Sonntag, 28. März 1999

Einkaufstour nach Hammamet

 

Gleißender Sonnenschein treibt uns fast die Tränen in die Augen beim morgendlichen Blick ins traumhafte Panorama. Aber die haben vergessen, die Heizung einzuschalten. Deshalb frühstücken wir lieber drinnen. Erstaunlicherweise finden sich auch die Kids bald ein.

Danach schlendern wir durch die Halle, vorbei an den angebotenen Ausflügen. Kamelreiten? Mmm, ohne mich. Hab ich vor 26 Jahren mal gemacht, reicht. Aber die Kids und Diethard fassen es mal ins Auge. Ein Tagesausflug nach Tunis, Sidi Bou Said und Karthago hingegen gefällt uns allen. Zwar ist unser Urlaubsziel eindeutig das Relaxen, Faulenzen und Gepflegt werden, aber ein bißchen von der Umgebung wollen wir natürlich mitbekommen und buchen gleich.

Ein dunkelhäutiger freundlich-lächelnder Mensch spricht uns an: "Woher kommt Ihr? Seid Ihr schon länger da? Gefällt es Euch?" Höflich geben wir Antwort, wie man uns das so beigebracht hat und freuen uns an der Anteilnahme bis zum nächsten Satz, mit dem er uns in die Boutique reinlocken will. Tja, da läßt sich die Motivation für die Freundlichkeit glasklar erkennen...

Da hängt doch genau so eine Lederjacke, wie sie mir seit zehn Jahren schon gefällt. Aber in Größe 46. Sie schlabbert erwartungsgemäß um mich rum. Der Anreißer zupft: "Paßt, wunderbar." Der Meinung sind wir nicht. Der Gatte zeigt auf eine braune kürzere Lederjacke. Die soll ich anziehen. Mach ich auch, ist aber doch ein gaaanz anderer Stil, als ich sonst trage. Ne, steht mir nicht, finde ich, auch wenn Gatte anderer Meinung ist.

Nun, die Verkäuferin, Haner, zu der ich bald ein vertrautes Verhältnis bekomme, macht mir klar: "Ich noch eine Fabrik. Du gucken, ganz umsonst. Wir Euch hinfahren. Sogar Stadtrundfahrt machen, kost nix"

Nun ja, unser Mißtrauen ist tief. Und natürlich versichere ich gleich deutlich, dass ich dann bloß gucken will und nicht unbedingt was kaufen. "Kein Problem." Also verabreden wir uns um halbdrei.

Die Aerobic-Schritte sind mir heute viel vertrauter als gestern und ich hoppel nicht dauernd hinterher. Der Drink an der Bar entpuppt sich zum schnell liebgewordenen Ritual. Leider gibt es heute keinen frischgepreßten O-Saft. Aber ein Cocktail ist ja auch nicht schlecht.

Danach ein Strandspaziergang. Svenja ist unterwegs mit Christin. Marcel hängt ausgepowert in der Hotelhalle herum nach stundenlangem Volleyballspiel. Er übt übrigens eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf kleine Mädchen aus, stellen wir fest. Im Schlepptau hat er Svenja, Christin und Kira. Ein kleiner frecher Steppke, eigentlich süß, aber eine fürchterlich nervige Klette.

Schon wieder Zeit zum Mittagessen. Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Ich schleppe zwar mein kleines Spick-Trennkostheftchen und ganz viele gute Vorsätze mit herum, aber die Trennkost läßt sich doch hier nicht so ganz einfach durchführen. Der verlockende Nachtisch paßt wohl in keine erlaubte Kategorie. Von Mousse au chocolat steht nix drin.

Christin scheint ein kleines Teufelchen zu sein, wenn Mama ausser Sichtweite ist. Nun, wer weiß, was unser Töchterchen treibt, wenn es sich unbeobachtet wähnt.

Pünktlich um halbdrei finden wir uns an. Lederjacken gucken. Draußen steht auch schon ein kleiner Bus, davor sprungbereit eine einzelne Dame. Sie atmet bei unserem Anblick sichtlich auf: "Gottseidank, ich hab schon gedacht, die wollen mit mir allein dahinfahren. Ich wollte mich ja schon verdrücken, aber die haben mich nicht gelassen."

Es stellt sich heraus, dass es eine DOB-Fachkraft ist, Abteilungsleiterin bei Karstadt irgendwo im Hohen Norden. Na wunderbar. Kann die Dame doch beim Preis-Leistungs-Verhältnis mitreden.

Die Lederwarenfabrik ist nicht weit und stellt sich heraus als Kombination zwischen Leder- und Teppichfabrik. Wir werden in den Keller geführt, wo eine junge Knüpffrau ihr einsames anstrengendes Knüpfdasein fristet. Ich muß natürlich auch gleich einen Knoten machen und stelle mich programmgemäß touristenungschickt an dabei.

Bis wir uns versehen, hocken wir schon auf dem Bänkchen im Vorführraum. Ringsrum an der Wand stapeln sich die Teppichrollen. Einer nach dem anderen wird vor uns im eleganten Bogen ausgerollt. "Wollen Sie Pfefferminztee?" "Wir wollen aber nicht kaufen", wenden wir zaghaft ein. "Das dürfen Sie nicht ablehnen, das gehört zu unserer Gastfreundschaft", erklärt uns der freundliche Herr und gibt den Auftrag, uns mit "Gastfreundschaft" zu versorgen. "Peinlich, peinlich", zischt die DOB-Dame daneben immer. "Ich hasse das, dieses Aufdrängen von Tee. Ist immer so verpflichtend." Wir beschwichtigen sie: "Das gehört halt einfach dazu in diesen Ländern. Ist in der Türkei ja genauso. Wäre eine Beleidigung, das abzulehnen."

Es dauert arg lang, bis der Tee kommt. Inzwischen haben wir klar geäußert: "Wir wollen keinen Teppich. Unsere Wohnung ist komplett ausgestattet. Außerdem paßt diese Art von Teppichen nicht zu unserer Einrichtung."

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Altstadt Hammamet

Der Tee wird uns daraufhin tatsächlich nicht ausgehändigt. So weit her ist das also mit der Gastfreundschaft. Übrigens, das haben wir in der Türkei nie erlebt und wir weisen später in der Hotel-Boutique sehr deutlich auf diese seltsame Gastfreundschaft hin.

Also werden wir wieder in den vorderen Teil geführt, Lederjacken gucken. Da ist eine häßlicher als die andere, altmodisch, hart. Schnell wissen wir, dass wir da nichts finden. Was ist mit unserer kostenlosen fest versprochenen Stadtrundfahrt?

Das dauert. Mehrere Nichtskäufer stehen auf der Treppe rum im kalten Tunesien. Ich bin kuschele mich heilfroh in mein windabweisendes Regenjäckchen. Die arme DOB-Dame friert gottserbärmlich in ihren Halbärmelchen.

Doch der Bus kommt noch irgendwann und kutschiert uns Richtung Altstadt. Ein Österreicher hinten auf der Sitzbank beschwert sich lauthals: "Nicht schon wieder dahin, da waren wir schon. Fahr gefälligst woanders hin."

Also, wir waren da noch nicht. Der Busfahrer reagiert nicht auf das lautstarke Gemotze und bringt uns an den Eingang der Altstadt. Dort gibt’s heftige Verhandlungen mit dem Führer, dem Busfahrer und dem Österreicher-Paar, die damit enden, dass die beiden extra gefahren werden und ein kleines Häufchen ratloser Menschen etwas unschlüssig am Hafen zurückbleibt vor der Altstadt. Gegenüber ein Friedhof, den wir uns näher betrachten. In einer Viertelstunde soll ein Führer kommen, haben wir mitgekriegt. Die DOB-Dame bruttelt ohne Pause: "Habs doch gleich gesagt, die mit ihrer kostenlosen Rundfahrt. Wer weiß, wie lang wir hier warten müssen, ob die uns überhaupt abholen. Wir sollten ein Taxi nehmen und zurückfahren." Diethard und ich grinsen uns eins, ist doch immer schön, diese kleinen "Menschel-Szenen" am Rande zu verfolgen.

Währenddessen beobachten wir die Frauen, die ein Hammelfell auswaschen. Mit den nackten Füßen stehen sie im eiskalten Wasser, während sie schrubben. Eine setzt sich dann in den Sand und fängt mit einem normalen Messer an, mühevoll irgendwas an diesem Fell abzuschneiden. Ich versuche mich gedanklich in ein solches Leben zu versetzen, das gelingt mir natürlich nicht, aber ich bin wieder einmal mehr sehr dankbar für die Umstände, in denen ich leben darf.

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Schaffelle werden im Meer gewaschen

Der Führer kommt, dahinter ein Rattenschwanz Touristen. Er trabt gleich wieder los mit uns Richtung Altstadt, und verfrachtet uns ins Hochzeitsmuseum. Sieben Tage soll eine tunesische Hochzeit dauern. Die traditionellen Gewänder sind ausgestellt. Sehen äußerst unpraktisch und sehr zeitaufwendig aus. Ob das heute noch alles so ist?

Unvorstellbar für unsereinen. Unvorstellbar aber auch, so zu wohnen und zu leben. Vom Museum aus haben wir einen Blick über die Medina. Wäsche flattert im Wind. Auf den Flachdächern teilweise Baumaterial, ein wenig Abfall liegt herum, ein paar zusammengerollte Teppiche. Wir klettern die steilen Stiegen wieder runter, setzen unseren Rundgang fort in aller Ruhe, denn am Wochenende ist Hammelfest und die Läden sind geschlossen. Einen Blick werfen wir noch in das große maurische Cafe innerhalb der Alt-Stadt. Ein paar Männer sitzen dort gelangweilt auf den Bänken, trinken Tee, einer raucht Wasserpfeife. Wir stiefeln zurück zum Bus. Oh, ist das schön im Warmen. Zurück geht’s in die heimische Hotelhalle. Die DOB-Dame hat versprochen, die Lederjacke aus der Boutique fachlich-kritisch zu begutachten.

Haner freut sich schon bei unserem Anblick und winkt mir zu, während sie bedient. Der Geschäftsführer ist auch wieder da, er wirkt sehr jung und ziemlich arrogant, fischt "meine" Lederjacke wieder raus, dann die kurze von gestern, die Diethard so gefiel.

Die DOB-Dame ist entsetzt über meinen Geschmack. "Also, der Schnitt steht Ihnen gar nicht. Ist richtig altmodisch. So was hat man vor 10 Jahren getragen. Sie sind doch schlank und müssen sich nicht in so einem Sack verstecken." Also probier ich die braune kurze an, Diethards Favorit. Eigentlich gefällt sie mir inzwischen auch recht gut. Scheint ein Stück zum Wohlfühlen zu sein. Sollte ich mal mutigerweise was anderes kaufen als sonst?

Also handeln. Gestern sollte diese Jacke 280 Dollar kosten. Zum Schluß nach den üblichen Feilsch-Spielchen kriege ich sie dann für 220 Dollar, obwohl normalerweise Handeln im Hotel nicht üblich ist. Eine schöne Jacke für ca. 350 DM aus ausgesprochen weichem Leder. Haner grinst, während sie das Spielchen mitverfolgt.

Nach all den Strapazen haben wir uns den Kaffee verdient an der Hotelbar. Ich will mich meinem mitgebrachten Rhetorikkurs widmen, Diethard geht Tischtennis spielen mit den Kids.

Abendessen gibt's heute im tunesischen Spezialitätenrestaurant, alles inklusive natürlich. Auch Christin ist mit dabei. Ich komme nach und renne durch den Regen, es plätschert nämlich ganz gewaltig vom Himmel runter. Noch mitten rein in eine große Pfütze, pfuiteufel. Im Lokal eine angenehme Atmosphäre, gedämpftes Licht, Bütett in der Mitte, alles schön dekoriert. Hier wird serviert, die Vorspeisen gibt’s am Büfett. Wir kriegen die Karte, studieren sie interessiert, aber natürlich weiß keiner, was sich hinter den klangvollen Namen verbirgt. Oli kann sich überhaupt nicht entscheiden, der Ober macht das für ihn: "Das schmeckt sehr gut, ist Fleisch mit Spinat überbacken, das nimmst du." Oli nickt mit eingezogenen Schultern ohne Widerrede, ich grinse über das ganze Gesicht. Was würde das für einen Wirbel geben, wenn ich ihm zuhause Spinat servieren würde?

Klar, dass ich ihn damit auch aufziehe. Aber Oli hat ein Argument parat: "Wenn's mir hier nicht schmeckt, lasse ich das einfach stehen und hole mir am Büfett was Gescheites." Wo er recht hat, hat er recht. Zwischenzeitlich fließt die Cola wie im Schlaraffendland. Die aufmerksamen Kellner schenken sofort nach.

Die beiden Mädchen sind ganz, ganz artig, Marcel vermag kaum zu glauben, wie absolut mustergültig sie sich benehmen, sobald wir dabeisitzen. Die reinsten Engelchen. Lange halten sie das natürlich nicht aus und so verschwinden alle vier gleich nach dem Dessert.

Danach ist Spieleabend angesagt im Foyer, mit den Gästen. Wir setzen uns in die Halle. Was sollten wir sonst auch tun?

Freudestrahlend stürzen die Kids auf uns zu. Aha. Was ist los? So viel freudige Beachtung? Natürlich klärt sich gleich, warum. Papas Wissen wird gewünscht. Die Fragen hageln nur so. Mindestens 15 Gruppen raten mit. Die Antworten müssen innerhalb 20 Sekunden abgegeben werden. Und so rasen sternförmig aus allen Ecken große und kleine Kids mit ihren Antworten zum Moderationstisch. Svenja und Christin machen das abwechselnd und hüpfen dabei gnadenlos über alles weg, was ihnen im Wege sitzt. Spannung beim Vorlesen, lauter Jubel nach jeder richtigen Antwort, angeheizt von den Animateuren, lange Gesichter nach falschen Antworten.

Wir liegen gut. Aber der Tennisclub, die große Mannschaft aus lauter gestandenen Männern, liegt noch besser. That's life. Die Sieger kriegen übrigens einen Cocktail serviert. Ein netter Gag in einem Ultra-All-inklusive Hotel, in dem sämtliche Getränke frei sind...

Svenja kommt stinkesauer an. Ein einziger Kompakt-Vorwurf. Christin muß spätestens um 10 ins Bett, weil ihre Eltern müde sind vom Golfen. Und jetzt kriegen wir Svenjas geballten Ärger ab. Dabei können wir doch ausnahmsweise gar nix für...


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