13. Oktober: Ein Magnum im Outback

Uluru/Ayers Rock - Kings Canyon

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Um 5.15 geht’s los. Alex hat gestern noch freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen. Wir fahren pünktlich. Wer zu spät kommt, kann nicht mitgenommen werden. Der Sonnenaufgang wartet nicht...

Verschlafene Gesichter blicken morgens um fünf zum bedeckten Himmel...

Wir klettern in den Bus, alle sind da. Fleißig hakt Alex einen nach dem andern ab. Nach ein paar Minuten Fahrt zeigt er plötzlich auf die Straße: Da vorne, da ist ein Känguruh. Habt ihr es gesehen?

Alle Köpfe rucken herum zum Fenster. Ein Entzückensschrei einer Dame. Sonst sieht keiner was. Und Alex kommentiert trocken: there, in the middle of the yellow sign.

Ich hatte mir die Sache mit den Kängurus in Australien ja auch ganz anders vorgestellt, glaubte, an jeder Ecke welche zu sehen. Doch die Tiere halten sich bedeckt, sie sind nachtaktiv, man sieht aber des öfteren tote am Straßenrand liegen.

Die Sunrise Area ist bereits gut frequentiert. Viele Japaner, in einer Reihe wie die Hühner auf der Stange, sitzen sie auf den Klappstühlchen, einen Tee in der Hand, in froher Erwartung der kommenden Genüsse. Bloß die Anordnung ist seltsam, die eine Hälfte der Reihe guckt nach vorn, die andere nach hinten.

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Blick vom Ayers Rock Resort auf den Felsen in 25 km Entfernung

Der Sunrise fällt aus. Ayers Rock ist und bleibt einfach braun. Blöder brauner Felsen, nenne ich ihn mit einer gewissen Verbitterung. Würd ich natürlich nicht laut sagen. Da schlägt man sich nun die Nacht um die Ohren für nix und wieder nix.

Ich werfe eine der "Notfalltabletten" ein, die mir der neue Arzt verschrieben hat,und oh Wunder, eine halbe Stunde später sind Kopfschmerzen und Übelkeit verflogen.

Who climbs? fragt Alex. Die Gruppe teilt sich. Sechs wollen den Aufstieg wagen, aller Warnungen zum Trotz. Überall sind Schilder aufgestellt mit der Bitte, den Felsen nicht zu erklimmen, da er für die Aborigines ein Heiligtum ist. Und wer unbedingt will, sollte auf alle Fälle eine Wasserflasche dabei haben, und einen Hut mit Band, und Sonnencreme. Und keinesfalls versuchen, Gegenstände wieder einzufangen, falls sie runterfallen. Und wer an Bluthochdruck leidet, an Höhenangst, Herzbeschwerden, Asthma usw., sollte es bleiben lassen...

Der Rest der Gruppe zieht den Spaziergang rund um den Ayers Rock vor. Der ist auch schön. Beeindruckend, das Riesending aus der Nähe zu sehen, mit all den Schluchten, Felsvorsprüngen, Wandmalereien. Ein Schild verkündet, dass dieser Bereich zum Word Heritage gehört, zum Weltkulturerbe. Die Spaziergänger werden durch Stege in Schach gehalten, damit die Vegetation nicht allzusehr unter dem Besucherstrom leidet. Aborigines sind übrigens nicht zu sehen.

Alex übernimmt die Führung und zeigt uns die Höhlen, macht uns auf Wildsträucher aufmerksam und ein Riesenspinnennetz.

Dann fahren wir zu der Stelle, an der der Aufstieg beginnt. Es sieht tatsächlich gefährlich aus. Über die gefährlichste Wegstrecke ist ein Seil gespannt. Ist schon schlimm genug, nach oben aufzusteigen. Runterkommen wohl noch schwieriger. Manche rutschen denn auch mehr auf dem Hintern wieder zurück als auf den Beinen. Es gab schon etliche Todesopfer, das glaube ich gerne, dass sich da mancher überschätzt. Im Reiseführer las ich von einem Bergführer, dass er diesen Teil seines Jobs haßt: Tote Touristen bei 40° mit einer Trage den Berg runterschleppen...

Von unten lassen sich etwa 30% des Aufstiegs überblicken, der Rest entzieht sich dem Auge. Wir probieren es auch, so 30 m weit. Dann reicht’s uns.

Ein Stop noch beim Aboriginal Cultur Centre. Auch hier zeigt sich wieder viel Sinn für dekorative Gestaltung. Aborigine-Kunst kombiniert mit modernen Glaselementen, roter Sand davor, ein Video gibt Einblick in Sitten, Gebräuche, Tänze, Lieder.

Die Aborigine-Punkt-Malereien selbst liegen uns beiden nicht so sehr. Wir sehen zwar vereinzelt mal Bilder, die uns wirklich gut gefallen, der Preis gefällt uns dann allerdings nicht...

Im Andenkenladen stoßen wir auf eine Aborigine-CD, von einem Weißen arrangiert. Vielleicht ist das die, die wir im Bus gehört haben? Sie ist es tatsächlich und die Musik gefällt uns auch zuhause noch ausnehmend gut.

So viel haben wir heute schon gesehen, und doch ist es erst elf. Zurück zum Hotel, Koffer holen, auschecken. Es ist richtig warm geworden. Auf der Liegewiese treffen wir ein englisches Paar, mit dem wir während der Busfahrt ins Gespräch kamen und ihnen die Adresse unserer Homepage gaben. Mal gespannt, ob sie sich melden.

Während wir drei im Liegestuhl vor uns hinbraten, jetzt ist die liebe Sonne in voller Aktion, erkundet Diethard nochmal die Umgebung des Ayers Rock Resort.

Noch einen kurzen Snack, dann geht’s weiter Richtung Kings Canyon. Die Engländer bedauern, dass sie davon nichts gewußt haben. Sie fahren gleich zurück nach Alice Springs. Es gibt offensichtlich eine Vielzahl Kombinationen von Touren rund um den Ayers Rock herum.

Eineinhalb Stunden Fahrt haben wir durch eine Cattle-Station. Bis zu 5000 km² groß sind diese Farmen - 5000 km², das heißt dann, bis zum nächsten Nachbarn ist man vielleicht 70 oder 80 km unterwegs, und ohne Flugzeug geht da gar nichts. Auf Grund des kargen Bodens gibt es pro km² aber nur 1 ½ bis 4 Stück Vieh. Im Norden sind die Cattle-Stations sogar noch größer: die größte von allen ist die Anna Creek Station, 38000 km² groß – immerhin so groß wie die Schweiz.

Irgendwie entspricht die Wirklichkeit nicht ganz meiner Vorstellung. Hatte ich doch so vage Vorstellungen von peitschenknallenden Cowboys, gitarrenklimpernd im Sonnenuntergang am Weidezaun lehnend oder am Lagerfeuer sitzend, Männerschweiß in der Luft. Fliegenschwärme, Herden von Kängurus, Emus, Känguruhs, gefolgt von der Kaninchenplage...

Dass Australien groß ist, sehr groß, wußte ich natürlich. Doch die riesengroße Weite, die endlosen Entfernungen erschließen sich wohl erst, wenn man Kilometer um Kilometer auf der Straße ist, und stundenlang fährt, ohne groß menschlichen Siedlungen zu begegnen.

Umso erstaunlicher ist die Organisation, denn auch hier fahren wir mehrere Stunden Richtung Kings Canyon, immer schön geradeaus. Und irgendwann kommt dann plötzlich eine Kreuzung, Alex erklärt, dass in etwa 10 Minuten der Bus aus Alice Springs kommt und die Umsteiger mitnimmt. Faszinierend finde ich das, und es klappt tatsächlich.

Rast an einer großen Tankstelle. Willst du einen Tee, fragt mich der Liebste. Ja, sage, ich, aber eigentlich hätte ich eine unbändige Lust auf ein Eis, ein Magnum, mmmhhmmm.

Mein Gatte kommt an mit dem Tee. Ich bin ein Zauberer, strahlt er, und drückt mir ein echtes leibhaftiges Magnum am anderen Ende der Welt in die Hand. Welch Genuß. Gibt’s da überall, bloß war mir das vorher nicht aufgefallen, verspürte ich doch keinen Heißhunger darauf.

Du, ich will einen Hubschrauber-Rundflug machen. Da vorne stehen welche, guck mal, sollen wir heute abend einen buchen? Fast fällt mir das Eis aus der Hand. Oh Gott, der meint das ernst.

NEIN, bloss nicht, schreit der kleine Feigling gequält in mir auf. Doch rechtzeitig fällt mir ein, dass ich Angsttraining absolvieren will. Mmmh, ja gern, sicher, warum nicht, ist bestimmt ein toller Blick, sage ich lahm. Der Gatte grinst. Ich geh noch schnell aufs Klo, guck dirs doch mal an. Übrigens, die Fenster sind offen.

Er hat recht. Nun, im Moment bin ich dem Flug noch mal entronnen. Aber später, da läßt der Gatte keinen Zweifel, später werden wir auf alle Fälle fliegen. Fragt sich bloß, ob noch heute abend oder morgen früh. Das Wetter ist halt so unberechenbar.

Bald darauf erreichen wir das Kings Canyon-Resort.

Da ist der Sunset-Viewpoint, zeigt Alex. Da müßt ihr nachher hin. Okay, vielleicht gibt’s ja heute einen. Den Flug haben wir auf lieber auf morgen früh gelegt, weil es schon wieder bewölkt ist.

Doch zuerst beziehen wir mal unser Zimmer, wiederum ausgesprochen hübsch, sogar mit Badewanne, welch Komfort. Erschöpft, müde von all den vielen Eindrücken, und glücklich lassen wir uns hier wieder nieder. Frieden in der Seele statt Schmerzen im Kopf. Eineinhalb Stunden Zeit bis zum Essen. Was für ein Luxus. Das Leben ist schön und wir genießen es wieder aus vollen Zügen.

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Blick von unten auf den steilen Aufstieg zum Rock (384 m)

Der Sunset ruft, Diethard muß bloß noch kurz die Zähne putzen, ist ja nicht weit bis zum Point. Ist dann aber doch weiter, als es aus dem Bus aussah, und so kommen uns schon die ersten wieder entgegen, als wir zur Plattform keuchen. Doch auch so ist es ein wunderbares Spektakel. Von diesem Punkt aus überblickt man ein herrliches Panorama. Rundherum Outback, Spinnifex, Sträucher, Bäume, Berge..., hier bekommt man einen Eindruck von der Weite ringsum.

Das große Lokal liegt herrlich, hell erleuchtet, auf einer Holzterrasse, ist erreichbar über einen dschungelartigen Weg, fast dunkel dorthin, richtig romantisch. Büfett gibt’s. An unserem Tisch findet sich ein Deutscher ein, Alleinreisender, rüstig, der Mensch. 72 ist er, stellt sich später heraus, das hätte ich nie geglaubt. Er freut sich, mal wieder deutsch sprechen zu können, wir drei sind die einzigen Deutschen im Bus. Allerdings nicht die einzigen, die deutsch verstehen. Haben wir nämlich gerade die Erfahrung gemacht, als wir uns unterhalten und eine junge gut gepolsterte Holländerin auf deutsch was zu uns sagt...

Oh, oh. Wir haben zwar gerade nicht gelästert, aber trotzdem fällt uns beiden sofort die kleine Szene ein, als Diethard ausgerechnet über sie beim Anblick ihrer stämmigen Oberschenkel in superkurzen Shorts bemerkte: Mein Gott, auf den Beinen könnte man doch glatt eine Brücke bauen...

Ja, man wird sorglos, wenn man glaubt, es versteht einen niemand... gottseidank waren wir damals im Bus und sie stand draußen...

Gegenüber sitzen ein paar Engländer, sie haben den Rundflug bereits gemacht, die Frau allerdings hat gekniffen. Nie würde sie sich in so ein Ding reinsetzen, erklärt sie. Meine schwarze Seele freut sich. Siehste, noch ein Feigling.

Das Essen ist gut, Känguruh und Emu auch mit dabei, nun, ja, ehrlich gesagt, ich finde es nicht schade, dass das bei uns zuhause nicht auf dem Speiseplan steht. Australier mögen es wohl auch nicht so sehr, Känguruhfleisch sei für die Hunde, erzählen uns die mailfriends. Früher hat das kein Mensch gegessen. Inzwischen bieten aber etliche Lokale diese Delikatesse an.

Wir flirten mit der Bedienung, ein sympathisches junges Mädchen mit tiefen Grübchen, die ist jetzt zwar besonders nett, aber immer wieder macht die Freundlichkeit des Personals Spaß, da schmeckt das Essen doch gleich noch viel besser. Und Trinkgeld gibt’s ja nicht, bzw. wird normalerweise in Australien nicht erwartet. Die Freundlichkeit kommt also nicht aus Berechnung, sondern von Herzen... Diese freundliche gelassene Lebensart der Australier ist einer der Umstände, die diesen Urlaub so überaus angenehm gestalten. Diese aufgeschlossene Art werde ich stark vermissen in Deutschland...

Und die warmen sternenklaren Nächte auch. Andächtig trotten wir zurück zu unserem Appartement, noch eine Zigarette draußen auf dem Balkon, und Morpheus Arme wiegen uns die ganze Nacht...

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Sonnenuntergang am Kings Canyon

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