20. Oktober: Im Tal der Könige

Luxor - Theben

Im Tal der Königinnen

Abfahrt um 6.30 Uhr. Als ich um 6 Uhr zum Frühstück gehe, sitzen da im Foyer schon wie die mahnende Statuen ein älteres Ehepaar, das ich auch noch nie habe lachen sehen. Eine halbe Stunde später versammeln sich viele müde schlitzäugige Gestalten im Foyer. „Gemma, gemma“, ruft Amr. „Wo ist die ägyptische Jugend?“ So nennt er seine Gruppe gern. Alle trotten ihm hinterher wie die Entenküken hinter der Mutter.

Eine kurze Busfahrt liegt vor uns. Raus aus der Stadt, vorbei an Nilarmen. Weiße Vogelscharen sitzen auf dem Wasser, Esel mit Holzkarren und Reitern trotten am Wegesrand, vorbei an Feldern, auf denen gebundene Strohgarben stehen. Dazwischen immer wieder die weißgekleideten Polizisten, dösend auf ihren Stühlen. Ein stehender Lastwagen, der Fahrer liegt auf dem Steuerrad und pennt. Andere arbeiten auf den in kleine Quadrate eingeteilte Feldern mit den Berieselungsanlagen. Dazwischen ein Traktor. Bunte Fassaden säumen den Seitenarm vom Nil und die Gebäude spiegeln sich im Wasser. Wäsche hängt zum Trocknen in den Bäumen. Palmen stehen dicht an dicht am Uferrand, zwischendurch mit bunten Fähnchen verziert wie bei uns die Tankstellen. Ab und zu liegen Abfallhaufen am Ufer. Sammeltaxis fahren vorbei, sie bieten im Innenraum Platz für mehrere Personen, und hinten auf dem Trittbrett klammern sich oft noch mehrere Leute fest. Die Randsteine auf der Straße fallen auf, hoch, nicht barrierefrei, einer schwarz, einer weiß. Wir nähern uns unserem ersten Ziel, dem Tal der Königinnen. Heißluftballons steigen auf. Warum man uns das nicht angeboten hat, will ich wissen. Klar, es ist teuer, man muss auch sehr früh aufstehen, um den Sonnenaufgang darin zu erleben. Vielleicht ist es auch gar nicht so ergiebig, die Welt hier von oben zu betrachten? Sand, Steine, der Grundriss der Gräber, allzu viel wird man hier wohl nicht sehen.
Das Tal der Königinnen liegt in einem Wüstental, in der der Nähe des Tals der Könige. Es ist nicht wie die Nekropole der Pharaonen versteckt zwischen dem Felsengebirge, sondern erstreckt sich breit und ausladend am Rande des libyischen Tafelgebirges. Nicht nur Königinnen sind hier begraben, sondern auch Prinzessinnen, Prinzen und hohe Würdenträger. Die ältesten Gräber sind unvorstellbare 4000 Jahre alt.

Wir laufen zum ersten Grab. Nicht alle sind geöffnet. Die Ausdünstungen der Touristen zersetzen die Wandmalerei. So wird abgewechselt, die Gräber immer ein paar Jahre geschlossen, damit sie sich erholen können. Das berühmte Grab von Tut Ench Amun ist auch im Moment nicht zu sehen. Dafür aber drei andere Gräber. Kaum zu glauben, wie gut die Malereien nach über 3000 Jahren erhalten sind. So hatte ich mir das wahrhaftig nicht vorgestellt. Natürlich ist die Luft stickig in den Gängen, aber die Gräber sind riesengroß – von den Wandmotiven sehr ähnlich, von der Größe her unterschiedlich. So führt Amr uns zum ersten Grab, ein langer Gang mit Wandmalereien. Beeindruckend. Diese fein gemeißelten Konturen und ausgemalten Linien in gedeckten aufeinander abgestimmten Blau-, Gelb-, Grün- und Rottönen. Sehr harmonisch. Bei näherem Betrachten fällt mir auf, es sind unsere Lieblingsfarben, wie wir sie in unserem Haus und auch auf unseren Websites immer wieder auftauchen.

Das zweite Grab hat Seitenkammern. Jede einzeln liebevoll bemalt. Sieht fast gemütlich aus. Am Ende des langen Ganges plötzlich nur noch ein kahles Loch. Die Gänge wurden gesprengt, mit Dynamit, erklärt Amr uns später. Von Schatzräubern. Wir bekommen ja heute noch nur eine kleine Ahnung davon, wie es hier und in den Tempeln einmal ausgesehen hat. All das Mobiliar und Beiwerk wurde gestohlen oder „geschenkt“. Welche Gefühle haben wohl die Entdecker gehabt, als sie nach jahrelangen Such- und Grabarbeiten diese Kostbarkeiten fanden und Stück für Stück vorgedrungen sind...?

Lange kann man nicht in den Gräbern bleiben, die Luft steht förmlich darin. Dieser Tag ist wirklich der Höhepunkt – sowohl von den Sehenswürdigkeiten, wie auch von den Temperaturen. Wüste. Sand. Steine. Gnadenlose Sonne. Dabei ist es erst 10 Uhr morgens. An den Wegen zwischen den einzelnen Gräbern sitzen Einheimische. Sie graben mit den bloßen Händen und sieben die Steine durch. Wie viel Glück werden sie wohl haben?

 

[ vor ]  [ Galerie ]   [ zurück ]   [ Übersicht ]