16. Oktober: Die Tempel von Edfu und Kom Ombo sowie eine Schiffsbesichtigung

Edfu - Kom Ombo - Assuan

Der Edfu-Tempel

Um sechs tigert Diethard bereits in der Kabine herum. Hat der Durchfall bereits zugeschlagen? Ich quäle mich auch aus dem Bett, hab tief und fest geschlafen, aber die Kopfschmerzen scheinen im Anmarsch zu sein. Ab in den Speiseraum. Wir ankern am Kai. Draußen sitzen Soldaten, das Gewehr im Anschlag. Sieht nicht wirklich gefährlich aus, man gewöhnt sich schnell an den Anblick, ein kleiner Flirt mit der Kaffeetasse. Der Kaffee ist übrigens durchaus erträglich, das schwarze Brot auch, der würzige Käse schmeckt lecker, Müsli in allen Variationen ist auch vorhanden, was braucht man mehr. Wiederholter Blick auf die Uhr, nur nicht zu spät kommen. Noch mal schnell ins Zimmer. Diethard reibt sich den Bauch. „Ich komme gleich. Pack schon mal schnell eine Flasche Wasser mit ein.“ Wir laufen zur Rezeption. Eine Blonde mit hysterischem Stimmenklang: „Die gehen schon los, mein Mann ist schon wieder nicht da.“ Ich blicke belustigt, kenn ich doch die kleine Panik auch, aber diesmal ist mein Mann da, er war ja grade noch hinter mir. Als ich mich umdrehe, ist er auch weg. Überall dasselbe, die Frauen wollen pünktlich erscheinen, die Männer nehmen's lässiger – das bringt Stress in die Gesichter.

Draußen stehen die Kutschen parat. Eine ganze Armee. Ein paar Minuten, dann sind alle verteilt. Kinder verfolgen uns. „Mama. Bakshish.“ Der kleine Glutäugige lässt nicht locker. Aber ich habe nur 50er in der Tasche. Endlich einsteigen, wir sind in Sicherheit vor den bettelnden Händen. Der Holzboden ist schon etwas durchgebrochen, wir sinken in die weiche Rückbank. Über uns der Baldachin, der uns vor der Sonne schützt, die jetzt schon, um halbacht, die Luft aufwärmt. Über Schlaglöcher geht’s ab zum Edfu-Tempel. Wir steigen aus. Wo ist unsere Gruppe? Halt, wir müssen uns doch unbedingt noch die Kutschennummer merken. Und da vorne, Gott sei Dank, da sind ein paar bekannte Gesichter. Wir schlendern alle zusammen durch die Marktgasse. „1 Euro“ rufts aus allen Ecken. “”Bei Obi gibts alles“, grinst ein anderer. Sie sind relativ friedlich. Auf ein freundlich-energisches „la shokran“ hin geben die meisten Ruhe. Links um die Ecke, dann liegt der der Eingang des Horus-Tempels vor uns. Links die durchgängig mit herausgehauenen Figuren verzierten Seitenwände, komplett erhalten, rechts eine große weite Sandfläche, frisch angelegt, dahinter große Mauern. Sieht aus wie ausgegraben. Wir kommen in einen Innnenhof, als wir uns umdrehen, stockt der Atmen. Eine majestätische Vorderfront – der am besten erhaltene Tempel in Ägypten. „Schnell rein“, ruft Amr, „bevor die Menschenmassen kommen.“ Dabei quellen die ersten Ströme jetzt, um acht Uhr morgens, bereits heraus.

Amr erzählt. Die Begeisterung für sein Land steht ihm ins Gesicht geschrieben. Ob wir uns vorstellen können, wie so ein Tempel gebaut wurde. Aus lauter Quadern. Jeder Quader musste ca. 30 km weit transportiert werden – gegletscht, nett er das. Mit Hilfe von Sand wurden die schweren Klötze wegbewegt. Mit Hilfe einer Zickzacksandrampe aufeinander geschichter. Vielleicht 40 Mann, die jeden Quader über diese velleicht 200 m lange Sandrampe zogen. Er zeigt uns die runden Scheiben, aus denen jede Säule besteht. Das Eingangstor wurde zugemauert, sagt er, und dann wurden diese Scheiben, Stück für Stück, hochgezogen und vorsichtig ins Innere niedergelassen. Stand das Fundament, wurde die Halle mitSand gefüllt und dann die nächste Scheibe auf jede Säule gesetzt. „Schaut diese wunderschönen Kapitälchen“, sagt er. Wie ein Garten, jede ist anders.“ War dann die Arbeit vollendet, wurde das Tor wieder geöffnet und der ganze Sand freigesetzt. Amr hat eine schöne Art zu erzählen. Begeistert. Gestenreich. Die ganze Gruppe hängt an seinen Lippen. Man kann sich förmlich vorstellen, wie der Ablauf war. Ich höre fast das Stöhnen und Ächzen der Schwerstarbeiter. Kein Wunder, dass die Lebenserwartung damals nicht sehr hoch war.

Die nächste Gruppe drängt heran. Wir gehen weiter. Alle Räume sind noch vollständig. Überall die Decken drauf. Die Gesichter, Arme und Füße der meisten Figuren an den Wänden zerstört. Akribisch genau alles abgeschlagen, was „Leben“ war. Es wird immer enger, als wir zum Allerheiligsten vordringen und den Nebenräumen, in denen die „Verwaltung“ stattfand. Stein für Stein, jeder einzelne ist behauen und erzählt ein Stück Geschichte.

Es ist 8.45. Eine halbe Stunde Zeit, bis wir uns bei den Kutschen treffen. Die Sonne brennt bereits erbarmungslos vom Himmel. Wie um Gottes willen ist das hier erst in der Hauptsaison? Jetzt haben wir schließlich schon Mitte Oktober. Später hören wir allerdings, dass insgesamt die Temperatur 10° höher ist als normal um diese Jahreszeit. Auch bei uns in Deutschland haben wir im Moment noch Temperaturen teilweise um 20°.

Wir ziehen uns in den Schatten zurück, an eine Mauer. Wie schön, keine Touristen in der Nähe, keine aufdringlichen Einheimischen. Eine kleine Ruheoase inmitten der schönen geheimnisvollen Architektur. Gerne würde ich einen solchen Tempel alleine anschauen dürfen, um ein wenig von dem Leben damals und der Atmosphäre erspüren zu dürfen. No way.

Langsam schlendern wir zurück. Durch die Marktstraße. Natürlich werden wir angesprochen, aber es hält sich im Rahmen. Ein freundliches Kopfschütteln und Abwenden genügt. Am Ende der Straße das Kutschenchaos. Der Gestank der Pferde weht heran. 500 Kutschen warten auf die Touristen. Wie um Gottes willen soll man da die eigene wieder finden?

Doch es ist alles bestens durchorganisiert. Ein Junge kommt auf mich zu, zeigt auf meinen Block und Kuli. Ich soll die Kutschennummer aufschreiben. Auf seine Hand. Also gut, ich kritzle die „2005“ in seine Hand, er rennt davon. Kommt nach einer Weile wieder, winkt uns weg. Ich winke zurück, nein, wir sind fünf Minuten zu früh, hier ist die Luft besser als vorne im Kutschengewühl. Wer weiß, wo er uns auch hingeführt hätte. Die „2005“ zeigt sich nämlich, die ist nicht da. Da nützt dann alle Organisation nichts. Amr sagt uns, wir sollen in eine andere Kutsche einsteigen, aber uns die Nummer merken, er bezahlt den Fahrer dann. Wir sollen nichts geben, auch wenn er danach fragt.

Okay. Doch der Fahrer ist penetrant. Erst will er ein Foto von uns machen, aber darauf verzichten wir, wir haben keine kleinen Scheine und keine Lust auf lange Diskussionen. Beim Aussteigen bleibt er hartnäckig, wir auch. Ein Junge rennt vor mir her, tritt mir fast auf die Füße. Ein Mann berührt mich am Arm, das ist mir zu viel Nähe, darauf reagiere ich aggressiv. „Rühr mich nicht an“, fauche ich ihn mit funkelnden Augen an. Vor dem habe ich meine Ruhe. Doch der nächste plagt schon – ein Fotograf, der beim Einsteigen in der Kutsche Fotos gemacht hat. „Guck, Frau, hier“. Frau will nicht gucken, ich hab die Nase voll – Kopfschmerzen plagen mich, ich will nur meine Ruhe und rette mich auf die Treppe. Hierher dürfen die Händler nicht kommen, nun kann ich mir die Szene in Ruhe betrachten. Diethard, der Arme, harrt noch oben auf der Straße aus, bis Amr kommt und die Sache mit der Kutsche regelt.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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