1. Oktober. 6.20 Uhr. Das
Telefon schrillt...
Oh Gott. Mir stehen die Haare zu Berge. Meine Mutter.
Herzkrank. Seit vier Wochen wieder im Krankenhaus. Ich trau mich fast nicht an's
Telefon...
So fing sie an, unsere Reise nach Australien.
Der Anruf kam aber nicht von meinem Vater. Sondern von
George, aus Perth. Unser erster Mailfriend, den wir in Australien leibhaftig
kennen lernen
werden. George freut sich riesig auf uns. Ruft extra hier an, um uns mitzuteilen, was wir
schon wussten, nämlich dass er uns vom Flughafen abholt. Morgen Mittag um drei...
8.30 Uhr. Fliegende Engel - der Flughafentransfer steht
vor der Tür. Eine halbe Stunde zu früh. Die Zeit vergeht wie im Flug. Die Fahrerin
erzählt von dem Machogast, den sie gestern früh gefahren hat. Eine Frau? Er war
entsetzt. Normalerweise würde er sich nicht zu einer Frau ins Auto setzen. Nun, diese
Frau fährt pro Jahr 120.000 km.
Beim Aussteigen meinte Macho gönnerhaft, sie
hätte es
ja doch gekonnt. Aber sie brauche sich deshalb doch nichts einzubilden...
Wir jedenfalls kommen gut an, und Diethard benimmt sich
auch gar nicht machohaft. Unterwegs die üblichen Abfragen - ist das Bügeleisen aus? Hast
du die T-Shirts drin? Und die Socken? Zum zehntenmal kontrolliere ich die Tickets - sie
sind noch da. Eine gewisse Aufgeregtheit verspüren wir beide.
Direkt vor dem Flughafen werden wir abgeladen. Koffer
raus, tschüss, wann kommt Ihr denn eigentlich zurück? Und mit welchem Flug?
Schließlich wollt Ihr ja auch wieder abgeholt werden.
Zwei Stunden bis zum Abflug. Und trotzdem steht schon
eine beachtliche Schlange vor dem Schalter von Malaysian Airlines. Die Koffer sind bald
versorgt, wir gönnen uns erst mal einen Kaffee, ich begucke mir die Gepäckstücke der
anderen Leute. Ist doch wirklich erstaunlich, welche Vielfalt es da gibt. Genauso wie bei
der Flugkleidung, Sportschuhe, Goldschuhe. Handy-Sinfonien klingeln aus verschiedenen
Ecken. Alles guckt und versucht zu orten, wo es klingelt. Eine schrille Kinderstimme gellt
durch die Luft. Eine ältere Frau versucht zu telefonieren, steckt ihre Karte ein und
dreht sich um: Wie kriege ich die jetzt wieder raus? Drumrum grinst's: Erst
telefonieren, dann klappt's schon. Ja, ja, meint sie, ne alte Frau braucht halt länger,
bis sie die Technik kapiert. Wenn da wenigstens ein paar Tausender rauskämen, sobald man
auf die Taste drückt.
Ich spiele mein beliebtes Wartezeitvertreibespiel:
Passen die Pärchen äußerlich zusammen? Meistens schon. Da sitzen mir zwei gegenüber,
das könnten fast Geschwister sein. Ich muss mir das Grinsen verkneifen. Beide eng
zusammenliegende blaue Augen, beide schlank, Jeans, schwarze Pullis, fast dieselben
Sportschuhe, und synchron kaugummikauend.
Der Aufruf. Schön der Reihe nach sollen wir uns
einfädeln. Zuerst die First Class. Dann die Familien mit Kindern, dann die
Business Class.
Und endlich wir, die "Holzklasse". Gedrängel, der Eingang ist versperrt, es braucht mehrere
Ermahnungen der freundlichen Dame am Mikrofon, bis Platz gemacht wird und die Reihen sich
ordentlich auffädeln. Als hätten die Leute keine Platzkarten und die Gangway würde vor
ihrer Nase hochgezogen.
Wir sitzen in der Mitte des Jumbos, kein Fensterplatz.
Decken liegen auf den Sitzen und Kissen, Lesematerial, Fernbedienung, Videos, Filme,
leider nicht deutsch.
Das Flugzeug rollt ewig lang in seine Startposition.
Wollen wir fahren statt fliegen?
Doch kaum sind wir in der Luft, kommen schon die
Stewardessen mit dem heißen Tüchlein. Wir jonglieren es von einer Hand in die andre. Der
O-Saft folgt gleich hinterher, es riecht schon nach Essen. Die Temperatur im Flieger ist
sehr unterschiedlich, mal zieht's teufelsmässig, mal schwitzen wir aus allen Rohren. Wie
üblich verfolgen wir die spannenden Anzeigen: Ground Speed - Flugroute Ortszeit...
Ich lese zwei Bücher während des Flugs. Der Gatte mault eifersüchtig: Wenn du mal am
Lesen bist, kann die Welt um dich untergehen. Leg das Buch endlich mal weg. Ich brauch
jetzt Zuwendung.
Elf Stunden und zehn Minuten bis zum Zwischenstop. Welch
ewig lange Zeit.
Irgendwo geht's dann doch dem Ende zu. Ist gar nicht so
schlimm, wenn man drauf eingestellt ist. Mein anderthalbjähriges Fitness-Studiotraining
macht sich bemerkbar, ich kann inzwischen problemlos mehrere Stunden sitzen - was früher
solch eine Qual für mich bedeutete...
Kuala Lumpur. Sechs Stunden Zeitunterschied.
Supermoderner Flughafen. Im Mittelpunkt ein tropischer Garten. Es ist früh morgens, der
Garten nicht beleuchtet, und so sehen wir noch nichts. Wir irren im Flughafen umher nach
einem Raucherplätzchen. Gestaltet sich recht schwierig, die Suche. Aber dann doch, oben
auf der Empore, ein kleines Restaurant, in dem Rauchen erlaubt ist und siehe da, da finden
sich auch bekannte Gesichter aus dem Flugzeug. Drei Stunden Wartezeit. Aus müden
Rotäugelchen begucke ich mir die armen Süchtigen.
Das Gepäck ist schon durchgecheckt bis nach Perth.
Endlich mal wieder fliegen. Noch fünf Stunden bis Perth. Wieder kein Fensterplatz,
sondern einer in der Mitte. Neben mir sitzt einer mit einer Erkältung. Glaube ich mal.
Der rotzt die ganze Zeit im 20 Sekunden-Rhythmus. Schließlich platzt mir der Kragen und
ich reiche ihm mit meinem freundlichsten Lächeln eine Packung Tempo. Ob er das für seine
Nase brauchen könne? Er sieht chinesisch aus, stutzt im ersten Moment, Tempos kennt er
zwar nicht, kann sich dann aber den Zweck zusammenreimen, bedankt sich artig, fragt wo wir
herkommen und wo wir hinwollen, und schnupft auch mal brav ins Tempo rein. Nützt aber
nichts, er hat wohl einen Raucherhusten und während er fünf Stunden lang, und ganz
besonders beim Essen, den Schleim abrotzt, geht's sogar meinem Gatten auf den Wecker.
Pfui Teufel... noch nicht mal meine Ohropax helfen...
15 Uhr Ortszeit. Wir sind da, in Perth, ganz im Westen
Australiens, der einsamsten Metropole der Welt, ist doch die nächste vergleichbar große
Stadt mehr als 2000 km weg. Kurz vor der Landung plötzlich ein seltsamer Gestank im
Flieger. Ich lese und habe die Ursache des Gestanks nicht mitgekriegt: Da gehen
Stewardessen durch das Flugzeug, und besprühen dasselbe und damit auch die Passagiere
intensiv mit Desinfektionsmittel. Wir kommen uns vor wie riesengroße Insekten. Schon ein
seltsames Gefühl. Ist in Australien so üblich, die passen sehr auf, dass keine fremden
Insekten und Tiere eingeschleppt werden. Außerdem werden wir eindringlich per Mikrofon
aufgefordert, alles, aber auch alles mitgebrachte Essbare entweder sofort zu vertilgen
oder es unverzüglich wegzuwerfen. |
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Lange Schlange vor der
Passkontrolle. Schön gesittet. Wir werden eingewiesen, zu welchem Schalter wir uns
begeben können. Koffer vom Laufband holen, dabei werden wir von Spürhunden beschnuppert.
Das hab ich auch noch auf keinem Flughafen gesehen. Aber wir sind anständige
Leute und
völlig clean. Auch der Zoll winkt uns unbesehen durch.
George holt uns ab. Der erste von Diethards vier
Internetfreunden. George ist ein Wissenschaftler, so um die 55, arthrosekrank, und deshalb
nicht arbeitsfähig. Seit zwei Jahren schreiben die beiden sich tiefgehende Mails. Wie er
aussieht, wissen wir, auf unserer Homepage gibt's ein Bild von George und seiner Nachbarin,
Margaret. Stellt sich dann aber raus, dass die Nachbarin zehn Kilometer weit weg wohnt und
seine Partnerin ist...
Tatsächlich, da steht einer, mit Hut, und langem
weißem Bart. Sieht uns, grinst kurz rüber, ist aber noch in ein intensives Gespräch mit
einer jungen Lady vertieft. Wir warten, bis er so weit ist. Er hat einen großen
Blumenstrauß in der Hand, mit großen roten uns unbekannten Blumen drin, Bottlebrush, so
heißen die, warum leuchtet uns sofort ein, sie sehen wirklich aus wie eine
Flaschenbürste.
George begrüßt uns. Ich versteh kein Wort. Mein
Englisch ist sowieso bescheiden und Australier sprechen eine besondere Art von Englisch,
wie ich bald feststelle. Sehr nasal, Vokale verzogen, so schnell, als gäbe es einen Preis
dafür. Sie lieben Abkürzungen. So wird das Vegetable zum Veggie, der Australier zum
Aussie...
Die Sonne scheint, es ist frühlingshaft warm, so um die
22 Grad. Gedränge beim Wegfahren Es dauert eine Weile, bis wir vom Parkplatz wegkommen.
George bringt uns erst mal zum Hotel. Aber auf der falschen Seite. An das Linksfahren muss
man sich wirklich erst mal gewöhnen. Ist echt ein blödes Gefühl, im Kreisel
verkehrt herum
zu fahren. Außerdem braucht's seine Zeit, bis man beim Straßenüberqueren als
Fußgänger auf die richtige, also für unser Empfinden falsche Straßenseite
guckt.
Das Hotel liegt wunderbar, direkt am Kings Park und
ganz
in der Nähe der City. George gibt uns eine halbe Stunde zum Frischmachen und los
geht's.
Denn es wird früh dunkel, um 6.45 Uhr.
Wir schlendern durch den Kings Park. Ein wundervoller
Blick auf die Skyline von Perth. Viele Bäume, jeder trägt eine Gedenktafel. Viele
Blumen, viel größer als in Deutschland. Es wird kalt.
George bringt uns zur Williamsstreet. Er will mit uns in
einer Bar essen gehen. Lifemusik gibt's dort nämlich. Soll gut sein. Vorher bringt er uns
aber nach noch Hause, um Mails zu checken.
George ist Wissenschaftler. Seine unordentliche
Junggesellenbude ist übersät mit Büchern. Alle Wände stehen voller Bücherregale.
Computer, Fernsehapparat, Musikanlage. Was braucht der Mensch sonst noch... |
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Skyline von Perth in der Abenddämmerung, vom Kings Park aus gesehen
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Wir gucken, was es Neues
gibt im fernen Deutschland und fahren dann zum vorgeschlagenen Lokal. Doch da ist es
derartig laut, dass man kein einziges Wort versteht. Wir gehen woanders hin, ein schönes
Lokal, aber weitaus teurer als das erste. Hmm, da gibt es schon die ersten Komplikationen.
Wissen wir doch aus dem jahrelangen Briefwechsel, dass George nicht gerade auf Rosen
gebettet ist. Wir wollen gerne ihn einladen, aber wie nimmt er das auf? Ist er dann
beleidigt? Eine ähnliche Situation hatten wir mal in Istanbul, als wir bei türkischen
Bekannten ein paar Tage verbrachten. Da gab es jedes Mal, wenn wir draußen aßen oder
einen Kaffee tranken, einen regelrechten Kampf um das Bezahlen, weil sie aus ihrer Sicht
heraus unbedingt ihre Gäste immer und überall einladen wollten. Mir war das schon damals
nicht recht, kannte ich doch ihre Verhältnisse und den täglichen Existenzkampf.
Also dieses Lokal ist doppelt so teuer wie die Bar, die
so eine Art Schnellimbiss war. Dort hing nämlich ein großes Schild über der Theke, so
dass der Vergleich nicht schwer fällt. Ich stupse unauffällig meinen Gatten an: Meinst
du, wir können George einladen? Beleidigt ihn das oder freut er sich???
Diethard ist unsicher, weiß auch nicht. So hintenrum
schleichen wir uns in dieser Frage an George an. Was denn seine Motivation ist, für uns
"eigentlich" Fremde so viel zu tun, denn er hat uns sein Programm schon
erläutert, das er mit uns in den beiden nächsten Tagen machen will. George lächelt: Ich
hoffe, dass andere Menschen alles weitergeben, was ich ihnen an Freundlichkeit gebe.
Ob wir die Rechnung bezahlen dürfen? George grinst
breit: You want to pay? No problem. Here we go.
Wie unkompliziert. So was liebe ich.
Doch nun sind wir langsam ausgesprochen müde.
Nachmittags haben wir ausgehalten. Doch um halbelf fallen wir ins Bett und schlafen beide
steinartig durch. Klappt wunderbar, der Jetlag ist sofort überwunden. Später
hören wir von Mitreisenden, die längere Zwischenstopps in Singapur gemacht hatten oder
abends in Deutschland abflogen, dass die teilweise erhebliche Schwierigkeiten mit der
Zeitumstellung hatten. |
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Blume im Kings Park
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