25. September: Marseille

Marseille – Palma de Mallorca. 292 Meilen. Fahrtzeit: 16.30 Stunden

Weiter geht’s durch schöne von Platanen gesäumte Straßen. Viele Platanen sind von einem aus USA eingeschleppten Pilz befallen, erzählt Angelika. Deshalb werden kranke Bäume zwischendurch von anderen ersetzt. Es sollte mal eine U-Bahn geben, aber die erwies sich als teuer und unpraktisch – bei Grabungsarbeiten stieß man immer wieder auf archäologisch interessante Funde und der Bau wurde gestoppt. Aus dem Abraum entstand übrigens eine 40 ha große Grünfläche, die von Joggern gern genutzt wird.

Wir fahren zur Notre dame de la garde, ein Wallfahrtsort. Eine Kirche voller Gedenktafeln, die eine warme Atmosphäre verbreiten. Von der Plattform aus hat man einen wunderbaren Rundumblick auf die Stadt, aufs Meer und das Chateau d’if., der die Mühe der 220 Treppenstufen entlohnt. „Alle, alle Touristen wollen hier rauf“, sagt Angelika. „Die Straßen sind sehr eng und stellen hohe Anforderungen an die Fahrkünste des Busfahrers. Der muss schon einen ausgeglichenen Charakter haben und viel fahrerisches Können, sonst springen Sie im hier im Achteck.“

„Es gibt viele kleine malerische Plätze in der Stadt,“ meint sie. „Aber für die braucht man Zeit, die wollen zu Fuß entdeckt werden.“ Es gibt auch viele Brunnen – natürlich meist mit hübschen Frauen, die die Stadt Marseille darstellen sollen.

Langsam kommt Leben in die Stadt. Viele Läden – „alles, was mit Lebensmitteln zu tun hat“ – sind sonntags geöffnet. Parkplatznot überall, mit Motorrädern ist man natürlich beweglicher als mit dem Auto. Wir sind inzwischen am Hafen angelangt, der sich uns heute von seiner besten Seite zeigt, wie Angelika sagt. Was hier los ist, hängt natürlich auch vom Wetter ab. Und das ist heute schön. So schlendern wir vorbei an zahlreichen Fischständen. Frauen stehen dahinter, eine säbelt von einem Riesenfisch „steaks de la mere“ ab, andere sortieren ihr Angebot und füllen nach. Ein Angler – langer grauer Pferdeschwanz unter einer Mütze sitzt regungslos auf einer Treppe. Plötzlich kommt Bewegung in ihn und er zieht die Schnur aus dem Wasser, aber es hängt nichts dran. Gegenüber sitzen ein paar Männer, die genüsslich Zigaretten drehen. Eine Frau daneben, die selbstvergessen malt, ein paar Bilder neben sich. Ein paar Schritte weiter ein Musiker, der Selbstgespräche führt und hellauf lacht – er scheint stoned zu sein, Mütter mit Kinderwagen, junge Mädchen mit dem Handy am Ohr, ein Flohmarkt lockt, Polizei schlendert in der friedlichen Kulisse umher. Zeit zum Bus zurückzukehren. Schade, dass man so wenig Zeit hat in den einzelnen Städten, aber mit der Reiseleiterin hatten wir Glück. Angelika hat wirklich viel reingepackt und ihren Gästen einen schönen Überblick vermittelt.

Zurück auf dem Schiff. Mittagessen. Mittags gibt’s Büfett und freie Platzwahl. Alle Nationalitäten sitzen bunt durcheinander gewürfelt und so gibt es wenig Kontakt untereinander. Später relaxen wir beim Kaffee an Deck. Ich hab das Laptop dabei und fange an zu schreiben. Nicht lange, denn gleich ist es Zeit zur Rettungsübung. Die ist Pflicht für alle Gäste. Um 15.00 Uhr müssen alle in ihrem Zimmer sein und die Rettungswesten holen. Neben der Toilette hängt eine Beschreibung, wie man sich im Notfall verhalten soll. Allerdings in einem unverständlichen Deutsch. Brav warten wir ab, bis die Durchsage des Käptns kommt, zerren die Westen unter dem Bett hervor und versuchen, das Teil richtig anzuziehen. Gar nicht so einfach. Ein schriller Pfeifton treibt uns die Treppen hoch. Wo müssen wir denn eigentlich hin? Drei Stockwerke höher.

Dort stehen schon viele orange-brüstige Gestalten in Reih und Glied. Vier Reihen hintereinander, in die ersten beiden Reihen werden die Frauen sortiert, in die beiden Reihen dahinter die Männer. Wir haben die Rettungswesten verkehrt zugebunden. Man zeigt uns, wie es richtig geht. Einige schimpfen, dass sie aus ihren Liegestühlen geholt werden, einige wenige nehmen nicht teil. Alle Namen werden vorgelesen – ich denke, es ist wohl durchaus sinnvoll, das zu üben. Wie viel Zeit man wohl im Ernstfall hätte? Es dauert so ca. 20 Minuten, bis alle vor „ihren“ Rettungsbooten aufgestellt sind. Als wir fertig sind, fallen dicke Regentropfen vom Himmel. Alles flüchtet unter die überdachten Teile am Deck.

Diethard wirft einen Blick in die Aquamarin-Lounge: „Da drüben tanzen sieben Paare, die sind zusammen bestimmt über 1000 Jahre.“ Hmmm, wir bringen es zu zweit ja auch schon auf 105 Jahre, aber so ein Tanztee ist nun wirklich nicht unser Ding. Wir haben’s lieber rockig.

Beim Abendessen kommt dann auch mehr Bewegung. Weil das Schiff ganz schön schwankt. Ob ich eine Reisetablette nehmen soll? „Das ist noch gar nichts“, lacht der Blonde, der die Touren organisiert. Mir wird etwas mulmig zumute, als ich später in der Show sitze. Eine ältere Dame sagt besorgt zu ihrer Begleiterin. „Mir ist so schwindlig“ und sie freut sich sehr, als sie feststellt, dass der Schwindel nicht an ihrer Gesundheit liegt, sondern am schwankenden Schiff.

Wo ist die Show? Die Showboat-Lounge ist gut besucht. Die Show ist okay. Anschließend sind die Gänge voll mit suchenden Gästen. Ein Blick in die Disco – da ist nix los. Ein Blick ins Casino, da sitzen ein paar und spielen. Ein Blick in die Aquamarine-Lounge, das Programm ist gerade fertig, die Leute gehen raus. Auch nix los. Na gut, dann gehen wir halt ins Bett. Urlaub macht müde...

 

 

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