Samstag, 28. Oktober 2006
Brückenverkehr, Wäscherei und Marktgetümmel

Brückenverkehr, Wäscherei und Marktgetümmel

Das Frühstück im Hilton gestaltet sich wieder sehr gemütlich und stressfrei. Geht ja erst um halbzehn los und außerdem wartet unser Fahrer ja auf uns, selbst wenn wir uns verspäten. Wirklich sehr angenehm in dieser Touristenwelt, die vor den Toren des Hotels schon aufhört, wo die raue Wirklichkeit des indischen Alltagslebens beginnt. Am Zaun wird nämlich kräftig gebaut. Nicht nur Männer schwitzen bei der schweren Arbeit, auch zierliche Frauen in bunten Saris schleppen Ziegelsteine auf dem Kopf herbei, während ihre Kinder im Gras davor spielen. Immer wieder beklemmend, diese Diskrepanz zwischen Armut und Wohlstand.

Eine kurze Fahrt durchs übliche Rikscha-Moped-Busgewimmel und über eine holprige große Brücke, dann lässt Shankar uns aussteigen. Wir haben Sanjay gefragt, ob wir nicht auch zu Fuß laufen können durch diese Straßenszenen, statt sie nur vom Autofenster aus zu sehen. Die doppelstöckige Brücke über den Yamuna Fluss ist durchaus sehenswert und nicht sehr vertrauenerweckend. Unten auf der engen Fahrbahn quetscht sich der Verkehr, seitlich ist ein Gehweg angehängt, die Stahlträger mit holprigen, mitschwingenden Stahlplatten, oben donnert ein Zug vorbei. Der Fluss teilt sich in zwei Arme, in der Mitte ist eine große freie Sandfläche, bedeckt mit vielen Tüchern.

Im Fluss stehen mehrere Leute, die die Tücher ins Wasser tauchen und mit viel Kraftaufwand ein Stück Tuch auf einen Stein schlagen, während andere die gewaschenen Tücher im Sand ausbreiten. „Das ist eine Wäscherei“, erklärt Sanjay. „Die Leute aus der Stadt bringen ihre Sachen zum Waschen her.“ Reihenweise liegen Saris auf dem Sand. Zwei Männer breiten geschickt lange, bunte Stoffbahnen aus. Das sind Vorhänge, wie zu einer Feier verwendet werden, erklärt Sanjay.

Nebenan auf der Brücke tobt der Verkehr, die Straße zu überqueren ist nicht ganz einfach. Wir laufen vorbei an Barbieren, die mitten auf dem Gehweg ihre Kunden bedienen, an Ständen mit Obst und Bethelblättern, ein Mann kehrt Abfall auf dem staubigen Boden zusammen. Ob sich die Mühe lohnt? Zwischen all den Ständen stehen manchmal Bettgestelle, auf denen alte Menschen liegen. Gegenüber werden Pferde beschlagen. Dieses pralle Leben auf der Straße ist für uns immer wieder erstaunlich. Genauso erstaunlich ist unser Anblick offensichtlich für die Kinder und die Jugendlichen, die sich kichernd nach uns umdrehen oder mit einem scheuen Hello begrüßen.

Shankar steht bereit und sammelt uns ein. Ich werfe einen Blick auf die Plastikblumen, die ich zur Begrüßung von Enchanting India bekommen haben, und die ich im Kofferraum mitgenommen habe, um sie weiter zu verschenken. Aber was ist das? Erstaunt stelle ich fest, dass die Plastikrosen die Köpfe hängen lassen. Tatsächlich, die Rosen waren echt, aber so schön und fest, dass wir sie für unecht gehalten habe. Das tut mir aber leid. Wenn ich das geahnt hätte, dass die echt sind, hätte ich sie im Hotelzimmer gelassen, sicher hätte sich jemand drüber gefreut. Schließlich werden jeden Tag unzählige Blüten den Göttern zum Opfer dargebracht.

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