30. September: Barcelona

Ibiza – Barcelona. 156 Meilen. 9:15 Stunden Fahrtzeit

Doch um 13.30 Uhr ist Boardingtime. Wir müssen zurück. Der Bus setzt uns ab am Terminal. Da steht eine lange Schlange. Zentimeter um Zentimeter geht’s nur voran. Kontrollen wie im Flugzeug – Tasche aufs Band, Jacke aus, durch den Scanner durch. Es dauert ca. 40 Minuten, bis wir die Schiffstreppe erreicht haben – natürlich sind wir zu spät, aber hinter uns kommen noch viele andere, die auch aufs Schiff wollen. Das Restaurant hat länger geöffnet, sonst hätte es sicher auch Aufruhr gegeben.

Tschüss, Barcelona. Das Schiff legt ab, aber wir sind entschlossen, wieder zu kommen. Der Flug ist ja nicht so weit, und zwei, drei Tage hier wären schön. Noch ein Milchkaffee an Bord, während die Silhouette verschwindet und das Wasser uns wieder ringsherum umfängt und wir uns in der Sonne aalen.

Eine gewisse Wehmut macht sich breit, das Urlaubsende rückt mit Riesenschritten näher, um 15 Uhr müssen wir uns einfinden zum Auschiffungsgespräch in der Aquamarin-Lounge, wo wir hören, wie das morgen vonstatten gehen wird. Es steckt ein riesiger logistischer Aufwand dahinter. 580 Gäste werden gehen auf einen Schlag. Und 600 neue werden kommen. Die Koffer müssen um Mitternacht bereits draußen vor der Tür stehen, hören wir. Damit das Personal Zeit hat, sie auf Deck zu schaffen und für die Passagiere bereit zu stellen. Und die Kabinen müssen um 9.00 ausgecheckt sein. Schließlich müssen sie geputzt werden für die nächste Touristenladung. Damit alles reibungslos vonstatten geht, bekommen alle Koffer – nach Deck sortiert – verschiedenfarbige Kofferanhänger. Die einzelnen Farben werden aufgerufen, so gehen wir deckweise von Bord, die Koffer sind ebenfalls nach Farben sortiert, so dass man sie sofort wieder findet. Ein einfaches und wirkungsvolles Verfahren – was für ein Tohuwabohu gäbe das, wenn 600 Koffer auf einem Haufen lägen und jeder seinen raussuchen wollte.

Aber zuerst haben wir ja noch einen schönen Nachmittag an Bord. Wir legen uns wieder aufs Deck, tanken Sonne, lassen den Blick übers Meer schweifen, freuen uns am Leben und überhaupt. Dann wird’s Zeit, sich fertig zu machen zum letzten Abendessen. Wir warten bis zur letzten Minute, bevor wir unseren schönen Platz verlassen. Ich ergattere den letzten Leihföhn an der Rezeption und ich denke dran, wie man sich an alles gewöhnt. Wie hab ich mich am ersten Tag geärgert, weil man keinen Föhn kaufen konnte und wie umständlich fand ich diese Ausleiherei. Jetzt ist es kein Thema mehr.

Die Schweizer sind schon da, wie üblich viel Gelächter, Originalton Kurt über Betty, die 13 Geschwister hat: „Deswegen hab ich sie genommen, sie kann gut teilen.“ Damit sind wir natürlich schon mittendrin in der immer wieder spannenden Männer/Frauen/Beziehungskistendiskussion – wie immer geht’s bei uns am Tisch lebhaft zu. Betty allerdings wird immer leiser – heute schaukelt das Schiff wirklich sehr. Es wird mir heute auch klar, warum die Stühle so schwer sind, man kann sie kaum verrücken, wenn man aufstehen will.

Das Laufen durch die engen Gänge wird eher zum Zickzackkurs. „Schau mal“, zeigt Diethard auf die Treppengeländer. Überall stecken plötzlich diskret Spucktüten dazwischen. Aber wie es scheint, erwischt es nur einzelne. Die Showboat-Lounge ist wieder gefüllt bei der letzten Vorstellung. Die ist nun zwar auch vom Tänzerischen und den Kostümen her gut gemacht, aber so was von antiquiert - hoffentlich werden wir noch lange nicht so alt, dass uns das gefällt. Sehr gut hingegen gefällt uns der Schluss: Kristina, die Chefin, steht auf der Bühne und erzählt, dass Gäste aus 14 Nationen an Bord sind, die Mannschaft aus 31 Nationen besteht und alle auf kleinem Raum friedlich neben- und und miteinander leben. Ein Wunschtraum für die ganze Welt, nicht wahr? Und während das Personal, das eigentlich zum großen Teil jetzt frei hätte, rund um uns aufmarschiert, unser Zimmermädchen steht direkt hinter uns – alle haben ein Blatt in der Hand mit einer Fahne – versammeln sich viele auf der Bühne und singen gemeinsam das Lied „We are the world“. Schön. Schön finden wir auch immer wieder, wie hier auf dem Schiff auch die „Kleinen“ gelobt werden, vom Kapitän über den Chefkoch bis zum Zimmermädchen, ohne die hier gar nichts laufen würde.

Die Koffer sind halb gepackt, eigentlich wollen wir zu sechst noch aufs Deck, doch da ist es viel zu stürmisch. Also treffen wir uns in der Disco. Wir sind allein hier, aber das tut unserer fröhlichen Stimmung keinen Abbruch. Ich versuche zu tanzen, aber das ist fast unmöglich bei dem Schwanken. Wie machen das die Profis mit ihrer komplizierten Choreographie? Ich habe keine Unsicherheit bemerkt beim Auftritt, aber es ist sicher schwierig, das Schwanken auszugleichen.

Gegen halbzwölf brechen wir auf. Die Koffer stehen pünktlich draußen um Mitternacht und wir sinken müde ins Bett. Ans Brummen und Schaukeln haben wir uns längst gewöhnt.

 

 

 

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