20. Oktober: Kutschenfahrt durch Luxor

Luxor

Mit der Kutsche durch Luxor

Um elf sind wir wieder zurück – inzwischen auch sehr regenerationsbedürftig. Köstlich der Cocktail an Bord des Schiffes und der Kaffee hinterher. Die zweite Reisegruppe, die zusammen mit uns aufgebrochen sind, kommt eine halbe Stunde später. Sie wurden noch durch eine Alabasterfabrik geschleust, das hat Amr uns erspart. Wie schön von ihm.

Der heutige Tag ist noch einmal vollgepackt. Wir haben die fakultative Kutschenfahrt durch Luxor und die Ton- und Licht-Show im Karnak-Tempel gebucht. Wenn wir schon mal hier sind, dann wollen wir auch möglichst viele Eindrücke mitnehmen. Eigentlich hätten wir ja auch gerne Hassan noch besucht, den Ägypter, den wir am ersten Tag hier kennen gelernt hatten und der uns an Bord seiner Felukke so gastfreundlich und ganz ohne Bakshishforderung empfangen hatte. Gerne hätten wir mit ihm allein, ganz ohne andere Touristen, die Bootsfahrt gemacht, aber es passt halt einfach zeitlich nicht mehr rein.

So stehen wir um 15 Uhr erwartungsvoll wieder bereit zum offiziellen Programm. Die Kutschen traben an, eine nach der anderen, paarweise besteigen wir die schwankenden Gefährte. Unser zahnloser Kutscher grinst uns an, kaum dass wir sitzen, und bietet mir die Zügel an. Ich verzichte, Diethard ist auch nicht scharf drauf, aber dann rutscht er doch nach vorne auf den Kutschbock. Ich bleibe schön hinten drin sitzen, der Kutscher spuckt im Zwei-Minuten-Takt auf die Straße, während ich das Kutschenchaos betrachte und der Glöckchenschmuck über mir im Takt bimmelt. Zuerst geht’s natürlich die wohlbekannte Straße am Nil entlang, nach wenigen Minuten wird’s ursprünglicher, wir biegen in Seitenstraßen ein, Kinder lauern am Wegesrand, ich notiere meine Eindrücke und muss meinen Kugelschreiber verteidigen. Leider hab ich ja nur den einzigen vorbei, sollte ich noch einmal herkommen, werde ich sicher viele Kulis und sonstiges kleines buntes Plastikzeugs in der Tasche haben. Bei dem, was eine solche Reise kostet, denke ich, kann man auch mal 50 oder 100 Euro investieren für solche Mitbringsel. Wir kommen an einem Fussballplatz vorbei, an einem Karussell, das in der Mittagshitze vor sich hindöst. Die Häuser werden immer weniger, wir fahren offensichtlich ins flache Feld hinaus. Links eine große Mädchenschule, die feingekleideten jungen Frauen gehen damenhaft und würdevoll über die staubigen Wege, während rechts der Mais wächst und sich zwischen der Kutsche und den Mädchen Eselreiter drängeln. Bald biegen wir wieder ab in bewohntere Gebiete und da tobt dann das echte Leben.

Es ist eng auf den Straßen, weil rechts und links Teppiche auf dem Boden liegen, auf denen alles Mögliche aufgetürmt ist: Bunte Gewürze. Farbenfrohes Gemüse. Prächtige Obststände. Duftendes Fladenbrot. Mittendrin sitzen die Verkäufer. Manche haben Tische oder primitive Stände, auf denen sie ihre Waren feilbieten. Sieht zwar teilweise sehr baufällig aus, aber es hält. „Malventee, Madame“, lockt man mich von allen Seiten. „Du wissen, was das ist?“ Ja, ich weiß inzwischen, dass dieses intensiv blau leuchtende Gewürz Indigo ist. Auch hier die Gegensätze, zwischen den primitiven Ständen stechen kleine Boutiquen ins Auge. Schuhe, Taschen, feine Klamotten auf schicken Schaufensterpuppen, daneben wieder abbruchreife Gebäude. Erstaunlich die vielen Schilder für Internetcafes, die es hier gibt. Sie passen so gar nicht in das Bild. Auch nicht der Stand mit den vielen Tupperschüsseln in allen Formen und Größen, die feilgeboten werden. Wir fahren an einer Schächterei vorbei, ich erhasche nur einen kurzen Blick auf das Lamm, das gerade ausgeweidet wird, der reicht mir schon, die Fliegen auf dem rohen Fleisch regen nicht gerade den Appetit an. Daneben steht eine Hähnchenbraterei, das sieht schon besser aus. Ein anderer streicht auf einem großen runden Ofen einen Teig auf, lauter dünne Fäden. Nudeln sind das, höre ich später. An einem Brotladen steht eine lange Schlange, es dauert ja nicht mehr lange, bis der Ramadan-Tag vorüber ist und alle wieder zuschlagen dürfen. Die Gesichter sind fröhlich, man sieht förmlich die Vorfreude auf die kommenden Genüsse, viele haben Plastiktüten in der Hand und sind mit schnellen Schritten unterwegs.

Ein Wühltisch mit BHs am Wegesrand, viele Stoffballen liegen auf einem Teppich auf dem Boden, Plastikschläuche daneben. Ein Fahrrad transportiert auf einem Holzbrett einen großen Käfig mit Hühnern, dreistöckig kauern sie übereinander. Aus einer offenstehenden Haustür läuft ein Küken auf die Straße. Langsam biegen wir wieder auf die große Straße am Nil ein und der Kutscher wird aufdringlich. 5 Euro, sagt er zu Diethard, der den Kopf schüttelt. 3 Euro. Nein. Außerdem, lachend zeigt Diethard auf mich.“ Meine Frau hat das Geld.“. Ich krame in der Handtasche. Eigentlich wollte ich dem Kutscher ja – neben dem 1 Euro, den Amr empfohlen hat, meinen schönen zweiten Kuli geben, den ich bisher aufgehoben habe, aber der Kerl wird mir langsam zu aufdringlich. Schon wieder hält er die Hand auf. „Erst wenn wir ausgestiegen sind“, sage ich kategorisch und zeige auf die Straße. Auch das ein wichtiger Tipp von Amr: „Erst aussteigen. Erst wenn die Füße auf der Erde sind, das Geld hergeben. Sonst gibt’s lange Diskussionen.“ Der Kutscher versteht sehr gut, was ich sage, mein Blick zeigt offensichtlich deutlich, dass ich meine, was ich sage. Er fügt sich widerwillig. Als wir ausgestiegen sind, will er noch Zigaretten von Diethard und hebt einen Finger hoch. Okay. Diethard will ihm nicht nur eine Zigarette, sondern drei in die Hand drücken. Er wehrt ab. Er will die ganze Schachtel. Da hört's dann wieder auf. Dann halt nicht. Wortlos nimmt Diethard die drei Zigaretten und stopft sie wieder in die Packung zurück. Dieses Gebettel kann einem wirklich auf den Geist gehen.

Allerdings – das wird mir später erst klar, als wir in Sharm el Sheikh ankommen – diese Bakshishforderungen sind lebensnotwendig für alle Bediensteten, die Grundgehälter sind derart niedrig, Sozialleistungen gibt’s ja auch nicht, so dass man sich als Tourist einfach drauf einstellen und die Tarife kennen sollte. Eine vernünftige Regelung gibt’s da von TUI – da bekommen wir nämlich am Flughafen von Sham el Sheikh einen Zettel, auf dem die Tarife aufgelistet sind. Hier die Empfehlung: Für den Kellner öfter mal kleine Summen von 5 bis 10 LE. Für den Zimerboy 20 bis 30 LE pro Woche und Zimmer. Pro Koffer 3 bis 5 LE. Für den Ausflugsreiseleiter und Busfahrer 10 bis 15 LE. Das sind doch wenigstens mal Anhaltspunkte. Man hat ja keine Ahnung, was angemessen ist.

„Und? Hat sich die Kutschenfahrt gelohnt?“ fragen die anderen, die auf dem Schiff geblieben sind. Die Frage können wir mit einem glatten Ja beantworten. Diese bunte Vielfalt von Bildern ist immer wieder erstaunlich. In den Gassen, durch die wir gefahren sind, scheint wirklich das echte Leben zu herrschen, keine Show, die für die Touristen abgezogen wird. Schön, dass wir uns aufgerafft haben, diese Tour zu machen. Aber bisher sind wir immer gut gefahren mit den Angeboten, die Amr seiner Reisegruppe machte. Eigentlich, denke ich, wäre das doch auch eine schöne Reise für den Freizeittreff? Eigentlich wäre es doch eine tolle Sache, wenn Diethard und ich sozusagen als Vorkoster und Tester unterwegs sind, Reiseberichte schreiben, und die Reisen im Freizeittreff anbieten? „Ich würde mich glatt opfern“, meint mein Mann, „wieder nach Ägypten zu fliegen, wenn das zu Stande käme.“ Also erzähle ich Amr vom Freizeittreff, den ich leite, und dass ich darüber nachdenke, hier eine solche Reise anzubieten – ob es möglich sei, ihn als Reiseleiter zu bekommen? Er strahlt übers ganze Gesicht: „Ja, das ist möglich. Und es wäre auch eine wunderschöne Werbung für ihn bei TUI, wenn er persönlich angefordert würde.“ Nun, wir haben seine Visitenkarte in der Tasche, wir werden sehen, was geschieht.


 

 

 

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