18. Oktober: Ägyptischer Abend auf dem Schiff

Assuan

Ägyptischer Abend auf dem Schiff

Der Berg mit den beleuchteten Gräbern auf der anderen Nilseite zeigt uns den Weg zu unserem Schiff. Es ist schon nach sieben. Ich muss ja auch noch bei Mandz meinen güldenen Umhang für heute Abend holen. Ob er ihn repariert hat, wie versprochen? Hoffentlich hat er das Ding noch nicht verkauft, wenn ich so spät erst komme. Aber nein, es ist noch da, zwar noch nicht repariert, das passiert jetzt aber noch auf die Schnelle. Das gute Teil wird von 7 Euro auf 5 Euro heruntergehandelt, während der andere Angestellte mit den Augen rollt. Mandz will zwei Küsse von mir dazu, aber da bin ich wählerisch. „Sorry, ich küsse keine Fremden,“ strahle ich ihn an, bloß meinen Mann. Na dann, da kann man nichts machen. „5 Euro sind 50 LE“, rechnet Mandz. So ein Gauner. Wir einigen uns auf 40 LE, ich gebe ihm einen 50er, weil ich denke, im Hotel geht das mit rechten Dingen zu. Da schäme ich mich dann doch, zuerst das Wechselgeld zu verlangen, bevor ich bezahle. Aber – wer hätte das gedacht, Mandz hat kein Wechselgeld. „Später“, sag ich, „später, wenn ich vom Essen komme, dann hole ich mir das Geld.“ Mandz nickt und lächelt: „Schöne Frau, ganz bestimmt.“ Womit er nicht rechnet, dass die „schöne Frau“ ziemlich stur sein kann. Nach dem Essen gehe ich schnurstracks auf ihn zu, halte die Hand auf. Mit viel Stöhnen kriege ich meine 10 LE wieder. Ja, die deutschen Frauen, seufzt er...

Draußen auf dem Gang ist schon viel Leben, als Diethard mit seinem Turban und ich mit meinem Glitzerkleid erscheine. Stau auf der Treppe. Lauter ägyptisch gekleidete Gestalten, wahrhaft ein Bild für Götter, die Damen alle hübsch zurechtgemacht, mit farbenprächtigen, goldpaillettenglitzernden, mehr oder weniger wogenden Busen, die Männerbäuche wölben sich unter den Kaftans. „Warum geht’s nicht weiter?“ will ich wissen. „Weil Fotos gemacht werden.“

Unten am Fuß der Treppe steht ein Fotograf. Jedes Paar wird einzeln hindrapiert, die meisten Frauen müssen sich seitlich vor den Mann hinknien und zu ihm aufschauen. Ich will auch, aber nein, ich darf nicht. Ich muss stehen bleiben. Also gut.

Ne, wirklich ein schönes Bild, all die unterschiedlichen Figuren in den fremden Gewändern. Erinnert sehr an Fasching. Ein Blick zur blonden wildmähnigen offenherzigen Französin. Was trägt sie wohl heute? Na klar, ein goldenes bauchfreies Bauchtanzgewand mit einem paillettenbesetzten spitzbusigen BH. So ganz traut sie dem Ding wohl nicht, sie ist ständig beschäftigt, mit der einen Hand die Haare zu bändigen, mit der anderen rückt sie ständig die Busenpracht zurecht, die sie wohl mit einer Sicherheitsnadel befestigt hat. Der ganze Saal schaut ihr nach, wenn sie ans Büfett geht. Köstlich die Blicke der Kellner. Die Männer sind ja 45 Tage am Stück auf dem Schiff, doch die Blicke, die sie der bauchfreien Busenpracht schenken, sind eher skeptisch denn hungrig.

Nach dem Essen sichern wir uns einen guten Platz in der Bar. Mein Goldumhang löst sich schon langsam in Einzelteile auf. Daraus bastle ich mir erst mal Ohrringe. Ich habe wie üblich meinen kleinen Notizblock in der Hand. „In dem Roman will ich aber auch vorkommen,“ lächelt eine Frau aus der Gruppe. Wir haben schon des öfteren mal ein paar Worte gewechselt, die Familie war auch in Abu Simbel mit dabei. Erika heißt sie, erfahre ich. Wir erzählen ihr, dass es sich um einen Reisebericht mit Fotos handelt, der im Internet veröffentlicht wird. Ob sie den auch lesen kann? Na klar, sie bekommt die Internetadresse.

Abendentertainment

Pünktlich um halbzehn beginnt die Show. Niki auf der Bühne. Ein begnadeter Rhetoriker ist er nicht wirklich, dafür hat er eine laute Stimme. „Big Applaus, starker Applaus“, fordert er. „Alle Hände zum Himmel.“ Erst gibt’s die große Tombola, für die tagsüber Lose verkauft wurden. Die sind auf zwei Tischen aufgebaut. Es zieht sich längere Zeit hin, bis all die Sachen ihre Gewinner gefunden haben, da wird natürlich auch noch jeder fotografiert. Die dickbäuchige große Männerrunde sackt viele Gewinne ein – großes Gelächter bekommt der erste Koloss, als er einen schmale Kaftan gewinnt und das zierliche Teil fragend vor den Körper hält.

Dann kommt Bewegung in die Runde. Unsere Kellner zeigen einen Tanz. Immer einer produziert sich in der Mitte, während die anderen sich niederknien und ihm Beifall klatschen. Machen sie wirklich gut. Niki kommt her: „Wenn sie fertig sind, ruft nach Zugabe. Weitersagen.“ Tun wir auch brav, und die Kellner laufen wieder ein. Natürlich wird diesmal das Publikum mit einbezogen zu einer langen Polonaise, bis schließlich die Hälfte der Zuschauer auf der Tanzfläche steht. „Hierbleiben“, befiehlt Niki und erklärt in seinem Französisch-Englisch-Deutsch-Mischmasch, was nun passieren soll. Auf Französisch erklärt er es gleich dreimal und wendet sich dabei vor allem an die blonde Glitzerbusige. Ob sie es verstanden hat? Voila. Es geht los. Die Frauen müssen sich einen Mann schnappen und tanzen. Und wenn Niki das Wort „Ramses“ sagt, ist das das Signal zum Partnertausch. Auf zum nächsten Mann. Und wenn er „Cleopatra“ sagt, müssen alle stehen bleiben, sozusagen einfrieren. Und wer beim „Ramses“ nicht sofort wieder einen Partner findet, ist draußen. Es geht heiß her bei diesem Spiel. Die ersten drei Runden überstehe ich, beim vierten tritt mir eine ältere Dame mit Vehemenz auf den Fuß und zerrt den Mann, den ich bereits im Arm habe, gnadenlos fort. Er zuckt mit den Schultern, aber sie ist stärker. Na ja. Ich betrachte das Treiben von meinem Platz aus. Köstlich, diese Ringkämpfe, die da ausgetragen werden. Die Männer sind begehrt. Heiß begehrt. Die Damen greifen wahllos nach jedem Mann, der ihnen in die Finger kommt. Anders als im richtigen Leben... Ein schönes kontaktförderndes Spiel. In der normalerweise eisschrankkalten Bar herrscht inzwischen Saunaklima.

Diethard hat sich lange gehalten im Geschehen, aber nun ist er auch ausgeschieden. Wer bleibt übrig? Na klar, unser blonder Vamp schafft es bis in die Endrunde. Aber der endgültige Gewinner ist Karsten, einer unser Tischnachbarn. Schade – nun ist die Runde aufgelöst, eigentlich könnte man die aufgewärmte Gesellschaft jetzt animieren, weiterzumachen. Aber da fehlt der letzte Kick und so verläuft sich die Runde ganz schnell, obwohl wir morgen einen ruhigen Tag haben werden. Schade. Ich wäre jetzt richtig aufgedreht...

 

 

 

 

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