Montag, 29. März 1999

Ein Tag im Hotel

 

Blick ins Panorama. Sonnig, aber kühl. Die Stimmung den Temperaturen angepaßt. So nervt uns die kleine Tira ganz erheblich beim Frühstück. Tira, ein typisch überzüchtetes Kind von antiautoritären Intelligenzbestien-Eltern. Die kriegen wir aber tagelang nicht zu Gesicht, sie lassen sich ihr Töchterchen anscheinend lieber von anderen hüten. Kann ich gut verstehen...

Ich grins mir eins über die kleine Szene am Nachbartisch. "Entzugserscheinungen werd ich kriegen, zuhause", murmelt da einer. "So viel Vitamine auf einmal, und dann gibt’s nix mehr". Ein vernichtender Blick aus giftgrünen Augen seines weiblichen Gegenübers trifft ihn. Und ich denk: Ach, so unterschiedlich sind die Menschen doch gar nicht.

Fällt Aerobic aus bei dem Wetter? Sieht so aus, kein Mensch versammelt sich. Also trinke ich einen Trostcocktail an der Bar. Die DOB-Dame sitzt auch da, mit hängenden Gesichtszügen und permanent am Schimpfen, übers Wetter, über die aufdringlichen Händler, über.... Ich mache, dass ich vom Hocker komm'.

Aerobic ist heute in der Halle. Also krieg ich die Steprunde noch mit und schwitze noch ein bißchen mit. Ein gummiartiges Wesen ist auch dabei, es biegt sich hinterher auf einer Matte in alle Richtungen. Die Animateurin bleibt beeindruckt davorstehen: "Sag mal, wie machst du das denn?" Es stellt sich heraus, dass die junge Frau von Beruf Zirkusartistin ist. Die stolze Mama verrät es nämlich. Die Animateurin versucht sofort, die Artistin für eine Show in der nächsten Woche zu begeistern. Die Tochter ziert sich. Doch die Mutter verrät weiterhin, dass auch die zweite Tochter was kann, nämlich jonglieren. Beide Töchter sind peinlich berührt. Nichtsdestotrotz stimmen sie zu, und die jüngere wirft ungefragt ein, dass sie ihre Keulen mit dabei hat. Schade, an diesem Abend sind wir nicht mehr da.

Ich habe mich länger aufgehalten als erwartet. Der geliebte Gatte ist verschwunden. Mitsamt Schlüssel, den er in der Hosentasche hat. An der Bar lerne ich eine grauhaarige Mutter kennen, deren süß-aufgeweckter gefräßiger, knapp zwei Jahre alter Junge, mir im Restaurant schon aufgefallen ist. Als ein gleichaltriges Mädchen vorbeistolperte, hielt er es am Ärmel fest: "Junge oder Mädchen?" Das erinnerte mich sehr an die am meisten gestellte Frage im Chat: bist du w oder m?

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Tür in Hammamet

Das Wetter macht sich zwischenzeitlich, als ich einen schweifenden Blick über die Hotelanlage werfe, finde ich auch den Liebsten wieder. Ist doch schon fast wieder Zeit zum Mittagessen.

Tischwein gibt's. Schmeckt gar nicht schlecht, und haut gut rein bei mir. Schließlich bin ich an Alkohol nicht sonderlich gewöhnt und tagsüber gar nicht. Ich muß zwei Stunden schlafen, so müde macht er mich. Diethard spielt so lange mit den Kids Trivial persuit. Langsam macht er sich Sorgen um mich, doch ich penne tief und fest. Urlaub macht müde. Und sooooo faul. Anschließend vertiefe ich mich in den leidenschaftlich-triefenden Konsalik statt in meine weiterbildende Rhetoriklektüre, bis ich erschrecke: Oh, 17 Uhr. Sollte ich mich doch anmelden zur kostenlosen Massage.

Die Schlange ist noch da. Marcel verkürzt mir die Wartezeit: "wir haben den einen Animateur in den Swimmingpool geschmissen. Tanja hat gesagt, das wär endlich mal Zeit für den. Ist der einzige Animateur, den es dieses Jahr noch nicht erwischt hat."

Tanja ist die, die den Aerobicunterricht durchführt. Und die Jungs taten begeistert, was sie ihnen befahl. Muß wohl ein Mordgeschrei gewesen sein, da das arme Opfer sich versteckte in sämtlichen Winkeln und Büschen, sich dann aber doch irgendwann der rohen Gewalt und Übermacht ergeben mußte. Sein Versuch, dabei unbedingt noch irgendeinen seiner Peiniger ins Verderben mitzureißen, mißlang leider auch...

Meine Massagebuchung hingegen gelingt. Das nachfolgende Tischtennisspiel auch. Marcel lernt schnell, aber ich kann doch ziemlich fies spielen, wenn's denn sein muß.

Oli will's auch wissen. Hmmm. Seine Spielweise ist anders. Nach jedem mißglückten Schlag (davon gibt’s genügend) schaut er seinen Schläger äußerst vorwurfsvoll an und knetet und macht und tut, als sei der arme Schläger dran schuld.

Es regnet. Ich muß zurück, schönmachen. Gehört schließlich auch mit zum Urlaub und dauert halt bei Frauen länger als beim Mann. Meistens. Unten in der Hotelhalle warte ich auf den Geliebten. Haner winkt mir aus ihrem Laden zu. Ich gehe sie besuchen, kriege einen orangefarbenen Umhang über die Schultern geworfen, dann soll ich fotografiert werden, mit ihr zusammen. Das Lächeln gefriert mir auf dem Gesicht, bis der Mann mit Foto endlich soweit ist. Doch dann funktioniert der Apparat nicht. Schade. Dafür postiert Haner mich nun an der Ladenkasse. "Du jetzt arbeiten, ich jetzt Urlaub". Als Diethard reinkommt und Zigaretten verlangt, bediene ich ihn. Auf Anweisung Haners tippe ich den Betrag ein, öffne die Kasse und gebe ihm sein Wechselgeld. Der ganze Vorgang bedarf ungefähr 12 returns, ganz schön kompliziert, so ein einziger Zahlvorgang.

Marcel sitzt in der Lobby, mit sorgenzerfurchtem Gesicht. Er will unbedingt einen Dreiminuten-Horror-Film drehen als Bewerbungsunterlage. Aber die zündende Idee fehlt ihm noch.

Also zeige ich ihm die Kreismethode aus dem Autorenstudium, um Ideen zu finden. Ich selbst habe allerdings wenig Erfahrung mit Horror, doch es kommt einiges zustande an Material. Gut gefällt Marcel ein Alptraum, dem ich ihm aus früheren Zeiten präsentieren kann. Der Alptraum dient denn auch als entfernte Grundlage für das spätere Vorhaben. Von da an sind Oli und Marcel eifrig beschäftigt, das Storyboard herzustellen. Marcel ist total fasziniert von Olis Auffassungsgabe und Zeichentalent.

Abends essen wir im Fischlokal. Ich nehme das tunesische Gericht und die Kellner sind hocherfreut. "Hat es geschmeckt? War es arg scharf"? Beides trifft zu. Die große Flasche Sprudel war nötig.

Svenja und Christin haben sich selbständig gemacht. Die Kids genießen das Unabhängigkeitsgefühl aus vollen Zügen. Kein Bitteln, Betteln, Quengeln: "Krieg ich noch was zu trinken...?" Keine elterlichen Ermahnungen: "Iß bitte auf, was du bestellst hast...!" Die Eltern hingegen genießen die Tatsache, dass keine langen Abrechnereien und Streitereien anfallen, wieviel der eine schon ausgegeben hat und was dem anderen noch zusteht.... Ach ist so ein Cluburlaub so streßfrei.

Der einzige Wermutstropfen bei Svenja ist, dass sie dauernd Oli hinterherrennen muß, der den Schlüssel nicht an der Rezeption abgibt. Und wenn er das doch mal tut, wird der Schlüssel von der Rezeption verschlampt und es folgen Suchaktionen.

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Gasse in Hammamet

Um neun empfängt uns großes Geschrei in der Lobby. Die Show ist schon in vollem Gange. Heute abend ist ein Tanzwettbewerb unter den Gästen. 5 Tanzpaare rutschen erwartungsvoll und etwas unruhig auf ihren Plätzen herum. Die Jury, also die Gäste, entscheiden durch Klatschen, wer in welcher Disziplin gewinnt. Mit einer Walzerrunde geht's los.

Mir tun die armen Menschen in der Seele leid. Ein einziges Paar kann tanzen - die unternehmungs- lustige Dame, die aussieht wie eine Dame, sich aber nicht ganz so benimmt, dieses Paar ist das einzige jedenfalls, das Walzer tanzen kann. Beim nächsten Paar hat SIE offensichtlich diesen Schritt noch nie probiert und fällt mittenmang hin. Das Volk freut sich. Die anderen drei Paare wirken auch nicht grade routiniert. Es ist schon sehr erstaunlich, was man mit zwei Beinen alles an verschiedenen Tanzschritten fabrizieren kann. Beim Abstimmen grölt der Tennisfanclub alles nieder.

In der nächsten Runde wird Tango verlangt. Also, Mut gehört schon dazu. Es scheint so, als hätten die Paare noch nie miteinander getanzt. Die Jungs zerren die Mädchen durch den Saal, schwenken sie wie leblose Puppen rauf und runter, die langen blonden Haare schwenken mit. Eine ist ständig damit beschäftigt, ihren kurzen Rock wieder runterzuzerren, den ER ihr erbarmungslos bis zur Taille zieht. Klar, dass sie dabei nicht auch noch auf ihre Füße achten kann.

Der Tanzstil wirkt auch nach Horrorfilm - als würden leblose biegsame Puppen hin- und hergeschleudert. Eine Lambada kommt noch, ein Bauchtanz, Rock'n Roll. Je länger es dauert, desto feuriger werden die Tänzer. Vor allem die Männer streben nach Individualität. Einer wirft sich auf den Boden, zieht SIE über sich. Wirkt schon eher nach St. Pauli-Show als nach Tanzen. Marcel formuliert es so: "Also führen tun da eindeutig die Männer."

Danach gibt’s Tanz für alle. Ein Farbiger am Keyboard, der tolle Musik macht. Allerdings auf eine Art und Weise, wie ich es noch nie gesehen habe. Er füttert sein Keyboard mit Disketten und stellt sich daneben. Eine Superstimme, natürlich bewegt er sich auch schön, und kann gut Kontakt herstellen zum Publikum. Ein paar Anstandsliedchen für die älteren, und dann fetzt er los. Marcel und ich sind natürlich auch schnell auf der Tanzfläche. Marcel läßt sich Discofox beibringen von der Stiefmutter. Ist nicht schwierig, denn er überläßt sich der Führung...

Schon ist wieder ein Urlaubstag vorbei. Das Wetter läßt zwar zu wünschen übrig, aber wir waren kleidungsmäßig drauf eingestellt. Unsere Erwartungen beziehen sich aufs Relaxen, raus aus dem Arbeitsalltag, mal nix tun, Bedientwerden - das Schönste für mich ist die Tatsache, dass ich nichts einkaufen muß, nicht kochen, nicht aufräumen, spülen, Geschirr wegräumen -....

Die Clubanlage erwies sich als gute Wahl, ist auch in Wirklichkeit so schön wie im Prospekt. Relaxen läßt es sich hier gut, es ist alles da, freundliches Personal, ein herrlicher Strand, direkt am Hotel, keine lästige Straße, die überquert werden muß. Das Essen gut, für jeden was dabei, die Zimmer ordentlich, die sanitären Anlagen auch, das Wasser funktioniert und die Spülung ebenso... Animation vorhanden, aber nicht aufdringlich. Jeder kann sich einrichten, wie er will, verschwinden an stillen Plätzen oder auch mittenmang ins tosende Leben. Tatsächlich all inklusive, schön auch die Möglichkeit, in verschiedenen Restaurants in der Anlage essen zu können. Wer das Ziel hat wie wir, einfach zu relaxen, unter Leuten zu sein, ein bißchen zu beobachten, zu reden, ein bißchen was von der Umgebung zu sehen, der ist hier wirklich gut aufgehoben. Gedanklich und planerisch beschäftigen wir uns ja schon mit unserem "großen" Australien-Urlaub im Oktober...

Die Tage vergehen wie im Flug, viel passiert nicht und trotzdem ist ständig was los, keine Minute langweilig. Die Essen mit den Kindern machen großen Spaß und wir freuen uns am problemlosen Handling. Ach isses schön, wenn die Kids so groß und selbständig sind und man sie nicht mehr ins Bett bringen muß. Im Gegenteil, wir gehen früher schlafen als sie.

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