14. Oktober: Von Fliegennetzen und Hubschraubern

Kings Canyon - Alice Springs

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Die Sonne scheint. Die Gruppe ist heute geteilt, die fitten Kletterbegeisterten sind seit halbsieben unterwegs, den Kings Canyon zu erklimmen. Drei Stunden dauert das ungefähr.

Die, die eine gemächlichere Wanderung vorziehen, erscheinen um halbneun bei Alex am Bus zu einem really nice walk im ausgetrockneten Flußbett. Ich habe mal vorsorglich mein Fly-Net eingesteckt. Schließlich hat Leslie mir das mitgegeben, weil man das unbedingt bräuchte. War aber bisher nicht so.

Auch die Wasserflasche schleppe ich mit. Schon längst nicht mehr das Ein-Liter-Plastik-Unikum, das wir in Perth im speziellen Laden kauften. Sondern, wie alle australischen Touristen, ein 0,33 liter Glasfläschchen, vormals mal ein Orangensaft oder sowas. So ein Schluck lauwarmes, kilometerlang herumgeschütteltes Wasser schmeckt gar nicht mal so übel, wenn man schwitzt und nix anderes greifbar ist.

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Am Kings Canyon

Ein paar Fliegen schwirren herum, die Touristen "grüßen" sich oft. Aber keiner trägt ein Fly-Net. Ich als einzige? Doch dann kommt uns ein Bushwalker entgegen, der hat auch so ein kleidsames Ding. So zerre ich meins auch raus, und blicke durch das grüne Fliegengitter in lächelnde zurückkehrende Touristengesichter.

Zugegeben, es sieht schon relativ blöd aus, aber es ist ausgesprochen praktisch..., kann man doch ungestört reden ohne Zwischenfälle. Diethard verschluckt zwischendurch eine Fliege.

Die Wanderung im ausgetrockneten Flußbett macht Freude. Sträucher ringsum, große Steine, Felsen ragen empor, bilden Schluchten. Nix Furchterregendes – ein Westentaschen-Canyon, wie Diethard das ausdrückt. Von unten gesehen jedenfalls. Die, die den Drei-Stunden-Aufstieg machen, mögen das wohl etwas anders empfinden...

Rast auf einer Holzplattform. Fantastischer Rundblick, es ist schön warm. Auf dem Rückweg treffen wir eine junge Familie mit Kind. Die Mutter stapft vorneraus, der Vater versucht mit honigsüßer Stimme das engelgleiche Söhnchen zum Runterklettern von einem Stein und zum Weiterlaufen zu bewegen. Doch Söhnchen gellt schrill zurück und widersetzt sich sämtlichen pädagogischen geduldbrauchenden Versuchen. Wir beide lächeln still in uns hinein, nicht schadenfroh, nein, nein, sondern im Gedenken an die vielen Szenen gleicher Art, die wir mit unseren Kids erlebten und stellen mal wieder fest: Ist es nicht schön, wenn die Kleinen groß sind und die Eltern frei...?

Was mit pädagogischen Mitteln nicht gelang, funktionierte mit Bestechung. Ener aus der Gruppe baute sich 10 m vor dem widerspenstigen Sprößling auf und winkte mit einem Marsriegel... und sofort war der Widerstand gebrochen.

Zurück über Steine, an Felsen vorbei, die wirken wie Blätterteig, eine Schicht auf der anderen. War eine schöne Wanderung.

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Monika im Flynet

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Um zehn kommen wir zurück. Alex bringt uns gleich zum Huberschrauber-Landeplatz. Mensch, der Hubschrauber sieht viel vertrauenerweckender aus als der, den ich gestern sah, so schöne Farben hat er... und sogar Fenster.

Als erstes zeigt der Pilot uns die Notfalltafel, die ist angeschraubt an einem kleinen Holzhaus, während der Hubschrauber saubergemacht wird und vorbereitet für den nächsten Start. Also nachher aussteigen und nach vorne weggehen, keinesfalls nach hinten, denn das ist gefährlich. Und wenn es wirklich zum Absturz kommen sollte, no worry, zeigt er auf ein Bild, in dem ein Insasse sich duckt, die Arme verschränkt, den Kopf einzieht...

Wir steigen ein, wupps, haue ich mir natürlich prompt den Schädel an. Gar so eng hatte ich es mir nicht vorgestellt. Der Pilot zeigt uns, wie das Angurten funktioniert. Tür zu, gleich geht’s los.

Schräglage. Hmm, ein eigenartiges Gefühl, mein Magen meldet sich. Doch die grandiose Aussicht übertönt ihn. So ein Hubschrauber fliegt ja viel tiefer als ein Flugzeug, die Scheiben sind größer, man wähnt sich doch viel näher dran am Geschehen, jede einzelne Furche im Stein ist zu erkennen. Der Flug ist sehr ruhig. Aber auch laut. Wir haben Kopfhörer auf, doch die Erklärungen des Piloten gehen im Fluglärm eher unter.

Schade, so ein Flug dauert ja nicht lang, 12 bis 15 Minuten. Ich hätte es noch weitaus länger ausgehalten und die ungewohnte Perspektive genau betrachtet. Natürlich bin ich auch stolz darauf, dass ich mich überwunden habe...

Noch ne arge Schräglage vor der Landung, doch dann setzt er sanft auf, kurz vor dem Skelett, zusammengesetzt aus verschiedenen Knochen, das so einladend am Hubschrauber-Landeplatz steht. Das muß Diehthard dann natürlich nebst Gattin aufs Foto kriegen.

Eine stundenlange Fahrt steht uns bevor nach Alice Springs. So 300 km werden es noch sein. Also genehmigen wir uns noch einen Lunch, dazu muß ich mir einen Platz auf der sonnenbeschienen Terrasse erkämpfen, es ist knallvoll, Glück gehabt, dahinten im Schatten ist noch was frei. Büfett gibt’s drinnen, gegessen wird draußen. Beim Bezahlen kriegt man einen Teller in die Hand gedrückt und kann sich dann bedienen. Eigentlich, denkt unsere schwarze Seele, genügt es doch, wenn einer bezahlt..., schließlich darf man ja so oft gehen, wie man will. Und den Teller könnte man ja auch weitergeben...

Nun, ehrliche Menschen wie wir machen so was nicht. Neben uns sitzt ein älteres Ehepaar an einem Vierertisch, zwei Plätze für sie, auf dem dritten ruht ein Rucksack, auf dem vierten die Beine der Dame. Ungerührt erwidern sie die fragenden Blicke der tellerbeladenen Gäste, ohne Rucksack oder Beine zu entfernen. Ein Teller steht vor ihnen, den sie sich teilen... ja, das sind die richtigen Gäste, denke ich mir, darüber freut sich jeder Wirt.

Zufällig kriegen wir mit, warum die beiden so stur sind – sie ärgern sich gewaltig über die Behandlung, die ihnen angedieh und protestieren nun auf ihr Weise. Sie konnten ihr Zimmer am Abend zuvor erst sehr spät beziehen, sie wurden zweimal vertröstet auf einen späteren Zeitpunkt, denn es war noch nicht fertig. Aber die beiden waren fertig nach einer anstrengenden Fahrt und dem Spaziergang im Flußbett. Genauso erging es den Eltern des engelgleichen Kindes, die wir dann noch treffen. Die hatten sich genauso geärgert, als sie in der Mittagshitze den Aufstieg machten, völlig verschwitzt zurückkamen, mit großer Sehnsucht nach einem Bett und nicht in ihr Zimmer konnten.

Klar, zuerst werden die Busse abgefertigt, damit die Zimmer bereitstehen. Denn das gibt Ärger mit dem Veranstalter, wenn’s nicht klappt. Und wenn dann in einem Hotel die Zeit knapp wird, müssen die, die auf eigene Faust reisen, halt warten... der Ärger ist gering, die sind morgen wieder weg...

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Hubschrauberrundflug über dem Kings Canyon

 

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Maskottchen am Hubschrauberlandeplatz

Um halbeins geht’s weiter, wir fahren dieselbe Kreuzung an wie gestern, das Umsteigen klappt wieder problemlos. Immer gradeaus durch das Outback... roter Sand, Spinnifex, Büsche, dazwischen knorrige Äste, Bäume, die aussehen, als hätten sie abgebrannte Äste, doch das seien abgestorbene Äst, erzählt Alex. Wenn zu wenig Wasser da ist, trennt sich der Baum von Einzelteilen...

Leicht hügelige Landschaft, wunderschöne weiße Wolkenformationen, die Phantasiegestalten gleichen, auf blauem Himmel. Die Eintönigkeit und das Motorengeräusch wirkt einschläfernd...

Alex erzählt von seinem Land. Wieder einmal ärgert es mich gewaltig, dass ich so wenig verstehe. Von Cowboys, Machtkampf um Ländereien, Straßenbau, von den Pionieren, die das Land urbar machten... und gleichzeitig spielt er passende Musik dazu, Matilda in mehreren Versionen... Macht er richtig schön. Dann erklingt die australische Hymne. Eine australische Skifahrerin hat eine Goldmedaille gewonnen, erzählt er, wann und wo, kriege ich nicht richtig mit. Als sie völlig unerwartet auf dem Siegertreppchen stand, geriet die Organisation in Panik, denn keiner hatte damit gerechnet... und so erklang statt der australischen Hymne die Hymne von Austria...

Als wir in Alice Springs ankommen, zählt er uns nochmal die Sehenswürdigkeiten auf, die Touristen besuchen sollten. Ja, nichts Unbekanntes dabei, das hatte Leslie uns auch empfohlen.

Es ist wirklich eigenartig, man hat fast das Gefühl, "heim" zu kommen, kennt man doch das Hotel und weiß schon viel von der Stadt. – Und außerdem warten ja auch noch Leslie und Sheryl auf uns, wir werden zusammen zu Abend essen.

Wieder mal stellen wir fest, welch große Bereicherung diese Mailbekanntschaften sind. Kaum zurück, melden wir uns, eine Stunde später steht Leslie an der Rezeption und holt uns ab.

Im ersten Lokal dauerts zu lang, das ist überfüllt. So beschließen wir, in das indische Lokal gleich neben dem Elkira-Hotel zu gehen. Da sitzen wir draußen im Freien, hemdsärmelig, es regnet NICHT. Leslie bestellt für uns alle zusammen. So probieren wir hier und da, unter lebhaftem Gespräch, wie in den ersten Tagen auch unterhalten sich Diethard und Leslie sehr intensiv, eine weitere Bekannte ist heute mit dabei, und Sheryl und ich haben viel Spaß miteinander.

Ein Geschenk hat Sheryl noch für uns, weil wir ihr so sympathisch sind. Für Diethard ein T-Shirt, für mich ein paar Korkuntersetzer mit australischen Rezepten drauf und eine Karte, in der sie sich bedankt, dass sie uns kennenlernen durfte... ach ne, ist das alles so rührend. Schade, dass sie nicht in unserer Nähe wohnt...

Wie funktioniert das nun mit Zahlen? Die Bedienung drückt Leslie, die bestellt hat, die Komplettrechnung in die Hand. Leslies Bekannte kramt in der Handtasche und legt ein paar Scheine auf den Tisch. Sheryl auch, wir folgend dem Beispiel, und wieder mal lobe ich die unkomplizierte Art der Australier...

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Farben des Outback

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