15. Oktober: Luxor, Karnak und die ersten Kilometer auf dem Nil

Luxor, Karnak, Esna

Das Besichtigungsprogramm beginnt

„Ein Schiff macht Lärm“, hat man uns gesagt. „Das Motorengeräusch ist ganz schön laut, je nachdem, wo die Kabine liegt.“ Wir haben offensichtlich Glück mit unserer Kabine mit 1. Oberdeck. Eigentlich hätte ich ja gerne eine Kabine im zweiten Oberdeck gehabt, möglichst weit weg vom Motorenraum, aber da war alles ausgebucht. War gar nicht mal so schlecht, wie sich hinterher zeigte. Zwar hören die im zweiten Oberdeck weniger vom Motor, dafür umso mehr vom Sonnendeck direkt obendrüber. Da bekommt man wohl jedes Stöckelschuhgetacker und Stuhlgerücke tagsüber hautnah mit, wenn man sich zur Ruhe legen will. Außerdem wird nachts aufgeräumt und so kann’s da auch ganz schön klappern. Dafür ist die Aussicht noch besser. Und das ist einfach schön bei einer Kreuzfahrt: Man macht den Vorhang auf, legt sich ins Bett und draußen zieht die Landschaft vorbei. Wie im Film. Vorausgesetzt natürlich, das Schiff fährt. Im Moment liegt es aber noch friedlich im Hafen. Heute morgen werden wir den Tempel von Luxor besichtigen und anschließend den Karnak-Tempel.

Um 7.30 Uhr geht’s los. Für eine Kreuzfahrt ja doch eine sehr zivile Zeit. Amr sorgt dafür, dass seine Gruppe jeweils 1 ¼ Stunden vor den Ausflügen geweckt wird. Damit auch alle pünktlich erscheinen. Wir sind auch alle pünktlich da, drei Minuten vorher schon marschiert die Truppe geschlossen durch die Schiffe. Schon goldig, wie hier in Ägypten, wo die Menschen normalerweise eher unpünktlich sind, minutiös der Zeitplan eingehalten wird. Zu unserem Besten, wie wir bald erkennen. Täglich werden Touristenhorden durch die Sehenswürdigkeiten geschleust und die Busse oft mehrfach genutzt. Straffe Organisation ist notwendig, um das Chaos im Griff zu halten.

Karnak-Tempel

Also rein in den Bus. Zum Karnak-Tempel, der drei Kilometer entfernt ist. Vor dem Tempel stehen Pferde mit einem Futtersack um den Hals gebunden. „Bitte alle Taschen mitnehmen“, ruft Amr. Der Bus fährt jetzt zu einem anderen Hotel und holt weitere Gäste ab.“ Wir packen unsere Siebensachen ein und stapfen brav einer nach dem anderen durch den Scanner hindurch, der unaufhörlich schrillt und pfeift, während die Wärter ungerührt zuschauen, und stehen dann gebannt in der riesigen Jahrtausende alten Tempelanlage.

Der Dumont-Ägypten-Reiseführer sagt: „Als Tempelanlage ist es eine der imposantesten architektonischen Verneigungen vor einer Gottheit. Bescheiden begann es während der 13. Dynastik mit dem Reichstempel des Amun. Jeder Pharao fügte dem Werk seines Vorgängers ein weiteres hinzu, und im Laufe von zwei Jahrtausenden entstand so ein viele Epochen umfassender Gottesbezirk, ein auf den ersten Blick verwirrendes Sammelsurium von Tempeln, Toranlagen und Kolonnaden. Die ständigen Erweiterungen sichern Karnak auch den profanen Beinamen der größten Baustelle der Welt...“

Eine schwierige Aufgabe für die Archäologen, herauszufinden, welcher Pharao was wo hinzugefügt bzw. zerstört hatte. Die selbstsüchtigen Pharaonen ließen die Inschriften der Vorgänger herausschlagen und durch ihre eigenen Kartuschen mit ihrem Namen ersetzen, um allen Ruhm einzuheimsen. Echnaton löschte Amun aus, wo er nur konnte, und die Christen, die heidnische Tempel zerstörten, verwischten ihrerseits die Spuren.

Da versammeln wir nun in diesem Riesenbau. „Schauen Sie. Können Sie das sehen?“ Mit leuchtenden Augen zeigt Amr uns die Säulen und die verschiedenen Statuen und erklärt die Reliefs. Wahnsinn, dieser Reichtum. Wie war das bloß möglich mit den primitiven Mitteln, die vor dreieinhalbtausend Jahren zur Verfügung standen, diese Bauten zu errichten und diese feinen Reliefs zu meißeln? Man steht staunend und nichtbegreifend davor. Wie hat es wohl vor den Plünderungen ausgesehen, damals, als alles noch intakt war? Wie war es möglich, das Volk so weit zu bringen, dass es die Schufterei auf sich nahm? Wie wurde das alles finanziert? Wie die Arbeiter versorgt...? Die Lebenserwartung der Arbeiter lag bei ca. 40 Jahren.

„Wie lange braucht Ihr? Reicht eine halbe Stunde?“ fragt Amr nach seinen ausführlichen Erklärungen. Ja. Es ist ja noch sehr früh am Morgen, aber wir sind bereits alle auf der Suche nach Schatten. Ich beschließe, in Zukunft Amrs Rat zu befolgen und nicht mehr ohne Wasserflasche loszuziehen.

Die Gruppe hat sich zerstreut und versucht die Inschriften und Kartouchen zu entziffern. Wir schlendern langsam zum Tor. Aber wo ist der Bus? Der Parkplatz ist inzwischen vollgefüllt mit Bussen, die sich sehr ähnlich sehen. Irgendwie gelingt es aber doch allen Reisenden, ihn in dem Wirrwarr wiederzufinden. Glücklich sinken wir auf die Bänke und preisen die Klimaanlage. Drei Kilometer später steigen wir wieder aus. „Bitte alle Taschen mitnehmen“, ruft Amr. „Wir gehen nun in den Tempel von Luxor und anschließend zu Fuß zum Schiff. Es liegt ja genau gegenüber.“



 

[ vor ]  [ Galerie ]   [ zurück ]   [ Übersicht ]