28. September: Gibraltar

Tanger - Gibraltar. 34 Meilen. 2:00 Stunden Fahrtzeit.

Gegen 12 Uhr sind wir zurück an Bord. Hunger haben wir nicht, aber Lust, den Reisebericht fortzuführen. Diethard lädt die neuen Bilder, ich schreibe weiter. Mitleidige Blicke treffen mich. Die arme Frau, muss die sogar im Urlaub arbeiten, murmelt einer kopfschüttelnd vor sich hin...

Es ist kalt an Deck, die Sonne scheint zwar, aber der Wind bläst kalt. Der Kaffee ist heiß, man kann sich die Finger dran wärmen. Es ist ein bisschen schwierig, einen Platz zu finden, der alle unsere Bedürfnisse unter einen Hut bringt. Ich als „Liegetyp“ sehne mich nach einem bequemen Liegestuhl, die stehen aber in der prallen Sonne auf Deck, ungeschützt vor dem Wind. Überdacht gibt’s aber nur Stühle. Diethard hingegen sitzt lieber beim Lesen. Es dauert noch einige Zeit, bis wir unsere Wohlfühl-Plätze finden. Schreiben geht natürlich auch im Schatten besser, aber da sich sowohl das Schiff als auch die Sonne bewegt, verändern wir ab und zu die Position.

Die verändere ich auch, weil ich heute die Aktivitäten an Bord mitmachen will. Zum Beispiel ist heute in der Showboat-Lounge Serviettenfalten angesagt. Zwei Ober machen den Touristen vor, wie es geht. Wir machen es nach. Kann man aber eher als Knautschen denn als Falten bezeichnen. Kaum zu glauben, wie unterschiedlich die Gebilde werden. Gelächter. Verzweiflung. Ärger. Ein junges Pärchen ist auch dabei, er wirklich geschickt, zaubert das Segelboot nach und spielt gleich damit. Sie hingegen bringt nur einen Knoten zustande und macht sein schönes Boot kaputt. Sofort zaubert er grinsend ein neues, was sie noch mehr erbost.

Anschließend gibt’s Bauchtanzunterricht in der Lounge. Viel Publikum findet sich ein. Ich komme mir schon ziemlich doof vor mitten auf der Bühne, wie ich versuche, die Hüften zu schwenken, mit den Schultern zu wackeln und den Busen zu schütteln, während sich die Zuschauer, meist Männer der übenden Frauen, köstlich amüsieren. Einer zückt die Filmkamera, wird aber gleich strengstens verwiesen. Fotos sind erlaubt.

Heute Abend, so der Plan, sollen wir unsere Künste ausprobieren beim Orientalischen Abend in der Disco. Das ist auch gleichzeitig der Kleidungsvorschlag für heute. In Tanger hatte man ja Gelegenheit, sich einen Kaftan zu besorgen. Und tatsächlich, beim Abendessen erscheinen wirklich ein paar exotisch gewandete Damen, die sich sichtlich unwohl fühlen inmitten der normal gekleideten Touristen. Ich hab einen Kompromiss gemacht – schwarzer Rock, schwarzes Top, um die Hüften einen roten Tchibo-Pareo geschlungen, den ich tagsüber beim Sonnenbaden trage. Damit lässt es sich leben.

Das Abendessen wird wieder fröhlich. Wir haben wirklich Glück mit unseren beiden Schweizer Ehepaaren. Bei uns wird viel gelacht, während an vielen anderen Tischen Schweigen herrscht. Manche Gesichter sind wirklich zum Fürchten und auf der Suche nach irgendwas zum Meckern. Wie gewohnt stellt sich nach dem Essen der Männerchor wieder auf, die Bedienungen klatschen in die Hände. Erwin kriegt ein Extra-Ständchen am Tisch, er hat heute Geburtstag. Den Männerchor beim Abendessen werden wir vermissen, wirklich schön, wie man mit geringen Mitteln so viele Leute zum Lachen bringen kann. Das schaffen die Profis bei den Shows mit ihren sorgfältig einstudierten Choreographien nicht.

„Und was habt ihr heute gemacht?“ Das ist natürlich immer die erste Frage bei der Begrüßung. Ursula strahlt übers ganze Gesicht und sprudelt los im gemäßigten Schwyzerdütsch: „Wir haben so viele Delfine gesehen. Die sind immer aus dem Wasser gesprungen und haben uns begleitet. So schön.“ Eine andere Touristengruppe frage ich später, wie es ihnen gefallen hat. „Das Boot war sehr unbequem. Von den Delfinen hat man nicht viel gesehen.“ Es stellt sich heraus, dass diese Leute mal irgendwo in einem Aquarium waren, wo sie von den dressierten Delfinen auf die Wange geküsst wurden. „Klar wissen wir, dass wilde Delfine aus dem Meer das nicht tun, aber irgendwie waren die Erwartungen größer“. Das ist schade, aber menschlich. „Man ist nicht mehr so leicht zu begeistern,“ meint der Mann, „je mehr man unterwegs ist und je mehr man gesehen hat.“ Da ist was Wahres dran.

Kurt und Betty haben die Gibraltar-Tour gemacht. „Schöner Blick. Wir sind bis oben rauf gefahren. War ein kurzweiliger Ausflug. Wir haben auch Affen gesehen“, lacht Kurt. Sein Deutsch ist herrlich, er spricht wie Emil Steigenberger, der Komiker aus den 70ern. Wenn sich die vier Schweizer untereinander unterhalten, verstehen wir kein Wort mehr.

Wie hat es anderen Leuten gefallen? An der Rezeption bekomme ich mit, wie sich eine Dame beschwert: „Die anderen waren beim Affenfelsen. Unser Reiseleiter ist einfach nicht mit uns hingefahren, obwohl mehrere Leute darauf bestanden haben.“ Ich beneide den Mann, der die Ausflüge organisiert, wahrhaft nicht um seinen Job. Möchte nicht wissen, was der sich alles anhören muss und wie viele Wogen er beschwichtigen muss.

Von Tanger höre ich niemand, dem das gefallen hat. Die Ausflüge werden auch allgemein als zu teuer angesehen. Wir sind noch am Überlegen, ob wir Ibiza und Barcelona auch buchen sollen. Wenn man komprimiert in ganz kurzer Zeit das Wichtigste sehen will, ist es die beste Möglichkeit, denken wir. Also buchen wir, auch wenn es teuer ist.

Diesmal sind wir endlich mal früh zur Show anwesend und halten stolz Plätze frei für die Schweizer, die bald kommen. Die Show beginnt, nach dem ersten Song – der ist englisch - klatscht alles, in der Sitzgruppe hinter uns knurrt ein Mann: „Warum soll ich klatschen, wenn ich kein Wort verstanden habe?“ Diethard lümmelt sich bequem in den Sessel, dabei berühren seine Haare die Lehne. Der Motzer tippt ihm auf die Schulter und schnauzt ihn an: „Das ist aber unangenehm für uns“. Nebendran sitzt noch so ein Sauertopf. Na was für ein Glück, dass wir diese Mieslinge nicht am Tisch haben. Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, was denn so unangenehm für den Mann ist. Impulsiv wie ich bin, würde ich dem Typ gern übers Maul fahren, aber man ist ja ein zivilisierter Mensch, gell. Also lächeln wir die beiden Sauertöpfe mit ihren nicht minder verbittert guckenden Gattinnen freundlich an und drehen uns kopfschüttelnd und augenverdrehend um.

Was tun nach der Show? Um 11 Uhr soll`s frittierte Früchte mit Soße an Deck unterm Sternenhimmel geben. Bisher habe ich mich ja eisern an Salat, Gemüse und Obst gehalten, und den lockenden Nachtisch mittags und abends verschmäht. Aber müde sind wir auch, so lange wollen wir nicht warten. Gegen halbelf liegen wir im Bett – und schlafen geschlagene zehn Stunden lang. Sightseeing strengt halt an : ))


 

 

[ vor ]    [ Galerie ]    [ zurück ]    [ Übersicht ]