18. Oktober: Abu Simbel

Assuan - Abu Simbel

Wecken um 3:45 Uhr

Das Telefon klingelt tatsächlich um 3.45 Uhr. Ich bin schon vorher wach und steige energiegeladen, und reisefreudig aus dem Bett. In der Bar erwartet mich ein Notfrühstück. Diethard macht sich fertig, ich genehmige mir schnell noch eine Tasse Tee. Amr hat uns den Tipp gegeben, für die Busfahrt das Kopfkissen mitzunehmen. Als ich die Bar betrete, sehe ich ein älteres Ehepaar, ein Bayer, der mir durch seine muffiges Gesicht und seine abschätzigen Bemerkungen über Frauen schon ein paar Mal aufgefallen ist. Er trägt eine Kaffeetasse in der Hand, seine Mundwinkel hängen fast bis auf die Knie. Seine Frau schleppt ihr Kopfkissen wie ein Schmusetier unterm Arm. Sieht witzig aus, ich muss unwillkürlich lachen. Er wirft mir einen Blick zu, dass mir das Lachen im Hals stecken bleibt. „Wie kann man am frühen Morgen so blöd grinsen?“ knurrt er in meine Richtung und wirft mir anschließend bitterböse Blicke zu, als ich meinen Tee trinke. Sieht so aus, als fühle er sich durch meine gute Laune provoziert. Scheint ein ziemlicher Morgenmuffel zu sein, aber tagsüber ist er auch schlecht gelaunt. In Zukunft gehe ich ihm möglichst aus dem Weg und vermeide Blickkontakt. Ich lache nun mal gern und freue mich am Urlaub. Scheint aber nicht für alle Gäste zu gelten. Bei manchen Leuten hat man wirklich den Eindruck, dass sie zum Lachen in den Keller gehen.

An der Rezeption sammeln sich langsam alle, die diesen Ausflug gebucht haben. Verschlafen nehmen wir unsere Frühstückspakete an der Rezeption in Empfang und sitzen kurz darauf im Bus. 83 Euro kostet der Spaß pro Person – wird es das wert sein?

Am Stadtrand sammeln sich ca. 20 Busse. Aus Sicherheitsgründen wird die 280 km lange, asphaltierte Strecke nur im Konvoi gefahren. An mehreren Stellen sind Streckenposten eingerichtet, die mehr oder weniger aufmerksam für die Sicherheit der Touristen sorgen sollen.

Kaum ist die kerzengerade Straße Richtung Abu Simbel erreicht, heizt unser Busfahrer wie ein neuer Schumacher los. Zunächst ist es noch stockdunkel, und über der Wüste erhebt sich – soweit man es aus dem Bus erkennen kann – ein phantastischer Sternenhimmel. Doch sehr schnell fallen uns die Augen zu, wir kuscheln uns soweit möglich in das mitgebrachte Kissen, und fallen in einen unruhigen Schlaf, bis die kurze Dämmerung einsetzt. Wenig später geht ganz unspektakulär die Sonne auf, und nach wenigen Minuten fühlt man schon, dass es sehr schnell wieder sehr heiß werden wird.

Die Strecke selbst ist eintönig – gelbe Sandwüste mit vielen schwarzen Felshügeln. Dann etwas Grün in Sichtweite: hier hat die Regierung Versuchsprojekte begonnen, durch das Graben von Abzweigkanälen Nilwasser in die Wüste zu bringen, um vielleicht neue Siedlungs- und Ackerfläche erschließen zu können. Eine einzige Abzweigung passieren wir und biegen nach links ab. Geradeaus führt die Straße direkt zur Grenze zum benachbarten Sudan, der nicht mehr weit ist.

Im Bus machen wir uns über die mitgebrachten Frühstückspakete her. „Wir sind bald da“, sagt Amr. „Bitte keine gefährlichen Gegenstände mitnehmen. Taschenmesser und Ähnliches hierlassen. Das gibt Ärger.“ Er empfiehlt auch, die Toiletten hier im Bus zu benutzen. „Draußen könnte es lange Warteschlangen geben.“ Daraufhin setzt ein lebhafter Run auf die Bustoilette ein. Eine Frau kommt mit rotem Kopf heraus: „Da drin ist es so furchtbar eng und dunkel. Ich hab den Knopf für die Spülung nicht gefunden.“ Der ist auch gar nicht so leicht zu finden, stelle ich später fest.

Gegen 7 Uhr treffen wir in Abu Simbel ein. Die schnelle Fahrt hat sich gelohnt: Erst 3 oder 4 Busse sind da – später bei unserer Abfahrt stehen einige Dutzend Touristenbusse auf dem großen Parkplatz.

Amr besorgt schnell die Eintrittskarten, und dann laufen wir die wenigen Hundert Meter um die künstlich errichtete neue „Heimat“ der Tempel herum. Wir sind tatsächlich die ersten an diesem Morgen, das ist angenehm. Ein weiter Platz erstreckt sich, vor uns die bekannten 4 Statuen des Abu Simbel-Tempels, rechts davon der Eingang des kleineren Tempels, den Ramses II. für seine Frau Nefertari erbauen ließ. Im Hintergrund die scheinbar endlose Wasserfläche des aufgestauten Nils, die blau in der Morgensonne glänzt.

Im diesem prächtigen Tempel, üppig geschmückt mit wunderbaren Intarsien, Malereien und Kolossalstatuen herrscht Fotografierverbot, wohingegen Filmen erlaubt ist. Man befürchtet, dass die jahrtausendealten Farben an den Wänden durch das Blitzen Schaden nehmen können. Diethard fragt einen Wächter, ob denn fotografieren ohne Blitz erlaubt sei, er verneint dies aber, weil dann die Leute nicht mehr zu bremsen seien. Fast alle halten sich an das Verbot, eine Frau fotografiert mit ihrem Handy, und nur ab und zu hört man das feine Piepsen eines Autofocus.

Mehr Schaden als Fotos hätte der Staudamm angerichtet. Ohne die berühmte UNESCO-Hilfsaktion 1963-1966 wäre Abu Simbel heute überflutet. Die Felsentempel von Abu Simbel, in Auftrag gegeben von Ramses II. und herausgehauen aus den Felskuppen Meha und Ibschek, gehören zu den großartigsten Bauwerken des ägyptischen Altertums. In einer spektakulären, 40 Mio. US$-Rettungsaktion wurden die beiden beiden Tempel in 20-Tonnen-Blöcke scheibchenweise zersägt, abgetragen und zum neuen Standort verfrachtet. Dabei zeigte sich wieder einmal, welch ungeheures Wissen die Erbauer der jahrtausendealten Tempel hatten: Die Pfeilerhalle vor dem berühmten Allerheiligsten zeigte seit 3.200 Jahren jeweils am 20. Februar und 20. Oktober ein ganz besonderes Lichtspiel. Die Sonnenstrahlen fallen an diesen Tagen so ein, dass die Götterfiguren am Allerheiligsten beleuchtet werden. „Wie haben sie das damals geschafft?“, fragt Amr vor dem Tempel. „Heute haben wir Computer zur Verfügung. Trotzdem ist es nicht gelungen, diesen Tempel ganz originalgetreu aufzubauen. Heute ist dieses Sonnenspiel um einen Tag verschoben.“

Wir haben eine Stunde Zeit, um durch die Tempel zu schlendern, die kolossalen Statuen und die Reliefs zu betrachten. Um 8.30 Uhr, sagt Amr, treffen wir uns wieder am Bus. Unglaublich um diese Tageszeit, inzwischen schieben sich schon wieder Touristen ohne Ende durch die Tempel, die Sonne brät unerbittlich vom Himmel. Wie ist es hier wohl erst im Sommer?

Draußen im Schatten stehen ein paar Bänke. Von hier aus bewundern wir die beeindruckenden Tempelfronten noch einmal, kommen mit ein paar Mitreisenden ins Gespräch und stärken uns mit einem lauwarmen Schluck aus der Wasserflasche für den Rückweg. Eine schnelle kühle Cola am Eingang im Restaurant. Auf in den Bus.

Auf der Rückfahrt sind wir uns einig: Es hat sich gelohnt. Auch wenn es anstrengend und nicht ganz billig ist: wenn man es schon mal bis Assuan geschafft hat, sollte man die 3 Stunden bis zum Abu Simbel nicht auslassen.

Schnell dämmern wir wieder vor uns hin – im Bus ist es ganz ruhig, bis die Vororte von Assuan wieder in Sicht kommen. Pünktlich um 12 sind wir wieder auf dem Schiff.

 

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