Donnerstag, 1. April 1999

Strandtag

 

Heute geht’s mir nicht sonderlich gut. Die Augen tränen mir ob der grell-hellen Sonne. Mein Kopf hämmert und schmerzt. Die obligatorischen vierwöchentlichen Kopfschmerzen melden sich an.

Am liebsten würde ich das Frühstück ausfallen lassen. Doch der Gatte lehnt kategorisch ab: "Schatz, das geht nicht. Da glauben ja die Leute, du hättest mich verlassen nach dem gestrigen Abend."

Also geh ich mit. Aber Aerobic lass ich ausfallen. Die Sonne brennt nun schon zum Frühstück runter, es gibt doch noch ein bißchen Farbe. Auf der Nase übrigens weitaus mehr, als mir lieb ist, denn da entwickelt sich ein kleiner Sonnenbrand.

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Mosaik aus dem Bardo-Museum in Tunis

Heute frequentieren wir endlich auch mal den Strand. Unentwegte taten das ja schon die ganzen Tage, offensichtlich sind manche Leute immun gegen kalten Wind. Liegestühle gibt’s hier in Hülle und Fülle, die Handtücher sind natürlich auch all inklusive, Strohsonnenschirme erst recht und so suchen wir uns ein schönes Plätzchen, rücken unsere Strandliegen zentimetergenau hin, so dass der Kopf im Schatten liegt und der Rest in der Sonne. All inklusive dann auch das Vergnügen für die anderen Strandlieger, als ich versuche, meine Liege zu entern und dabei zeitlupenmäßig slapstickartig umkippe.

Doch endlich ist es geschafft, die Körper strandmäßig eingerichtet, eingecremt mit der sündhaft teuren Sonnencreme aus dem Basar - die zuhause hatte irgendwie den Weg in den Koffer nicht gefunden. Gibt auch viel zu gucken, Tretboote, Bananen, Kanu, Volleyball, Segelboote, und Paragliding. Große bunte Fallschirme, allein oder zu weit, sitzen sie da drunter, manche zeigen turnerische Fähigkeiten und absolvieren Saltos in der Luft. Ist bestimmt schön, dieses Fliegen da oben. Für Schwindelfreie jedenfalls.

Erfreulich, dass die Ruhe hier am Hotelstrand nicht gestört wird durch aufdringliche Händler oder Kameltreiber. Kein einziger läßt sich da blicken. Das war damals vor 26 Jahren anders am Strand, da konnte man als Tourist ganz schön aggressiv werden, weil man dauernd bedrängt wurde.

Nach dem Mittagessen packe ich mich ins Bett. Zwei Stunden Ruhe, Tabletten, das muß mich wieder auf die Beine bringen. Danach gehe ich meine Familie suchen. Kein leichtes Unterfangen unter all diesen badebehosten rumspringenden und rumliegenden Menschen am Strand. Doch ich werde schnell entdeckt.

Zwei empörte kleine Mädchen sausen auf mich los: Monika, wir versuchen schon die ganze Zeit, ein Tretboot zu kriegen. Und der da vorne sagt, da gibt es eine Liste, und da müssen wir uns eintragen, und sonst dürfen wir nicht fahren. Und die blöden Jungs da, die schnappen uns die Boote immer vor der Nase weg und ...."

Innerlich bereue ich sehr, dass ich mein Bett verlassen habe. Äußerlich lächle ich, etwas verkrampft vielleicht, aber immerhin, und mache mich auf, meinen Kids Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Mein Auftauchen genügt. Von einer Liste ist nicht mehr die Rede, fünf Minuten später haben die beiden ihr Boot. Sie freuen sich und sie ärgern sich. Würde mich wirklich auch interessieren, ob die Tunesier sie auch so abfertigen würden, wenn es nicht kleine Mädchen, sondern kleine Jungs wären. Aber das werden wir nicht ergründen.

Die Wellen sind zwar längst nicht so heftig wie am Anfang, trotzdem beobachte ich die beiden mit Sorge. Svenja ist ein zierliches Mädchen, Christin erst zehn Jahre alt. Können die zwei das? Werden ihre Kräfte reichen, wieder ans Ufer zu kommen? Was ist, wenn sie weit hinausgeschwemmt werden? Wenn sie sich nicht mehr retten können? Elend umkommen da draußen auf dem Meer...? Gibt’s hier eigentlich so was wie eine baywatch...?

Meine blühende Phantasie malt mir die entsprechenden Bilder aus, während ich die beiden krampfhaft im Blick behalte, wie sie da treten. Schwierig, bei der grellen Sonne, trotz Sonnenbrille. Schwierig auch, sie nicht zu verwechseln. Da gibt’s schließlich noch mehr Tretboote im Wasser.

Gottseidank, sie überleben es. Ich bin erleichtert.

Die zwei klettern raus: "Mensch, guck mal, da hinten an dem Segelboot ist ja Marcel. Wir fragen, ob wir mitsegeln dürfen." Schwupps, sind sie weg, ich folge der angegebenen Blickrichtung. Tatsächlich, Marcel und sein Vater, beide in sehr kleidsamen Schwimmwesten, sind dabei, ein Segelboot ins Wasser zu hieven. Nun, ich weiß, Marcel hat einen Segelschein und ist jahrelang immer gesegelt.

Schwupps, haben sich die beiden Girls auch mit Schwimmwesten dekoriert und springen ins Boot. Los geht's. Irgendwas scheint nicht zu stimmen, weil ein Tunesier hinterherrennt und armefuchtelnd schreit: "Ruder runter, Ruder runter", was die im Boot weder bemerken, geschweige denn verstehen. Ich sitze auf der Liege und mache mir schon wieder Sorgen, während hinter mir ein Mann die Lage kommentiert: "Na ja, die müßten das Ruder runterziehen. Wenn die so weitermachen, dann kentern sie bald." Ich dreh mich rum. "Glauben Sie, es gibt Probleme? Wär schlimm, der größte Teil meiner Familie sitzt da drin." Er grinst und widmet sich wieder seiner Bildzeitung: "Na, die passen schon auf hier, keine Sorge. Die Touristen werden denen wohl nicht so wichtig sein, aber die Boote schon."

Beruhigende Worte. Die vier hat‘s irgendwie wieder an den Strand verschlagen, doch bis ich hingelaufen bin, schiebt sie schon wieder jemand ins Wasser. Und diesmal funktioniert's. Nach einer halben Stunde kommen sie wohlbehalten und schlotterkalt zurück. Marcel stellt fest: "also auf der Schlei zu segeln ist doch was ganz anderes als hier im Meer."

Ach, ist das Strandleben so aufregend.

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Abschiedsspaziergang am Meer

Noch ein Kaffee, noch ein Spaziergang am Meer, noch ein letzter Besuch bei Haner. Gab's da doch ein klassisches Mißverständnis. Der Lederwarenverkäufer, der schon immer meine schöne weiße Seidenbluse bewundert hatte, hatte mich nachmittags nach meinem Lieblingsparfüm gefragt. "Du welches Parfüm. Du Probe. Wegen Souvenir." Hatte ich so verstanden, dass er mir zur gekauften Lederjacke noch ein kleines Souvenir mitgeben wollte und mich darüber gefreut. War aber andersrum gemeint: ich sollte mein Jil Sander-Parfüm Haner schenken.... Nun, ja, was tut man nicht alles. Das arme Mädchen tut mir leid. Sie ist grade 20 und sitzt Tag für Tag in der Boutique, von morgens zehn bis abends halbzehn. Und so bringe ich ihr den Flacon und sie strahlt über alle Backen. Diesmal klappts auch mit einem Foto, denn Diethards Apparat funktioniert.

Noch ein letztes Abendessen in Fischspezialitätenrestaurant, diesmal in Begleitung von Christines Anhang: den Eltern, Onkel und Tante und ein bekanntes Paar. Der Fisch ist lecker, nach einer angeregten Unterhaltung beschließen wir, noch alle zur Rock'n-Roll-Show zu gehen. Christines Eltern spielen tagsüber Golf und sind abends immer rechtschaffen müde. Aber heute am letzten Abend will ich doch für die beiden Kleinen noch ein bißchen Zeit rausschinden. Unsere Kids sind ohnehin fest entschlossen, heute nacht durchzumachen. Das ins-Bett-gehen lohnt auch kaum. Die Disco ist geöffnet bis zwei Uhr, gleich anschließend gibt’s Nachtschwärmerfrühstück. Und der Bus fährt ja schon um drei.

Also gut, Rock'n-Roll-Show. Bis viertel nach neun. Lange Gesichter bei den Kids. Doch dann wird die Mutter von der Stimmung erfaßt, die Show ist wirklich schön aufgemacht. Wir haben keinen Sitzplatz mehr gekriegt, also tanzen wir im Hintergrund ein bißchen mit. Christines Mutter tanzt übrigens ausgezeichnet.

Ich nutze die Gunst der Stunde: "Heute ist der Farbige wieder da, der so tolle Musik macht. Geht doch noch ein paar Minuten mit." Nun, Christines Eltern lassen sich tatsächlich drauf ein. Ich bin es gewohnt, alleine zu tanzen, bin ich doch bei den Bandauftritten von Diethard immer alleine dabei, und es macht mir schon lang nichts mehr aus, unbemannt auf der Tanzfläche zu erscheinen. Marcel kommt mit und dann sogar Christines Eltern. Wow. Papa hat schnell genug, aber Mama hat Blut geleckt, strahlt wie ein Pfannkuchen, tanzt begeistert und vergißt total, dass sie um diese Zeit normalerweise schon längst schläft.

Um elf endlich wollen die Eltern nun gehen und suchen ihren Nachwuchs. Doch Christinchen versteckt sich unter einer herunterhängenden Tischdecke und schleicht sich an mich an: "Die suchen mich, aber ich versteck mich." Ich gebe ihr einen Klaps: "Mädchen, überspann den Bogen nicht, sonst lassen sie beim nächstenmal nicht mehr mit sich reden." Christinchen grinst mit der ganzen Weisheit ihrer zehn Jahre: "Hast recht, tschühüß!"

Auch wir gehen bald nach oben. Koffer fertig packen. Noch zwei Stündchen Schlaf erhaschen, um zwei, halbdrei müssen wir doch aufstehen...

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