Freitag, 27. Oktober 2006
Fahrt nach Agra und indische Hochzeitsbräuche

Aufbruch nach Agra

9.00 Uhr. Wie gewohnt begrüßt uns Sanjay in der Hotelhalle, während Diethard die Rechnung checkt und entdeckt, dass das Frühstück zweimal berechnet wurde. Der Irrtum ist schnell behoben. Los geht’s. Nach Agra. 210 Kilometer liegen vor uns. Ca. 3 Stunden wird’s dauern.

Mautgebühr muss bezahlt werden, als wir von Delhi zum Bundesstaat Uttar Pradesh kommen. Unterwegs ein Stop. „Bitte keine Fotos machen“, sagt Sanjay. „Sie werden gleich Leute mit dressierten Affen sehen, die Nasenringe tragen und Kunststücke machen. Das ist Tierquälerei, und wenn Sie für Fotos bezahlen, hört das nicht auf.“


 

Geschichten über Hochzeitszeremonien

Die Strecke ist nun ruhiger. Sanjay zieht wieder eine Geschichte hervor und dreht sich um zu uns: „Libbe Gäste“. Diesmal ist es die Geschichte vom Heiraten. Danach haben wir ihn natürlich längst gefragt und er hat versprochen, darüber zu erzählen. Macht er anhand einer Geschichte, wirklich beeindruckend, wie gut er sie in der fremden Sprache schreibt. Arrangierte Ehen sind auch heute noch an der Tagesordnung, nickt er. Er erzählt das in seiner Geschichte an seinem eigenen Beispiel: Während seines zehnmonatigen Sprachkurses am Goethe-Institut in Pune bekam er einen Anruf von seinem Vater, dass „ein Netzwerk von Eltern, Onkeln und Tanten und älteren Leuten“ ein Mädchen für ihn gefunden habe. In seinem Fall ging das über persönliche Kontakte, aber oft wird per Kontaktanzeige in der Zeitung gesucht. Die haben wir später auch gesehen. Jede Woche stehen da seitenweise Anzeigen drin, fein säuberlich nach Kasten gegliedert, mit denen Eltern die Partner für ihre Kinder suchen.

Oft heiraten Inder in sehr frühen Jahren. Sanjay war schon 27, und nicht so begeistert von der Aussicht, eine fremde Frau zu heiraten. Seine Abwehr half nichts, sein Vater bestand darauf. So rief Sanjay seine Mutter an, die ihm sagte, er solle sich nicht sorgen, es sei ein hübsches Mädchen, gut gebildet, das kochen und putzen könne, und alle Voraussetzungen würden stimmen. Wie Sanjay erklärte, ist die erste Priorität für das „Netzwerk“ erst einmal die Kastenzugehörigkeit. Das Mädchen soll also aus der gleichen Kaste sein, in Sanjays Falle aus der Kriegerkaste (Rajput), aber sie darf nicht zum gleichen Stamm gehören. Offiziell gibt es zwar das Kastenwesen ja nicht mehr, aber in den meisten Köpfen lebt es wohl doch weiter.

Stimmen alle „Qualitäten“, also gleiche Kaste, unterschiedlicher Stamm, ist sie hübsch und gutaussehend und aus guten Verhältnissen, dann werden die Planeten und Sterne befragt, ob sie für die beiden ein fröhliches und freundliches Leben versprechen. Horoskope werden vereinbart, sie müssen mindestens in 18 Punkten übereinstimmen, bester Match, so sagt Sanjay, seien 33 Punkte. In Sanjays Fall stimmten die „Qualitäten“ offensichtlich. Seine Eltern hätten eine gute Wahl getroffen, meint er. Inzwischen hat er auch einen fünf-jährigen Sohn. Seine Frau hat er wirklich erst am Tag der Hochzeit zu Gesicht bekommen.

Auch den Ablauf der Hochzeit beschreibt er anschaulich. Die Heirat wird in Indien immer von den Eltern der Braut ausgerichtet. Der „baraat“, das ist der ganze Anhang des Bräutigams, fuhr geschlossen im Bus zur Hochzeit, die ein paar Tage dauerte, erzählt Sanjay strahlend in der Erinnerung. Die Schule im Dorf wurde geschlossen, damit der „baraat“, so 100 bis 200 Leute, hier untergebracht werden kann. Als Bräutigam ritt er auf einer weißen Stute, trug einen Turban, ein strahlendes Gewand und ein Schwert. Die Hochzeitszeremonie fand im Hof statt vor einem Feuer, an dem das Brautpaar sitzt mit den Eltern und den Älteren von beiden Seiten. Der Priester sprach die heiligen Sanskritmantras, die Umhänge von Braut und Bräutigam wurden zusammengenäht, als Symbol für Verbundenheit. Dann machen die beiden sieben Schritte ums Feuer, und zwar von links nach rechts. Die sieben Schritte sind als Bitte gedacht für sieben Gaben: Essen. Stärke. Wohlstand. Freude. Nachwuchs. Vieh. Hingabe.

Dann legt der Bräutigam rotes Zinnoberpulver auf den Scheitel der Braut und der Priester streut heiliges Gangeswasser auf das Paar. Nach der Feier geht der Bräutigam mit dem „baraat“ zurück in die Schule, und die Braut zu ihren Eltern. Am nächsten Tag dann die große Abschiedszeremonie, denn nun zieht die Frau mit ihrem Mann in ein neues Leben. Das Dach des Busses, sagt Sanjay, auf dem auf der Hinfahrt die Verwandten saßen, muss nun freigeräumt werden für den Brautschatz. Der kann gewaltig sein, z.B. Möbel, Gefäße, Ventilator, Kühlschrank, Motorroller, Schmuck.

Der Brautschatz, so erfahren wir, war eigentlich ursprünglich als Ausgleich gedacht, da Frauen keinen Grundbesitz erben können. Inzwischen gäbe es aber viel Habgier unter den Männern, Frauen seien gequält worden, immer noch mehr zu bringen, man habe ihnen das Leben im neuen Zuhause so zur Hölle gemacht, dass viele Selbstmord begingen oder auch verbrannten. Inzwischen gibt es deshalb ein Gesetz gegen die Mitgift, aber viele Eltern seien schuld, dass der Brauch weiterlebe, weil sie angeben damit, was sie ihren Töchtern mitgegeben hätten.