Doch die Eile war gar nicht
nötig. Der legendäre Ghan hat 20 Minuten Verspätung. Was ist daran wohl so legendär?
Eigentlich sieht er aus wie ein ganz normaler Zug, allerdings ein sehr sehr langer, so 200
bis 300 m werdens wohl schon sein. Vor uns zwei junge deutsche Pärchen, die den
Reiseführer hin und her wälzen und versuchen, möglichst viel Programm in ihren Urlaub
zu packen, aber ach, Australien ist halt so huge, es muss so viel gestrichen werden.
Hinter uns ein paar Holländer, die sind von Anfang an
ziemlich gut drauf, nach einer Flasche Wein noch mehr. Der Wagen ist prall gefüllt,
mehrere Bildschirme hängen an der Decke. Dauert auch nicht lange, bis ein lärmendes
Video eingelegt wird, Startrek. Kaum jemand guckt hin, dafür schwillt der
Unterhaltungspegel gewaltig an, schliesslich muss das Video ja übertönt werden.
Der Speisewagen ist gleich vornedran, es gibt nur
Sandwich. Tja, wenn wir das gewusst hätten, dann hätten wir uns doch was mitgenommen.
Aber später kriegen wir dann doch noch zu akzeptablen Preisen ein warmes Essen, eine
willkommene Unterbrechung der langen Fahrzeit.
Acht Stunden durch das Outback. Roter Sand, Spinnifex,
knorrige Bäume. Die Gegend kennen wir ja nun langsam. Diethard beschliesst, jede Stunde
ein Foto zu machen, um die Veränderung der Landschaft zu dokumentieren.
Doch da verändert sich nichts bis zum Dunkelwerden.
Diese endlose Weite ist wirklich faszinierend. Ein/, zweimal sehen wir in der Ferne ein
paar Häuser. Fast eine Sensation.
Einmal startet ein Känguruh ein Wettrennen mit dem
Ghan. Das Viech ist schnell. Eine geraume Strecke hält es mit.
Manduri ist die dritte Haltestelle. Um 1.20 sind wir
losgefahren, so gegen halbsieben erreichen wir die Haltestelle Nr. 2. Kein Mensch steigt
aus. Nach dem wunderschönen Sonnenuntergang ist es nun pechschwarz und nicht erkennbar:
War das jetzt ein Halt auf freier Strecke oder die Station? Ein Schild können wir nicht
entdecken, obwohl wir sehr angestrengt gucken.
Die Unruhe steigt. Denn im Ghan die Haltestelle zu
verpassen, hat dann doch weitreichendere Folgen. Heute ist Freitag, der nachste Zug kommt
erst am Dienstag.
Wir fragen im Speisewagen nach. Der Schaffner meint ,
nächste Haltestelle, ja. Mag sein, dass wir zwischen 8.30 und 8.40 ankommen. Kurz vor
halbacht tauchen zwei Uniformierte auf im Zug. Manguri, sagen sie in die Runde. We arrive
in three minutes.
Sofort gibts Bewegung im Zug. Aufstehen, Knochen
zurechtrücken, Gepäck obenrunterzerren. Aus den drei Minuten werden eher zehn, dann
stoppt er. Only a very short stop, ruft ein Uniformierter. Also gut, wir werden uns mit
dem Aussteigen beeilen. Aber es tut sich nichts. Stau. Doch die Schlange bewegt sich
nicht. Was ist los?
Umdrehen, heisst es dann. Die Tür da vorne ist kaputt.
Wir müssen im Wagen vornedran aussteigen. Brav drehen wir uns alle um, stiefeln durch den
Speisewagen und die erste Klasse. Doch da steht uns eine weitere Uniformierte im Weg. Hier
dürfen wir nicht raus. Also umdrehen und wieder zurück. Die Deutschen, die vor uns
sassen, grinsen: Oh, Ihr schon wieder. Wolltet Ihr nicht aussteigen?
Der Zug fährt weiter. Schreck. Aber nur ein kurzes
Stück. Und dann dürfen wir endlich raus. Es ist jetzt halbneun. Kein Licht, kein
Bahnsteig, kein Bahnhof. Weit und breit nichts. Nichts, aber auch gar nichts, was auf
einen Bahnhof hindeuten könnte.
Bloss etwa 20 Touristen stehen ratlos rum. Und
Gepäckstücke, die mitten auf dem zweiten Bahngleis gelagert werden. Per Taschenlampe
wird ausgeladen, und Touristen stolpern zwischen den Gepäckstücken herum auf der Suche
nach dem eigenen.
Gegenüber stehen ein kleiner ramponierter Bus und ein
Jeep. Ich laufe über das Bahngleis auf einen Fahrer zu. Mrs Ujeeeen? fragt der.
Na bitte, Bernds Organisation ist doch hervorragend. Und
so stehen wir nun unter einem klaren Sternenhimmel in einer wunderschönen warmen Nacht,
und begucken ungläubig die Szene auf dem Bahngleis. Die Koffer sind immer noch nicht alle
identifiziert. Die Touristen quirlen umeinander und suchen ihre Habe. Ich verziehe mich
schnell in der Dunkelheit hinter einem Bus, wollte ich doch im Zug nicht mehr auf die
wacklige Toilette gehen und habe lieber bis zum Bahnhof gewartet.... Gottseidank, keine
Schlange schnappt zu.
Ein weiteres deutsches Ehepaar gesellt sich zu uns,
Wolfgang und Elke, erfahren wir später. Wolfgang trägt einen Arm in der Schlinge. Die
beiden hatten ein Auto gemietet und einen bösen Unfall mit Überschlag hinter sich. Ist
zwei Tage her, doch der Schock steht Wolfgang noch ins Gesicht geschrieben. In
Hermannsburg passierte das, Nähe Alice Springs. 15 km entfernt von der Ortschaft, kein
Handy. Irgendwie schafften sie es, den Wagen nach Hermannsburg zu fahren...
Zu viert steigen wir ein in den Jeep. Die Tür steht
offen, viele Fliegen haben sich ums Licht versammelt. Wir klettern auf die harten
Rücksitze und der Fahrer fragt: do you drink a glass of champagne?
Stutz. Eine völlig unerwartete Frage hier mitten in der
Wildnis. Aber warum nicht. Und so kriegen wir eine Flasche Sekt in die Hand gedrückt,
Elke versucht tropffrei einzuschenken, während der Bus losrattert auf der Sandpiste und
der Beifahrer die Fliegen gekonnt zum offenen Fenster rauswedelt.
Neben ihm steht ein verlockender bunter Früchteteller
mit appetitlich angerichteten Früchten, Käse, Lachs.... Der ist doch bestimmt für uns
Touristen... Alle vier heften wir verlangend den Blick darauf und prompt dreht sich der
Beifahrer um. Thats for you. Welch unerwarteter Empfang unterm Sternenhimmel.
Elke und Wolfgang haben alle Hände voll zu tun, den
Teller festzuhalten, während wir auf der Sandpiste durchgeschüttelt werden. Der Lachs
hüpft mit den Früchten um die Wette. Doch die unerwartete Gabe schmeckt uns allen vier
köstlich... und der Teller ist bald ratzeputz abgeräumt. |