Mittwoch, 8. November 2006
Patenkind-Besuch nahe Pune

Fahrt nach Pune

Heute ist Besuchstag bei Jyoti, unserem Patenkind von der Organisation www.plan-deutschland.de. Mit einer Patenschaft von 25 Euro im Monat hilft man, in der Gemeinde des Patenkindes eine Schule oder eine Krankenstation zu errichten, Impfungen durchzuführen oder einen Brunnen zu bauen und ermöglicht dem Patenkind einen dauerhaften Weg aus der Armut. Wir haben drei solcher Patenkinder in Indien. Eins davon, so steht in der Beschreibung, die man am Anfang bekommt, ist „reich“. Es hat nämlich eine Latrine in seiner Hütte, während viele andere Kinder eine öffentliche Latrine oder gar offenes Gelände nutzen müssen. Was übrigens Männer ausgiebig tun. Nicht nur auf dem Land, auch in den Städten sieht man alle Naselang welche, die in aller Öffentlichkeit gegen irgendeine Mauer pinkeln. In einer örtlichen Zeitung haben wir gerade einen Bericht gelesen, dass jährlich 2 Millionen Kinder an Diarrhoe sterben. Zwei Drittel könnten gerettet werden, wenn sie Zugang zu Latrinen hätten. Aber das Geld fehlt, sie flächendeckend zu bauen. Der dafür notwendige Betrag entspricht in etwa dem, den das Militär in einer Woche verbraucht...

Pünktlich um ½ 8 steht der Fahrer vor der Tür. Die Straße nach Pune ist gut ausgebaut, mir ist schlecht, die Shakes lassen grüßen, vielleicht ist es auch die Aufregung vor diesem Besuch? Die drei Stunden, die wir vom Zentrum des Molochs Mumbai bis nach Pune brauchen, ziehen sich lange hin. Nach einigem Fragen findet der Fahrer die Adresse des PLAN-Büros, wo man uns erwartet.

Der Chef des PLAN-Büros begrüßt uns und erzählt einiges über die Arbeit der Organisation vor Ort. Mit unserer Limousine können wir nicht zum Dorf fahren, stellt man fest, die Straßen sind dafür nicht geeignet. Also steigen wir um in den Jeep und fahren zu fünft los. Der Betreuer von Jyoti und die Verwaltungsangestellte begleiten uns. Unterwegs kaufen wir noch einen 25-kg Sack Reis, 2 Liter Öl und mehrere Seifen. Macht zusammen 450 Rupien, soviel wie 3 Bier oder anderthalb Cocktails.

Weiter geht’s über die holprige Straße mit vielen Schlaglöchern. Das Dorf hat 90 Familien, 60 davon werden gefördert. In der ganzen Region gibt es hier über 3.500 Patenkinder. Die Entwicklung geht natürlich langsam voran. Zuerst muss ja mal die Bevölkerung sensibilisiert werden und deren Bereitschaft geweckt werden, etwas zu ändern. PLAN arbeitet auf vielen Gebieten. Zum Beispiel werden die Bauern mit Hilfe eines Versuchsfelds geschult, neue Sorten anzubauen, damit der Boden nicht ausgelaugt wird von der Monokultur. Es gibt Drei-Tages-Seminare für junge Paare, wo Fragen der Familienplanung und Hygiene besprochen werden. Der Aufbau von Bewässerungslinien und Latrinen, von Schulen und Krankenhäusern gehört zu den weiteren wichtigen Aufgaben, ebenso wie die Ausbildung von Einheimischen, die ihrerseits die Erfahrungen im Dorf weitergeben.

 

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Ankunft in Kiwale

Gegen 12.30 Uhr erreichen wir unser Ziel. Nach unseren bisherigen Erfahrungen hatten wir uns auf einen großen Menschenauflauf, viele neugierige Kinder, große Hektik und viel herumliegenden Müll eingestellt. Das Gegenteil ist der Fall.

Der Platz vor Jyotis Hütte ist völlig menschenleer, ein Bett mit der typischen geflochtenen Jutematratze steht draußen, beschattet von einem großen Baum. Es ist sehr sauber, nichts liegt herum. Der Betreuer ruft nach Jyoti, die in der Hütte wartet. „Sie zieht sich jetzt um und sie ist sehr scheu vor Fremden.“ Wir sind auch scheu. Es ist doch eine seltsame Situation. Ich fühle mich sehr befangen.

Es dauert ein Weilchen, bis Jyoti sich heraustraut. Süß, wie sie da steht und verschämt an ihrem Sari zuppelt. Die gleiche Gestik wie überall auf der Welt. Ich mache sie nach, und ein kleines Lächeln stiehlt sich verstohlen um ihre Mundwinkel. Der Lehrer ist da, auch ihre Eltern kommen, die Mutter serviert uns Wasser in Aluminiumbechern. Ein fragender Blick zur PlAN-Betreuerin, die schüttelt fast unmerklich den Kopf. Wie beginnt man eine Unterhaltung? Mit meinen paar Marathi-Brocken komme ich nicht weit, Jyoti spricht kein Englisch.

 

 

 

Geschenkübergabe

Ob ich die Geschenke holen soll? Ja, nickt die Betreuerin von PLAN. Jyotis Mutter, eine hübsche zierliche Frau mit warmen Augen, strahlt über das ganze Gesicht, als sie den Sack Reis sieht und schleppt den schweren Schatz sofort in die Hütte. Jyoti sitzt zaghaft auf dem Bett, ich öffne den Koffer und breite die Mitbringsel aus, Schulhefte, bunte Lineale, Farbstifte, die gehorteten Kosmetikartikel aus den Hotels, ein Springseil, viele Kugelschreiber, viele Tüten mit Gummibärchen und jede Menge Luftballons. Die brechen den Bann, als ich einen aufblase und wir damit Ball spielen.

Inzwischen haben sich noch zwei Kids eingefunden und eine alte Frau mit hellwachen Augen. Jyoti wird zutraulicher, ein intelligentes Kind mit einem süßen Lächeln, sie hat heute Geburtstag und wird 11 Jahre alt. In ihrer Schule sind 60 Schüler, erfahren wir, sie ist die beste. Was wird ihr das nützen...?

Inzwischen sitzen wir alle gemeinsam auf einer Decke auf dem Boden. Durchaus gemütlich hier. Jyoti geht in die Hütte und kommt zurück mit einem Metalltablett voller schöner Rosen, die sie an mich, Diethard und die Betreuerin verteilt. Woher hat sie die bloß? Nun traut sie sich auch, uns anzusprechen. Auf Marathi natürlich. Die PLAn-Mitarbeiter übersetzen. Allerdings ist das Englisch auch gewöhnungsbedürftig und so bleibt die Verständigung eher bruchstückhaft.