Der Sunrise fällt aus.
Ayers Rock ist und bleibt einfach braun. Blöder brauner Felsen, nenne ich ihn mit einer
gewissen Verbitterung. Würd ich natürlich nicht laut sagen. Da schlägt man sich nun die
Nacht um die Ohren für nix und wieder nix.
Ich werfe eine der "Notfalltabletten" ein, die
mir der neue Arzt verschrieben hat,und oh Wunder, eine halbe Stunde später sind
Kopfschmerzen und Übelkeit verflogen.
Who climbs? fragt Alex. Die Gruppe teilt sich. Sechs
wollen den Aufstieg wagen, aller Warnungen zum Trotz. Überall sind Schilder aufgestellt
mit der Bitte, den Felsen nicht zu erklimmen, da er für die Aborigines ein Heiligtum ist.
Und wer unbedingt will, sollte auf alle Fälle eine Wasserflasche dabei haben, und einen
Hut mit Band, und Sonnencreme. Und keinesfalls versuchen, Gegenstände wieder einzufangen,
falls sie runterfallen. Und wer an Bluthochdruck leidet, an Höhenangst, Herzbeschwerden,
Asthma usw., sollte es bleiben lassen...
Der Rest der Gruppe zieht den Spaziergang rund um den
Ayers Rock vor. Der ist auch schön. Beeindruckend, das Riesending aus der Nähe zu sehen,
mit all den Schluchten, Felsvorsprüngen, Wandmalereien. Ein Schild verkündet, dass
dieser Bereich zum Word Heritage gehört, zum Weltkulturerbe. Die Spaziergänger werden
durch Stege in Schach gehalten, damit die Vegetation nicht allzusehr unter dem
Besucherstrom leidet. Aborigines sind übrigens nicht zu sehen.
Alex übernimmt die Führung und zeigt uns die Höhlen,
macht uns auf Wildsträucher aufmerksam und ein Riesenspinnennetz.
Dann fahren wir zu der Stelle, an der der Aufstieg
beginnt. Es sieht tatsächlich gefährlich aus. Über die gefährlichste Wegstrecke ist
ein Seil gespannt. Ist schon schlimm genug, nach oben aufzusteigen. Runterkommen wohl noch
schwieriger. Manche rutschen denn auch mehr auf dem Hintern wieder zurück als auf den
Beinen. Es gab schon etliche Todesopfer, das glaube ich gerne, dass sich da mancher
überschätzt. Im Reiseführer las ich von einem Bergführer, dass er diesen Teil seines
Jobs haßt: Tote Touristen bei 40° mit einer Trage den Berg runterschleppen...
Von unten lassen sich etwa 30% des Aufstiegs
überblicken, der Rest entzieht sich dem Auge. Wir probieren es auch, so 30 m weit. Dann
reichts uns.
Ein Stop noch beim Aboriginal Cultur Centre. Auch hier
zeigt sich wieder viel Sinn für dekorative Gestaltung. Aborigine-Kunst kombiniert mit
modernen Glaselementen, roter Sand davor, ein Video gibt Einblick in Sitten, Gebräuche,
Tänze, Lieder.
Die Aborigine-Punkt-Malereien selbst liegen uns beiden
nicht so sehr. Wir sehen zwar vereinzelt mal Bilder, die uns wirklich gut gefallen, der
Preis gefällt uns dann allerdings nicht...
Im Andenkenladen stoßen wir auf eine Aborigine-CD, von
einem Weißen arrangiert. Vielleicht ist das die, die wir im Bus gehört haben? Sie ist es
tatsächlich und die Musik gefällt uns auch zuhause noch ausnehmend gut.
So viel haben wir heute schon gesehen, und doch ist es
erst elf. Zurück zum Hotel, Koffer holen, auschecken. Es ist richtig warm geworden. Auf
der Liegewiese treffen wir ein englisches Paar, mit dem wir während der Busfahrt ins
Gespräch kamen und ihnen die Adresse unserer Homepage gaben. Mal gespannt, ob sie sich
melden.
Während wir drei im Liegestuhl vor uns hinbraten, jetzt
ist die liebe Sonne in voller Aktion, erkundet Diethard nochmal die Umgebung des Ayers
Rock Resort.
Noch einen kurzen Snack, dann gehts weiter
Richtung Kings Canyon. Die Engländer bedauern, dass sie davon nichts gewußt haben. Sie
fahren gleich zurück nach Alice Springs. Es gibt offensichtlich eine Vielzahl
Kombinationen von Touren rund um den Ayers Rock herum.
Eineinhalb Stunden Fahrt haben wir durch eine
Cattle-Station. Bis zu 5000 km² groß sind diese Farmen - 5000 km², das heißt dann, bis
zum nächsten Nachbarn ist man vielleicht 70 oder 80 km unterwegs, und ohne Flugzeug geht
da gar nichts. Auf Grund des kargen Bodens gibt es pro km² aber nur 1 ½ bis 4 Stück
Vieh. Im Norden sind die Cattle-Stations sogar noch größer: die größte von allen ist
die Anna Creek Station, 38000 km² groß immerhin so groß wie die Schweiz.
Irgendwie entspricht die Wirklichkeit nicht ganz
meiner Vorstellung. Hatte ich doch so vage Vorstellungen von peitschenknallenden Cowboys,
gitarrenklimpernd im Sonnenuntergang am Weidezaun lehnend oder am Lagerfeuer sitzend,
Männerschweiß in der Luft. Fliegenschwärme, Herden von Kängurus, Emus, Känguruhs,
gefolgt von der Kaninchenplage...
Dass Australien groß ist, sehr groß, wußte ich
natürlich. Doch die riesengroße Weite, die endlosen Entfernungen erschließen sich wohl
erst, wenn man Kilometer um Kilometer auf der Straße ist, und stundenlang fährt, ohne
groß menschlichen Siedlungen zu begegnen.
Umso erstaunlicher ist die Organisation, denn auch hier
fahren wir mehrere Stunden Richtung Kings Canyon, immer schön geradeaus. Und irgendwann
kommt dann plötzlich eine Kreuzung, Alex erklärt, dass in etwa 10 Minuten der Bus aus
Alice Springs kommt und die Umsteiger mitnimmt. Faszinierend finde ich das, und es klappt
tatsächlich.
Rast an einer großen Tankstelle. Willst du einen Tee,
fragt mich der Liebste. Ja, sage, ich, aber eigentlich hätte ich eine unbändige Lust auf
ein Eis, ein Magnum, mmmhhmmm.
Mein Gatte kommt an mit dem Tee. Ich bin ein Zauberer,
strahlt er, und drückt mir ein echtes leibhaftiges Magnum am anderen Ende der Welt in die
Hand. Welch Genuß. Gibts da überall, bloß war mir das vorher nicht aufgefallen,
verspürte ich doch keinen Heißhunger darauf.
Du, ich will einen Hubschrauber-Rundflug machen. Da
vorne stehen welche, guck mal, sollen wir heute abend einen buchen? Fast fällt mir das
Eis aus der Hand. Oh Gott, der meint das ernst.
NEIN, bloss nicht, schreit der kleine Feigling gequält
in mir auf. Doch rechtzeitig fällt mir ein, dass ich Angsttraining absolvieren will.
Mmmh, ja gern, sicher, warum nicht, ist bestimmt ein toller Blick, sage ich lahm. Der
Gatte grinst. Ich geh noch schnell aufs Klo, guck dirs doch mal an. Übrigens, die Fenster
sind offen.
Er hat recht. Nun, im Moment bin ich dem Flug noch mal
entronnen. Aber später, da läßt der Gatte keinen Zweifel, später werden wir auf alle
Fälle fliegen. Fragt sich bloß, ob noch heute abend oder morgen früh. Das Wetter ist
halt so unberechenbar.
Bald darauf erreichen wir das Kings Canyon-Resort.
Da ist der Sunset-Viewpoint, zeigt Alex. Da müßt ihr
nachher hin. Okay, vielleicht gibts ja heute einen. Den Flug haben wir auf lieber
auf morgen früh gelegt, weil es schon wieder bewölkt ist.
Doch zuerst beziehen wir mal unser Zimmer, wiederum
ausgesprochen hübsch, sogar mit Badewanne, welch Komfort. Erschöpft, müde von all den
vielen Eindrücken, und glücklich lassen wir uns hier wieder nieder. Frieden in der Seele
statt Schmerzen im Kopf. Eineinhalb Stunden Zeit bis zum Essen. Was für ein Luxus. Das
Leben ist schön und wir genießen es wieder aus vollen Zügen. |
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Blick von unten auf den steilen Aufstieg zum Rock (384 m)
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Der Sunset ruft, Diethard
muß bloß noch kurz die Zähne putzen, ist ja nicht weit bis zum Point. Ist dann aber
doch weiter, als es aus dem Bus aussah, und so kommen uns schon die ersten wieder
entgegen, als wir zur Plattform keuchen. Doch auch so ist es ein wunderbares Spektakel.
Von diesem Punkt aus überblickt man ein herrliches Panorama. Rundherum Outback,
Spinnifex, Sträucher, Bäume, Berge..., hier bekommt man einen Eindruck von der Weite
ringsum.
Das große Lokal liegt herrlich, hell erleuchtet, auf
einer Holzterrasse, ist erreichbar über einen dschungelartigen Weg, fast dunkel dorthin,
richtig romantisch. Büfett gibts. An unserem Tisch findet sich ein Deutscher ein,
Alleinreisender, rüstig, der Mensch. 72 ist er, stellt sich später heraus, das hätte
ich nie geglaubt. Er freut sich, mal wieder deutsch sprechen zu können, wir drei sind die
einzigen Deutschen im Bus. Allerdings nicht die einzigen, die deutsch verstehen. Haben wir
nämlich gerade die Erfahrung gemacht, als wir uns unterhalten und eine junge gut
gepolsterte Holländerin auf deutsch was zu uns sagt...
Oh, oh. Wir haben zwar gerade nicht gelästert, aber
trotzdem fällt uns beiden sofort die kleine Szene ein, als Diethard ausgerechnet über
sie beim Anblick ihrer stämmigen Oberschenkel in superkurzen Shorts bemerkte: Mein Gott,
auf den Beinen könnte man doch glatt eine Brücke bauen...
Ja, man wird sorglos, wenn man glaubt, es versteht einen
niemand... gottseidank waren wir damals im Bus und sie stand draußen...
Gegenüber sitzen ein paar Engländer, sie haben den
Rundflug bereits gemacht, die Frau allerdings hat gekniffen. Nie würde sie sich in so ein
Ding reinsetzen, erklärt sie. Meine schwarze Seele freut sich. Siehste, noch ein
Feigling.
Das Essen ist gut, Känguruh und Emu auch mit dabei,
nun, ja, ehrlich gesagt, ich finde es nicht schade, dass das bei uns zuhause nicht auf dem
Speiseplan steht. Australier mögen es wohl auch nicht so sehr, Känguruhfleisch sei für
die Hunde, erzählen uns die mailfriends. Früher hat das kein Mensch gegessen. Inzwischen
bieten aber etliche Lokale diese Delikatesse an.
Wir flirten mit der Bedienung, ein sympathisches junges
Mädchen mit tiefen Grübchen, die ist jetzt zwar besonders nett, aber immer wieder macht
die Freundlichkeit des Personals Spaß, da schmeckt das Essen doch gleich noch viel
besser. Und Trinkgeld gibts ja nicht, bzw. wird normalerweise in Australien nicht
erwartet. Die Freundlichkeit kommt also nicht aus Berechnung, sondern von Herzen... Diese
freundliche gelassene Lebensart der Australier ist einer der Umstände, die diesen Urlaub
so überaus angenehm gestalten. Diese aufgeschlossene Art werde ich stark vermissen in
Deutschland...
Und die warmen sternenklaren Nächte auch. Andächtig
trotten wir zurück zu unserem Appartement, noch eine Zigarette draußen auf dem Balkon,
und Morpheus Arme wiegen uns die ganze Nacht... |
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Sonnenuntergang am Kings Canyon
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