6. Oktober: Aug' in Aug' mit den Giganten des Waldes

Bluff Knoll - Albany - Tree To Walk

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Um halbsieben treffen wir uns beim Frühstück in einer der Hütten. Cornflakes mit Milch übergossen, ein Pulverkaffee oder ein Tee dazu. Eine nach der anderen macht sich fertig, mit nassen Haaren sitzen sie da. Wird nachher mal drübergekämmt, das reicht. Die Unterhaltung dreht sich natürlich um den heutigen Tag. Ob wir fit sind, fragt Val, eine Lehrerin. Sie war schon mal auf dem Bluff Knoll, das sei eine sehr steile Angelegenheit. Drei Stunden dauerts, und es ginge ganz schön in die Beine.

Ich schlucke, gehöre ich doch zu den bedauernswerten Menschen mit Höhenangst. Sobald ich einen Berg erklimmen soll, fehlt mir sämtliche Courage. Ich könnte auch wieder umkehren, wenn es zu viel wird, versichert man mir. Es wäre schließlich kein Rundgang.

Nebel verhüllen den Bluff Knoll. Diskussionen. Raufsteigen oder nicht? Läßt das Wetter es zu? Insgeheim drücke ich die Daumen, dass das Wetter vielleicht Erbarmen hat. Doch Eugene entscheidet: Ihr könnt los.

Also Regenjacke an, Wasserflasche eingepackt, nochmal aufs Klo, und los geht’s. Val zwinkert mir zu: Are you ready for climbing? Ein wunderschöner Wanderweg präsentiert sich da, mit breiten Treppen, rechts und links die wunderschön blühende Sträucher. So ein schöner Weg aber auch. Langsam wird’s steiler, die Treppen höher und immer steiler, manchmal richtige Stufen, manchmal Baumstämme, manchmal Felsbrocken, die es zu übersteigen gilt. So ne knappe Stunde steigen wir auf, die Pausen auf geeigneten Felsbrocken werden öfter und länger. Nicht nur unsere, auch die der anderen Wanderkletterer. Der Gipfel hüllt sich vornehm in dichte Wolken. Sieht nicht so aus, als ob es aufreißen würde. Meine Puste ist gut, meine Kondition auch, da sieht man doch, dass Nichtraucher einfach einen Vorteil haben. Und dass ich im Büro jedesmal die Treppen zum sechsten Stock erklimme statt den Fahrstuhl zu benutzen, kommt mir jetzt auch zugute. Und das regelmäßige Fitneßtraining tut sein Übriges.

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Wolken verhüllen Bluff Knoll

Solange jedenfalls, solange auf der rechten Seite noch Büsche stehen und die freie Sicht nach unten behindern. Sobald dieser Sichtschutz aber nicht mehr gegeben ist, streiken meine Beine und die Höhenangst setzt ein. Mit Vernunft ist dagegen einfach nicht anzukommen. Doch gottseidank ist mein Gatte auch nicht unbedingt erpicht darauf, noch weiterzuklettern und den Gipfel zu erklimmen. Hinter mir brummts: Mensch, 46 Jahre bin ich jetzt alt geworden und hab nicht mal gewußt, dass es einen Bluff Knoll gibt. Muß ich jetzt unbedingt daraufklettern? Er ist überhaupt nicht unfroh, als ich ihn frage, ob wir umdrehen sollen. Wieder einmal freue ich mich an der Tatsache, dass wir beide so oft die gleiche Wellenlänge haben. Unsere Stärke liegt halt mehr in den Fingern an der Computertastatur als in den Beinen beim Wandern...

Langsam steigen wir die vielen Treppen wieder runter und erfreuen uns zwischendurch an dem schönen Weg an der extra dafür hingestellten Holzbank mit wunderschönem Ausblick. Wir haben ja mehr Zeit als die anderen, die ganz nach oben wollen. Der Hunger nagt an unseren Eingeweiden und der mitgeschleppte Müsliriegel zusammen mit dem mitgeschleppten Wasser schmeckt köstlich. Beim Abstieg kommen uns mehrere Leute entgegen: You did it? Nö, wir taten es nicht. Dafür sind wir die allerersten des Tages, die wieder runtersteigen. Zwei Halbwüchsige kommen uns entgegen, kichernd. Sie hätten eine Schlange gesehen. Schlange, hier? Naja, warum nicht? Schließlich soll’s ja in Australien 140 Schlangenarten geben. – Und schon bricht sie hervor, die Schlange aus dem Gebüsch, mit lautem Geschrei. Es ist der dritte im Bunde und die drei freuen sich fürchterlich über unser Erschrecken. Inzwischen ist es uns wirklich nicht mehr kalt, Diethards Hemd total naß, er hängt es zum Trocknen auf an der Antenne vom Jeep.

Einige Zeit später: Die Gipfelstürmer kommen an, verschwitzt, traurig, dankbar für den servierten Tee und Kuchen. Sie haben überhaupt nichts gesehen. Die dicken Wolkenschwaden hingen hartnäckig um den Gipfel herum.

Diesmal haben wir im Auto den Platz vorne neben Eugene. Der ist was für kurzbeinige schlanke Verliebte, man muß nahe zusammenrücken, trotzdem kriegt der in der Mitte regelmäßig einen Knuff ab beim Schalten.

Verbrannte Regionen. Die Baumstamme schwarz bis obenhin. Es regnet bis kurz vor Albany. Dann reißt der Himmel auf, Eugene lädt uns ab in der Fußgängerzone. Da runter und da vorne rechts, da hält er dann. Dort ist ein Picknickplatz und er muß jetzt erst mal was einkaufen.

Wir auch, fällt mir doch dringend ein, dass wir für George ein Mitbringsel brauchen, eine kleine Aufmerksamkeit. Aber was? Rätselraten, ich frage Val, was man denn einem australischen Junggesellen denn so schenken könnte. Scheint genauso schwierig zu sein wie in Deutschland. Doch dann lächeln mich ein paar wirklich schöne Tassen an, Aborigine-Art, aber sehr modern aufgemacht. Das wärs doch, wenn George und Margaret Tee trinken, dann können sie unser gedenken...

Der Picknickplatz in Albany liegt herrlich, ein Aussichtsplatz auf das Meer. Das Ritual ist uns ja schon bekannt, erst mal alles aus dem Jeep raussortieren, die Körbe hochschleppen zum Picknickplatz, Tassen suchen, Tomaten schneiden, Gurken und Paprika. Ein bißchen Abwechslung ist immer dabei, ein Salat und anderes Brot. Es schmeckt wunderbar da draußen in der frischen Luft.

Es beginnt wieder zu regnen. Kämen wir zu Hause auf die Idee, bei Regen und Kälte draußen rumzustehen und Weißbrot mit Salat zu essen...?

Weiter geht’s zur Natural Bridge und der Gap. Wirklich beeindruckend. Riesengroße Felsblücke bilden eine Brücke. Gischt zischt hoch. Breite künstlich angelegte Steinwegbögen schlängeln sich vom Parkplatz zu der Brücke. Der Wind zerrt an unseren Regenjacken. Es sieht aus wie in der Bretagne und es fühlt sich auch so an.

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Aussicht vom Bluff Knoll

Weiter geht’s. Unterwegs Schafe, Rinder, Wiesen, Wald. Am Straßenrand alle paar km ein Schild "Frau mit Kind". Die Häuser, in denen sie leben, bleiben dem Blick oft verborgen. Nächstes Ziel: die Tingle Giants, zum Tree-Top-Walk, einem Spaziergang Aug‘ in Aug‘ mit den Wipfeln der gewaltigen Bäume. Eine Hängebrücke führt hinauf, schwindelerregend, bis zu 40 m hoch. Der Tree Top Walk gefällt mir überhaupt nicht. Ne, das schaff ich nicht. Eine Stahlkonstruktion, sicher aussehend, aber durchaus schwankend.

Diethard, nicht minder von Höhenangst gebeutelt, versucht es dennoch: Schritt für Schritt, mit beiden Händen am Geländer, wieder eine Pause, andere, weniger Ängstliche vorbeilassen, sich an die zunehmende Höhe und das zunehmende Schaukeln gewöhnen. Zurück? Nein, das muss doch gehen, ist doch eigentlich lächerlich.

Nach steilem Anstieg die erste der drei Plattformen: hier schaukelt es wenig, sind diese doch mit dem Boden verbunden. Mit nur noch einer Hand am Geländer geht es weiter, vorsichtig zuerst, dann etwas mutiger. Zurück hat jetzt auch keinen Zweck mehr, ist auch nicht näher als der Weg voran. Auf der zweiten Platform macht eine Mitreisende ein Foto – zum nachträglichen Erschauern.

Der weitere Weg wird immer einfacher. Nicht, dass dieses kalte Gefühl im Rücken weg wäre, aber es ist auszuhalten. Und der Stolz, es trotz Höhenangst gemacht zu haben, tut einfach gut. "I did it!" – für viele andere überhaupt kein Problem, aber für einen selbst ein Erfolgserlebnis!

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Aufstieg zum Tree Top Walk

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Weiter geht es, wieder Einkaufstour im Supermarkt, Alkohol für den Abend. Aber getrunken wird wenig. Wir übernachten im Shannon National Park. Ein Känguruh begrüßt uns. Oh, how cute, quietscht es in den höchsten Tönen aus dem Bus. Diethard streichelt das Känguruh ausgiebig, begleitet von den neidischen Blicken der Mädels im Bus. Die Farmerin zeigt uns ein 24 Stunden altes Känguruh, es versteckt sich in einem großen Tuch auf ihren Armen. Sie holt es raus und es flüchtet sofort kopfüber wieder in die rettende Wärme.

Schöne Ferienhäuschen erwarten uns, mit Schlafräumen, Küche, gemütlichem Wohnzimmer mit Blick in die Natur. Welch tolle Umgebung, draußen ein kleiner See, Bäume, Wiesen, Tiere, große Weite. Jane, das Mädchen aus Hongkong, ist fasziniert.

Geraucht wird übrigens regelmäßig draußen, die Häuschen bleiben nikotinfrei. Drinnen ist es richtig gemütlich, offene Küche, anheimelndes Wohnzimmer, ein Schlafzimmer mit 6 Stockbetten, ein eigenes Schlafzimmer mit Doppelbett für uns. Eugene schürt sofort den Ofen und behagliche Wärme breitet sich aus. Sogar ein Fernsehapparat ist vorhanden und während es draußen aus Kübeln schüttet, verfolgen wir gebannt die Nachrichten: Sturm im Land, in Perth Dächer abgedeckt, auf Rottnest Island, unserem nächsten Ziel nach dieser Tour, Verwüstungen...

In unserem Häuschen wird gekocht, Eugene hat die Aufsicht. Während wir die Tassen und das Tagesgeschirr spülen, brutzeln Zwiebeln und Hackfleisch für Tacos, und die Küchenhilfskräfte kümmern sich um den Salat. Die Mädels kommen nach einer Stunde rüber. Ein Nachtisch fehlt eigentlich noch, finden sie. Und so backen sie einen Kuchen. Das heißt, es sollte einer werden, so eine Art Heidelbeerkuchen, vermuten wir, er hat dann aber eher die Konsistenz eines Puddings. Hat sich eine verguckt beim Wasserabmessen. Die Mädels sind in ihrer Ehre beleidigt, am nächsten Tag werden sie es nochmal versuchen, erklären sie finsteren Blicks.

Die Sitzplätze reichen nicht für alle, so sitzen wir teilweise gemütlich auf dem Boden, das Essen ist köstlich, die Unterhaltung lebhaft, mein Englisch ist grausam, doch irgendwie verständige ich mich schon, notfalls mit Hilfe des Gatten. Wir unterhalten uns über die Unterschiede und Probleme zwischen Männern und Frauen... und die ähneln sich wohl durchaus auf der ganzen Welt.

Automatisch bildet sich die ältere Clique heraus und die jüngere. Jane, die junge Frau aus Hongkong, soll mit zu den jungen, sie will aber lieber bei uns alten bleiben. Um zehn fängt wieder alles an zu gähnen, die Küche ist sauber, die Arbeitsteilung einfach, eine Gruppe hat gekocht, die andere macht sauber. Die Touris sind kaputt, die Duschzeiten für den nächsten Morgen organisiert.

Der Fahrer hat durchaus einen harten Job, stelle ich fest, als ich nachts aufs Klo wandere. Da liegt er in voller Montur im stickigen Wohnzimmer, das Feuer ist zwar aus, doch trotzdem hängt die Wärme noch in der Luft, tagsüber muß er die ganze Zeit fahren, in den Pausen einkaufen, fürs Essen sorgen, abends kochen, Feuer machen, Fragen beantworten... und während der ganzen Zeit verliert er nie seine Gelassenheit und gute Laune. Das fällt mir übrigens während der ganzen Tour auf – nie gibt’s Streß während der Touren zwischen den Leuten, auch nicht bei den späteren Touren, die wir teilweise im großen Bus machen.

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Ein zahmes Känguruh begrüßt uns

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