelangt, den Herkuleshöhlen. Busweise in Rekordschnelle werden wir durchgeschleust. Kaum stehen wir an einem Aussichtspunkt und der Reiseleiter hebt zu Erklärungen an, kommt der nächste Haufen. Stufen runter, Stufen rauf, rein in die dunkle Höhle, die beiderseits von Verkaufsständen umsäumt ist. Schon stockt der Touristenstrom, weil einzelne ausscheren wollen, Postkarten kaufen. Doch die Gelegenheit kommt noch oft. Die Attraktion der Höhle: Ein Loch im Felsen, durch das man das Meer sehen kann. „Die Landkarte von Afrika“, zeigt der Reiseleiter stolz. Nun, mit sehr viel Phantasie kann man tatsächlich die Umrisse in dem Loch sehen. Zurück im Gewühle, auf den engen Stufen zwängt sich die nächste Gruppe durch.

Nach dem „Kabschbaddel“ .ist die Medina und die Souks dran. Um es vorwegzunehmen, von dem Landausflug sind wirklich alle enttäuscht, mit denen wir sprechen. „I’m deeply unimpressed“, lästert Diethard. “In Tanger muss man wohl mit der Lupe die Attraktionen suchen, damit man Landausflüge verkaufen kann.“ Aber noch sind wir voller Erwartung, während wir an den großen Ferienpalästen der Millionäre und berühmten Persönlichkeiten vorbeifahren. Raus aus dem Bus. „Alle zusammenbleiben“, ruft der Leiter. „Bus 9“.

Gemeinsam sammeln wir uns auf einem großen Platz. „Zu einer Medina gehören immer 4 Dinge“, sagt der Reiseleiter. „Eine Moschee. Eine Koranschule. Ein Brotofen. Und ein Dampfbad.“ Moschee und Koranschule haben wir bereits gesehen, unterwegs auch viele Kinder in Schuluniform, mit Büchern oder einem Schulranzen auf dem Rücken, manche werden auch mit dem Auto gebracht, gar nicht so einfach für die Fahrer, sich einen Weg durch die Touristengruppe zu bahnen.

Der Frühstückskaffee macht sich bemerkbar. Als ich mitbekomme, dass ein Mann aus der Reisegruppe mit einem Einheimischen geht, der ihm die Toilette zeigt, sause ich hinterher. Noch mit dem Bild vor Augen, als ich vor über 30 Jahren in Marrakesch unterwegs war zu einer solchen Stätte, vor er es mir heute noch graust. Aber wat mut, dat mut, wie der Liebste immer sagt. Diesmal werde ich angenehm überrascht. Bisher haben wir nur graue Straßen, graue Häuser und Plätze gesehen, der Führer jedoch biegt in eine wunderschöne kleine Gasse ein, links und rechts stehen gepflegte grüne Pflanzen vor den bunt gekachelten Häusern. Sehr idyllisch und wohnlich. Am Ende der Gasse winkt er uns in einen Vorraum, auch hier diese schönen Kacheln am Boden, den Wänden und auch die Decke ist verziert. Mehrere Toiletten mit Bambustüren zum Einhängen davor. Na immerhin. Und sehr sauber das Ganze – anders als das, was wir anschließend von Tanger zu sehen kriegen. Im Nachhinein wird mir wohl dieses Bild als das schönste von Tanger in Erinnerung bleiben.

Unsere Gruppe wird gut zusammengehalten, Abdul, ein Mann mit Krücken, der schlecht laufen kann, achtet von hinten drauf, dass keiner verloren geht. Unser Leiter führt uns zuerst zu einem kleinen Strand, wo es - oh Wunder, Gelegenheit zum Postkartenkaufen gibt. Anschließend zu einem kleinen Platz, wo – zufällig – Schlangenbeschwörer stehen. Die wollen uns eine Show zeigen. Die besteht darin, dass eine Touristin eine Schlange um den Hals gelegt bekommt. Foto. Trinkgeld. Aus. Weiter gehts durch die schmucklose Altstadt. Kleine Straßen rauf und runter, Abfall liegt herum, langsam erwacht das Leben – da es hier einen Zeitunterschied gibt, ist es in Tanger zwei Stunden früher. Es ist also erst ca. 7 Uhr Ortszeit, kein Wunder, dass die Verkäufer auch noch müde sind und uns relativ unbehelligt passieren lassen. Wir kommen am Holzofen vorbei – es riecht lecker nach dem Fladenbrot. Unser Reiseleiter kauft ein paar und verteilt sie an uns. Mir drückt er auch eins in die Hand, ich biete den Umstehenden davon an, aber es ist wirklich schwer, man schaut mich an, als würde ich betteln, kaum jemand greift zu, dabei schmeckt es echt lecker.

Ich habe noch Zeit für einen Blick in diesen „Holzofen“, das ist keine Bäckerei, die Brot für die Kunden backt, sondern die Hausfrauen ringsherum bringen ihren zu Hause vorbereiteten Teig zum Backen. Die „Verkaufstheke“ ist kaum höher als die Straße, um einen Blick auf den Holzofen zu erhaschen, muss ich mich bücken. Drinnen in der dunklen Höhle sitzt ein Schwarzer vor dem Feuer und schiebt die Brote hinein. Muss eine Affenhitze sein da drin. Arbeitsbedingungen, die wir sicher nicht lange durchstehen würden. Wieder kommt mir „die weiße Massai“ in den Sinn – Lebensumstände, wie sie im Buch beschrieben werden, finden sich hier in abgeschwächter Form wieder. Welch Gegensatz zu unserem behüteten Alltagsleben...

Man sieht fast nur Männer in den Gassen, die uns ihre Uhren und Trommeln und Armbänder und Taschen anbieten. Andere sitzen an ihren primitiven Verkaufsständen – drei Kisten erfüllen ihren Zweck. Eine hochkant gestellte Kiste ist der Stuhl, eine weitere hochkant gestellte Kiste ersetzt den Tisch, eine quer gestellte Kiste obendrauf die Ladentheke. Schön ist es nicht – aber die Konstruktion erfüllt ihren Zweck völlig. Zigaretten, Gewürze, Schmuck. Ein paar Berberfrauen - mit gestreiftem Kaftan und großen Strohhut - sind auch schon unterwegs, sitzen auf dem Boden und breiten ihr Gemüse und die Pfefferminzblätter auf einer Decke aus.

Wir gehen in den Laden. „30 Minuten sind laut Programm vorgesehen“, meint der Leiter. „Aber ich glaube, 20 Minuten reichen auch. Sie können kaufen oder eine biologische Pause machen.“ Was hat er gesagt? Biologische Pause? Er meint die Pinkelpause – die hieß übrigens auf dem Alhambra-Ausflug "technische Pause".

Drei Stockwerke voller Waren;: Teppiche. Kaftans. Handtaschen. Schmuck... Ein paar Touristen kaufen auch wirklich. Die meiste Zeit verbraucht sowieso das Anstehen auf der Damentoilette. Eine Frau beobachte ich, die Armbänder und eine Handtasche kauft, ohne zu handeln, später, als der einbeinige Führer die Hand aufhebt, wendet sie sich ab und schimpft über die Habgier. Später kommt ein kleiner Junge vorbei, mit eingeübtem Hundeblick, der unentwegt was sagt, was sich wie „tschüs“ anhört, dem drückt sie gerührt zwei Euro in die Hand, er hat Probleme, all die Euros unterzukriegen. Das finde ich nun wiederum ungerecht, schließlich bemühen sich die Reiseleiter und der einbeinige Abdul redlich um uns.

Wir haben den Busvorplatz erreicht. Eine Straße trennt ihn von einer „Ladenzeile“, an der entlang viele Stühle und Tische stehen. Uralte Autos und Taxen fahren vorbei, es wird viel gehupt, die Luft flirrt von den Abgasen. Natürlich sitzen an diesen für unsere Augen wenig einladenden Tischen nur einheimische Männer. Ich hätte große Lust, mal zu testen, was passiert, wenn ich mich als Frau dazwischensetze...

Aber das tue ich als wohl erzogene Touristin selbstverständlich nicht, sondern gehe brav mit der Herde mit zu Bus 9. Zeit zum Mittagessen....


 

 

[ vor ]    [ Galerie ]    [ zurück ]    [ Übersicht ]