5. Oktober: "Australian Salut" auf dem Hundefriedhof

Perth - Wave Rock - Sterling Ranges

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5.50 Uhr. Der Weckruf. Der sollte eigentlich um sechs kommen. Zehn Minuten später klingelts auch nochmal. Der zur Vorsicht gestellte Wecker gleichzeitig.

Frühstück gibt’s natürlich noch nicht um die Zeit. Aber wir werden doch hoffentlich unterwegs was kriegen. Der Jeep kommt fast pünktlich. Insgesamt sammeln wir elf Leute ein, zehn Frauen, Diethard ist der einzige Mann. Ungewöhnlich, kommentiert der Eugene, der Fahrer später. Normalerweise ist es fast ausgeglichen.

Eugene, Jeans, einfaches Hemd, und mit wirren, schwarzen Haaren auf dem Kopf ist nicht nur unser Fahrer für die nächsten 4 Tage, sondern zusätzlich unser Reiseführer und Versorger – Mädechen für alles sozusagen.

Doch Diethard hat keine Angst vor der weiblichen Übermacht. In einer solch kleinen Gruppe kommt man auch schnell ins Gespräch. Wir sind auch gezwungen, unsere Mitreisenden auszufragen, was Eugene gesagt hat. Denn der spricht ein wahrhaft breites Cockney, in einer atemberaubenden Schnelligkeit, die Zähne kriegt er gar nicht auseinander. Das machen viele Australier so, hören wir später, vielleicht wegen der Fliegen?

Anfangs nehmen wir dieselbe Strecke wie gestern mit George. Wir fühlen uns doch schon fast heimisch. Unterwegs machen wir Rast an einem schönen Picknick-Platz, die gibt’s hier wohl in rauhen Mengen. Ein Bach fließt dran vorbei, Vorsicht, nicht baden, man könnte sich Meningitis einfangen.

Eugene zeigt auf einen Filzstift und packt Emailtassen aus, Tee, Pulverkaffee und einen Kuchen. Jeder schreibt seinen Namen auf den Becher. Das dreckige Geschirr packt Eugene grinsend in einen großen blauen Plastikbeutel. Das wird erst heute abend gespült, meint er. Auf dem Campingplatz gibt’s Wasser.

700 km werden wir heute abreißen. Im Jeep. Ziemlich eng ist es da drin und nicht so komfortabel wie im klimatisierten Luxusbus. Vor allem die beiden Plätze neben dem Fahrer sind mehr als eng. Dafür gibt’s das Rotationssystem. Das geht auch reibungslos. So werden während der gesamten Fahrt die Plätze immer wieder getauscht, so dass jeder mal die Beine ausstrecken kann.

Beim Frühstück haben wir uns alle kurz vorgestellt. Mehrere Mädchen kommen aus London, drei Lehrerinnen haben wir dabei – im Moment sind grade Ferien in Australien. Eine junge Frau kommt aus Hongkong, sie schaut in den nächsten Tagen oft aus großen ungläubigen Augen in die Landschaft Welch Gegensatz muß dieses große weite menschenleere Land für sie sein...

Wir fahren lange durch eine Gegend, die teilweise an Schleswig-Holstein erinnert. Grün-saftig. Schafe. Künstlich angelegte Wasserlöcher. Malerische Wurzeln liegen herum. Ausgetrocknete Bachläufe, Wiesen voller Dotterblumen. Neil Diamond singt dazu. Die Musik ist uns vertraut. Überall begegnen uns Songs, die wir seit langem kennen... Tekkno scheint nicht so gefragt zu sein.

Rechts saftiges Gras, links steppenartiges Gelände, sowas ähnliches wie Heidekraut dazwischen. Die Straße wird schlechter, kein Mittelstreifen mehr. Keine Randbefestigung. Arg holprig. Unsere Köpfe nicken wie Wackeldackel-Maskottchen im Auto. Die Schrift in meinem Tagebuch ist kaum mehr zu lesen.

Alle paar Minuten nur ein Auto. Kaum mal Häuser zu sehen. Ab und zu mal ein Schild: Haltestelle für einen Schulbus. Unwillkürlich fragt man sich, wo denn da um Gottes willen Kinder wohnen. Verbrannter Boden und verbrannte Waldstücke. Buschfeuer, eine große Gefahr in Australien während der trockenen Jahreszeit. Grosse Schilder mit verstellbarer Anzeige weisen auf den Gefährdungsgrad hin: von "low" über "medium" und "high" bis hin zu "extreme". Wir bewegen uns überall noch im grünen Bereich, es ist ja schliesslich Frühjahr. Auf den Feldern sehen wir die ersten bunten Papageien.

Der Mittelstreifen ist wieder da. Ein großes Schild verkündet: Hier ist ein Restaurant. Wo kommt da bloß die Kundschaft her, frage ich mich. Entlang der Straße verlaufen Eisenbahnschienen. Mensch, da vorne sind tatsächlich ein paar Häuser in Sicht. Sensation, nach Stunden biegen wir jetzt endlich mal ab, nachdem wir bisher eigentlich nur gradeaus gefahren sind. Eugene hält an einer Farm, wir können Kängurus gucken. Alles lacht ob der tapsigen Gesellen.

Drumrum Bäume wie Schirme, sie wirken richtig grazil. Sumpfiges Gelände entlang der Straße, eingezäunt. Knorrige Äste ragen heraus, dazwischen intensiv leuchtende lila Blütenflecken zwischen saftig grünen Flächen und knorrigen Baumgruppen. Plötzlich ein Gatter, Corinnas Farm, 200 bis 300 m dahinter erspähe ich ein Haus, kilometerlang eingezäuntes Gelände, verstreut darauf Blechtanks, ein riesiges Weizenfeld, landwirtschaftliche gelbe Geräte. Windgeneratoren betreiben Pumpen.

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Erster Stop auf der SW-Tour

Halt am Dog Cemetry, einem Hundefriedhof in Corrigin. Liebevoll gestaltete Gräber mit Grabsteinen und Fliesen verziert, das Alter der Hunde angegeben mit einem Spruch dazu. Manche sind nur einfache Erdhügel, geschmückt mit Plastikblumen. Es weht ziemlich starker Wind, doch viele Fliegen umschwärmen uns. Alle sind eifrig dabei, den "australischen Gruß" - "Australian Salut" - auszuführen. So nennt man den Versuch, mit der Hand die lästigen Fliegen wegzuwedeln. So ein bißchen Outbackfeeling kommt schon auf...

Gleichzeitig taucht plötzlich ein großer Touristenbus auf. Unerwartet, wenn man seit Stunden kaum ein Auto sah. Die schwärmen erst mal auf die andere Seite aus und kriegen Unterricht in Wildkräutern und –blumen.

Kurz danach halten wir an einem Picknickplatz, hier BBQ genannt. Die gibt’s wirklich oft im Land, zur kostenlosen Benutzung, zeils sogar gasbefeuert. Eugene packt aus, wir tragen alles zum Tisch. Die Damen kennen sich aus und wissen, das mit dem Picknick funktioniert. Eine schneidet Gurken auf, die andere Tomaten, Wurst wird aufgemacht, Käse und Paprika geschnippelt, Brot verteilt und Kuchen aufgemacht. Jeder kriegt einen großen Plastikteller zugeteilt und der Schmaus kann beginnen. Als Getränk gibt’s Tee, Pulverkaffee oder Sirup, verdünnt mit Wasser.

Eugene erzählt derweil Schauergeschichten von all den gräßlichen Dingen, die uns in den nächsten Tagen erwarten. Ein Glück, dass ich nichts verstehe, aber die Sprache seiner Hände ist beredt genug. Von Sharks und Crocs ist die Rede, von hohen Baumwipfeln und schwankenden Plattformen in 60 m Höhe...

Zum Picknickplatz gehört ein Spielplatz mit einem Hubschrauber drauf. Ein Kind plärrt wie am Spieß und streckt die Ärmchen nach der Mutter aus. Allein kann das liebe Kind nämlich nicht raus aus seinem Hubschraubergefängnis. Ein idealer Spielplatz, grinst eine der lieben Mitreisenden. Wirklich eine gute Idee für Mütter, die mal ein paar Minuten Pause haben wollen.

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Der Hundefriedhof bei Carington

Die nächste Station ist der Wave Rock. Ein Fels, geformt wie eine Welle, aus buntem Gestein, viele hundert Jahre alt. Wir machen einen kleinen Spaziergang dran vorbei, über einen schmalen Pfad, Gebüsch zu beiden Seiten. Am Ende erwartet uns Hippos Yawn, sieht tatsächlich aus wie ein lauthals gähnendes Nilpferdmaul.

Weiter geht’s, an einem Salzsee vorbei. Die Straßen sind teilweise nur noch einspurig ausgebaut. Der Jeep rattert und klappert, was das Zeug hält.

Trotzdem pennt alles. Die Landschaft ist eintönig. Schafe, Weizensilos. Es geht immer geradeaus. Nach langer Zeit eine Kreuzung und schon wacht alles auf. Wir halten jetzt an einem Restaurant, erläutert Eugene. Da könnt Ihr Euren Alkohol kaufen für heute nacht. Auf dem Campingplatz gibt es nämlich keinen.

Das mit dem Alkohol ist auch eine Besonderheit in Australien. Nur in speziellen Shops kann man ihn kaufen, nicht im normalen Supermarkt. Es gibt sogar Lokale, in die man seinen eigenen Alkohol mitbringt, man erkennt sie an einem Schild "BYO", das heißt "Bring your own". Um Alkohol ausschenken zu dürfen, braucht man eine spezielle Lizenz.

Wir decken uns ein, Diethard mit Bier, ich mit Bitter Lemon. Inzwischen wird es dunkel und wir haben den Campingplatz erreicht. Wir kriegen eine Extrahütte für uns beide, so haben wir das gebucht. Die anderen schlafen in Sechserhütten, mit Stockbetten. Unsere Hütte, eine Art Wellblechding, ist innen recht gemütlich und verfügt sogar über eine elektrische Heizung. Toiletten und Waschmöglichkeit sind außerhalb.Die anderen wohnen ein Stück weiter weg. Mit der Taschenlampe suchen wir uns den Weg dorthin. Es ist ziemlich finster auf dem weitläufigen Platz. Als wir ankommen, sind die Vorbereitungen für das Abendessen schon in vollem Gang. Auf dem Gasgrill braten schon die Kartoffeln. Dazu gibt’s Steak und Knoblauchbrot. Die Sitzplätze reichen allerdings nicht für alle, und so versuchen wir teilweise, das Steak im Stehen zu zersäbeln. Gestaltet sich etwas schwierig.

Draußen im Freien ist es inzwischen kalt geworden, wir ziehen uns zurück in eine Hütte. Da sitzen wir nun, die eine Hälfte quetscht sich auf die unteren Stockbetten, mit eingezogenem Kopf, um sich den nicht an dem oberen Bett anzuhauen. Ein paar Stühle gibt’s, zwei, drei Leute müssen stehen. Aber es ist warm, darüber freut sich jeder. Die 700 km stecken uns in den Knochen. You look so tired, meint Diethard mit einem Blick auf mich. Aber das gilt wohl für alle und gähnend stehen wir auf in Richtung Bett.

Unsere Betten haben wir schon gemacht, wir schlafen in gemieteten Schlafsäcken. Dazu gehören so eine Art Baumwolltüten, die innen reingesteckt werden, als Bettlaken sozusagen. Da wir keine Campingerfahrung haben, tun wir uns gar nicht leicht bei der Eintüterei. Nix mit Kuscheln, diese Dinger sind ausgesprochen liebesfeindlich sind diese Dinger und gut geeignet als Verhütungsmittel... Mein Schlafsack ist außerdem untenrum kaputt und so kriege ich kalte Füße...

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Am Wave Rock

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Am Ufer des Salzsees

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