Mittwoch, 8. November 2006
Patenkind-Besuch nahe Pune

Spaziergang durchs Dorf

Wir machen einen kleinen Spaziergang durch das Dorf, die alte Frau – sie ist eine von PLAN ausgebildete lokale Betreuerin mit medizinischen Kenntnissen, die kleinere Krankheiten vor Ort heilt und bei größeren entscheidet, wann ein Arzt geholt werden muss - will uns voller Eifer ihre Hütte zeigen. Wir zögern. Ist das angebracht? Bei Jyoti sind wir nicht hereingebeten worden. Natürlich hätten wir zu gerne das Innere der Hütte gesehen, aber es wäre sicher unhöflich gewesen, danach zu fragen.

Die Leute von PLAN nicken. Also ziehen wir unsere Schuhe aus und betreten die fensterlose dunkle Behausung. Drinnen im vorderen Teil stehen zwei Ochsen, eine Stufe höher ein kleiner leerer Vorraum, vielleicht schläft man hier? Dahinter eine kleine Küche. Auf einem Regal sind blitzblanke Aluminiumbecher aufgereiht. Die alte Dame legt einen kleinen Teppich auf den Boden. Wir setzen uns und stolz zeigt sie uns ihren Herd, eine offene Feuerstelle. Es ist dunkel, der Rauch beißt in den Augen. Sie will uns unbedingt irgendwas zu trinken anbieten, aber die PLAN-Betreuer lehnen dankend ab und nach wenigen Minuten gehen wir wieder.

 

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In der Schule

Ein paar Meter weiter steht die Schule, ein einzelner Raum, größer als die Hütte, die wir sahen, das Gebäude hat auch ein Fenster. Drinnen spielen und lärmen die Kinder. Schließlich ist ihr Lehrer ja bei uns. Als sie bemerken, dass wir kommen, sitzen sie blitzschnell ruhig da, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Es gibt Dinge, die sind auf der ganzen Welt gleich :-).

Sie sitzen übrigens auf dem Boden. Es gibt zwei Stühle, die rückt der Lehrer für Diethard und mich zurecht. Nach kräftiger Ermutigung durch den Lehrer trauen sich ein paar Jungs, aufzustehen und uns ein paar Fragen zu stellen. Woher wir kommen, wie viele Kinder wir haben, ob wir einen Grundstück haben und was wir anbauen. Unvorstellbar für sie, dass wir zwar einen Garten haben, aber nur zum Relaxen und dass wir unseren Lebensunterhalt auf andere Weise verdienen.

Als wir zurückkommen, serviert Jyotis Mutter uns einen Tee und ein Reisgericht mit Fleisch. Die Betreuerin sagt leise: „It’s okay, it’s cooked“. Schmeckt wirklich auch sehr gut, aber mir ist immer noch schlecht und ich kann nicht viel essen. Jyoti ist inzwischen aufgetaut, schade, dass keine wirkliche Verständigung möglich ist. So langsam brechen wir auf. Noch ein paar Fotos, nach anfänglichem Zögern posieren alle mit Freunden und schauen sich mit viel Spaß die Fotos auf dem Display an. Wir versprechen, die Fotos an PLAN zu senden, damit die sie ausdrucken und beim nächsten Besuch mitbringen. Dann wird’s langsam Zeit, sich von Jyoti und ihrer Familie zu verabschieden. Die friedliche Atmosphäre hier hat uns sehr beeindruckt.

 

 

 

Die Rückfahrt

Wir besuchen in der Nähe noch eine kleine Bücherei mit Schulbüchern, auch aufgebaut von PLAN. Ich blättere die Bücher kurz durch, die mir stolz gezeigt werden. Welch Unterschied zu dem, was deutsche Kinder zur Verfügung haben und oft in keiner Weise schätzen, während diese Kinder mit Eifer lernen würden, wenn sie mehr Möglichkeiten hätten. Die Chancen sind wahrhaft ungleich verteilt.

Auf der Rückfahrt erfahren wir noch einiges über die Arbeit von PLAN und Diethard sagt spontan: „Ich bin froh, dass wir ein klein wenig dazu beitragen können, die Situation der Kinder zu verbessern und ich bin sicher, wir werden Sie auch in Zukunft unterstützen.“

Mir ist so was von schlecht. Das Geschaukel auf diesen Straßen tut mir gar nicht gut. Ob wir noch einen Tee trinken wollen, fragen die Betreuer. Doch während die anderen ins Restaurant gehen, suche ich fieberhaft nach einer Toilette, entscheide mich dann aber, lieber hinaus auf die Straße zu flüchten. Ich muss mich übergeben. In dem Moment bin ich heilfroh, dass es hier so viele Dreckecken gibt, wo das nicht weiter auffällt. Die anderen sind perplex, ich auch.

Wir sind kurz vorm PLAN-Büro in Pune, wir verabschieden uns, drei Stunden Fahrt liegen noch vor uns. In Mumbai angekommen, passieren wir endlose Vorstädte. Große Wohnblocks, neu gebaut und in recht gutem Zustand, mit Geschäften im Erdgeschoss. Hier wohnen Hunderttausende, die tagsüber meist mit dem exzellent ausgebauten Eisenbahnsystem in die City zur Arbeit fahren.

Dann kommen Slums. Endlose Slums. Eine baufällige Hütte neben der anderen. Oft dienen zerrissene Planen oder verbeultes Wellblech als Dach und Seitenwände, die an eine kilometerlange Mauer geklatscht werden, die die Rückwand bildet. Ob viele Touristen dieses Viertel zu sehen bekommen? Es ist dunkel. Viele Kinder sitzen da. Teilweise wird mitten auf dem Bürgersteig gekocht. Schrecklich, all dieses Elend und der Dreck und zerstörte Träume. Die Slums werden immer mehr. Täglich strömen Hunderte Leute aus den Dörfern in die Großstädte auf der Suche nach Jobs, die es nicht gibt.


 

 

 

Mc Donald’s ist überall

Diethard hat natürlich noch Hunger nach so einem langen Tag. Mir dreht’s den Magen um bei dem Gedanken, was zu essen. Wir entscheiden uns für den kurzen Weg: 5 Minuten vom Hotel entfernt ist ein McDonalds. Ein recht leckerer McChicken-Burger (Rindfleisch gibt’s hier natürlich nicht) mit Pommes (zäh) und Cola für 100 Rupien. Das stillt den Hunger.

Danach schnell wieder ins Hotel. Wir haben jetzt das Nachbarzimmer bekommen, auch nicht viel leiser als das erste, aber die Alternative wäre ein Zimmer über dem Night Club gewesen, was sicher auch nicht die Lösung gewesen wäre. Aber nachdem ich mir am späten Abend die Seele aus dem Leib gekotzt hab, schlafe ich wie ein Stein und höre kein Geräusch.