Um 8.45 steht Gudrun in der
Hotelhalle. Im Auto drückt sie mir ein Buch mit einer Widmung in die Hand: Das schenk ich
dir, ist ein schönes Buch über die Geschichte der Aborigines und ihre Dreamtime.
Marlo Morgan? Den Namen kenne ich, habe ich doch auf dem
Hinflug zufällig die deutsche Übersetzung gelesen, den "Traumfänger". Ich
freue mich drüber. Ich werde versuchen, das Buch in englisch zu lesen und so meine
Kenntnisse zu verbessern, gelobe ich.
Den Vormittag verbringen wir noch zusammen. Wir fahren
nach Manly zu einem wunderschönen Strandspaziergang, während wir uns über alles
mögliche unterhalten, Horoskope, Reinkarnation, Aborigines, Dreamtime. Heiß ist es. Ich
spüre langsam Sonnenbrand, trotz aller Einschmiererei. Zum Glück habe ich immer einen
Schal in der Handtasche, den stopfe ich mir ins Dekollete. Sieht zwar ziemlich blöd aus,
aber es hilft.
Ein wirklich schönes Fleckchen Erde, dieses Manly.
Alles wunderschön gepflegt und angelegt. Von einem Restaurant am Strand führt ein
dschungelartiger schattiger Treppenaufgang, wie ein kleiner Regenwald, sogar ein
Wasserfall ist mit dabei, nach oben zu den Villen, die wir schon während der
Hafenrundfahrt bewundert haben. Beide stöhnen wir uns nach oben, die "Drei
Schwestern" machen uns bei jeder Stufe in den Oberschenkeln gewaltig zu schaffen.
Ein Kaffee am Ufer tut gut. Gudrun zeigt uns noch ein
bißchen Sydney, dann setzt sie uns ab an der Harbour Bridge. Die Kletterer darauf sind
unermüdlich zugange. Wie kleine Ameisen besteigen sie unbeirrt dem
"Kleiderbügel", wie die Brücke liebevoll im Volksmund genannt wird.
Wir verzichten darauf, aber natürlich wollen wir die
Führung durch das Opera House mitmachen. Eine Stunde dauert die. Eine halbe müssen wir
noch warten. So sitzen wir draußen vor dieser herrlichen Kulisse in der Sonne, ich mit
verhülltem Hals und Ausschnitt, der teuflisch brennt, dabei hab ich doch so aufgepaßt,
und sind uns einig: Wir wollen nicht nach Hause.
Das überrascht uns selbst, waren wir doch noch nie
einen Monat weg von zu Hause und glaubten eigentlich, mit Eindrücken derart
"abgefüllt" zu sein, dass wir uns zurücksehnen würden in die Abgeschiedenheit
unserer Computerwelt zu Hause. Doch weit gefehlt wenn wir die Wahl hätten, noch zu
bleiben wir hätten bestimmt keine Sekunde gezögert, zuzugreifen.
An Silvester wollen wir hier sein, nehmen wir uns vor
Jahreswechsel zwischen Opera House und Harbour Bridge. Bloß das Jahr, das legen wir
noch nicht fest. Denn wir müssen wir erst noch ein wenig sparen Geld und
Urlaubstage. Unter vier Wochen lohnt es sich wirklich nicht, hierherzukommen. Die
Reisezeit ist doch arg lang.
Aber hier wäre durchaus auch ein Ort, um zu
"retiren". Es gefällt uns beiden außerordentlich hier, aber bis dahin dauerts
ja noch eine Weile... |