Teil 3 Am Sonntag fand in unserem Dorf die "Brotweihe" statt, ein alljährlich gefeiertes Fest, das auf einen alten Brauch zurückgeht aus Zeiten der Pest. Damals hatten die angrenzenden Gemeinden an einem bestimmten Platz Brot abgelegt, um die Herxheimer am Leben zu erhalten und als Dank dafür wird nun jedes Jahr ein Wagen, hoch beladen mit Brot, an diese Stelle gefahren. Dort warten viele Menschen mit weit offenen Taschen und Tüten, um Brot zu horten und mitzunehmen. Ich wohne zwar schon seit fast neun Jahren in Herxheim, doch noch nie hatte ich davon was gehört bzw. hätte es unsere Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Doch kaum ist ein australischer Gast zu Besuch, erweitert sich der Horizont doch erheblich. So luden wir Barry mitsamt Brot unterm Arm vor der Kirche ab, damit er sein Brot auf den Wagen legen und die Messe mitfeiern konnte zufällig ist dieser Sonntag auch der höchste Feiertag der Maristen. Wir kamen nach der Messe. Auf dem Vorplatz der Kirche, um den Wagen, scharten sich die Kirchgänger. Wo aber war das sogenannte Finsterloch, wo der hochbeladene Karren hinfahren sollte? Kaum hatte der Pfarrer sein Amen gesprochen, strömten fast alle in Windeseile von dannen. Wußten sie, wo es langging, oder gingen sie nach Hause? Ich fragte die nächstbesten nett aussehenden Menschen und es stellte sich heraus: Auch sie wohnten seit Jahren in Herxheim, hatten noch nie die Brotweihe besucht, und waren heute bloß hier, weil sie es ihren Internetfreunden aus Amerika zeigen wollten... Bis der Wagen losfuhr, so erfuhren wir, hatten wir noch eine halbe Stunde Zeit. Die nutzten wir, um ein anderes Fest in Herxheim zu besuchen, ja, ja, die Dörfler stellen was auf die Beine. Bei der Hallygally-Party ging es darum, aus Gemüse ein riesengroßes Logo zu erstellen, so groß, dass es ins Guiness-Buch der Rekorde kommen sollte. Da stiefelten wir also hin und bewunderten viele qm, bedeckt von Kisten mit Salat, Rettich, Radieschen, Blumenkohl... nur leider ließ sich aus unserer Höhe nicht erkennen, um welches Logo es sich handelte, dafür sahen wir es tags drauf in der Zeitung. Das Finsterloch fanden wir schlieklich auch, die vielen Autos am Feldwegrand machten es leicht, und da schufteten viele Helfer, um das ganze Brot zu verteilen, es hineinzulegen in die einladend aufgehaltenen Taschen und Plastikbeutel. Es ging relativ diszpliniert ab, die Leute stellten sich brav in zwei langen Reihen einander gegenüber auf. Doch, wie uns die Helfer versicherten, in früheren Jahren hatte es schon ab und zu Kämpfe um das Brot gegeben. Ein Laib fiel runter aufs Stoppelfeld und neben mir konterte ein junger Mann trocken: "Macht nix, des isch gweiht". Barry wollte unbedingt noch etwas Besonderes sehen, das er im Herxheim-Buch gefunden hatte, leider ohne Straßenangabe: die Pestsäule. Doch eben dieser junge Mann kannte den Standort der Säule angeblich und erklärte ihn mir. Gestärkt durch einen Cappuccino standen wir dann davor und guckten dumm. Keine Spur. Barry drohte: Ich bleibe so lange in Herxheim, bis ich die Statue gesehen habe. Ach doch. Nach längerem Suchen fand ich die Statue dann in einem Hof, in die Wand eingelassen. Barry strahlte. Nun konnte er beruhigten Gewissens gehen, alle Kleinode sind aufgespürt. Eine Mittagspause haben wir uns wirklich verdient, ein Stück Kuchen und Kaffee auch. Um fünf starten wir zum letzten Unternehmen, einem Pfälzer Weinfest, wo wir die Straße rauf und runter nach Saumagen suchen, denn jetzt wäre Barry langsam eßbereit... doch diesmal gibts keinen, auf dem ganzen Fest nicht... aber einigermaßen süßen Wein. Auch Oliver und Svenja sind mit von der Partie. Barry will gern hierbleiben in der Weinfestatmosphäre, wir wollen ihn aber gern noch in unsere Biergartenlieblingslokal verschleppen, "zum Pieper" in Edenkoben, haben wir doch zu diesem außergewöhnlichen Wirt eine ganz besondere Beziehung. Oliver stöhnt, mein Gott, die Hausaufgaben... Trotzdem, zum Pieper müssen wir unbedingt. Schließlich schleppen wir dort alle unsere lieben Gäste hin... Doch unterwegs begegnet uns Herr Pieper mit Hund. Schade, aber Frau Pieper tröstet uns, und eine Portione Spareribs zu dritt paßt auch noch rein. Ach, diese mexikanische Sauce, einfach traumhaft... Als wir gehen wollen, trudelt Herr Pieper auch noch ein und schon entwickelt sich wie üblich ein lebhaftes Palaver. Die Kids vertreiben sich derweil geduldig die Zeit draußen vor dem großen Tor, und irgendwann, nach einer halben, oder dreiviertel Stunde reißen wir uns endlich los. Der Tag war mal wieder voll und trotzdem relaxt. Wir treffen uns noch auf ein Bier im Wohnzimmer und lassen den Abend ausklingen. Barry geht wie üblich gegen zehn, halbelf ins Bett und wir setzen uns noch friedlich ein Stündchen an den Computer... Morgen müssen wir wieder arbeiten. Hmmm, an den Gedanken müssen wir uns erst wieder gewöhnen. Der Alltag fängt uns wieder ein, dabei kommen uns die 14 Tage so lang vor. So viel hat sich ereignet. Die Tage mit den Kindern waren so harmonisch, mit dem Wetter hatten wir Riesenglück, die Zeit mit Barry machte großen Spaß. Wir fühlen uns so richtig aufgetankt. Montags ist Barry allein zu Haus. Wir hatten ihn gefragt: "Du hast die Wahl. Willst du mitkommen nach Karlsruhe und den Tag dort verbringen? Oder freust du dich darauf, mal ganz allein zu sein, die Tür hinter uns allen zuzumachen?" Da grinst er bloß spitzbübisch, müßte wohl schön sein, so ganz allein. Nun, Beschäftigung hat er wahrhaft genug, mit dem Rad ist er wieder unterwegs, und all die vielen Aufzeichnungen müssen in Ordnung gebracht werden, und die Bücher, die er auf seiner weiteren Reise nicht mehr braucht, verpackt er und bringt sie zur Post, um sie sich nach Hause zu schicken. Ist auch nicht so ganz einfach, weil unser Postbeamte kein Englisch kann... und ein bißchen aufgeregt ist er auch, kommt doch jetzt die nächste Etappe. Als wir um sechs nach Hause kommen, begrüßen uns ein strahlender Barry und abgefütterte Kinder. Wie schön, er hat ihnen mittags was zu essen gemacht. Noch ein bißchen spazieren, noch ein Bier auf der Terrasse, noch ein letztes Abendessen, und Rückschau auf die gemeinsamen Tage. Barry bedankt sich für unsere Gastfreundschaft, für ihn wird seine Reise eine wahre Wundertüte sein. Nicht nur all die fremden Städte, sondern auch die fremden Kulturen. Vorher war er ja in Korea, dort traf er JaeHoon, seinen Mailfriend, der gleichzeitig auch, welch Zufall, ein Mailfriend von Diethard ist. Dort war Barry zum Abendessen eingeladen, doch die Frau des Hauses weigerte sich scheu, sich zu den Männern zu setzen. Sie bereitete das Essen zu in der Küche, trug es auf, und zog sich sofort wieder zurück. Nur zu einem Foto ließ sie sich überreden, aber nicht dazu, sich zu den Männern zu setzen. Welch Gegensatz zu unserer turbulenten Familie, wo er mittendrin aufgenommen war, selber seinen Teller wegtrug, grinste über das Geplänkel zwischen Kids, Vater und Stiefmutter. Wo er mitbekam, dass die Gäste ihren Schlafsack mitbrachten und kein großes Brimborium drum gemacht wurde. Wo die Hausfrau sich keineswegs scheu zurückzog, sondern überall mitmischte. Wenn sie sich zurückzog, war sie leicht zu finden, am Computer. Am letzten Abend erzählte er uns von diesen Gegensätzen, zeigt, dass er sich ausgesprochen wohlgefühlt bei uns, und überreicht uns gerahmt eine seiner Skizzen, die uns so gut gefallen hatte die Landauer Kapelle ganz in der Nähe unseres Hauses, an der wir so oft während der Abendspaziergänge vorbeikommen... Es kriegt gleich einen Ehrenplatz, mitten zwischen unseren Computern oben im Studio, so dass wir beide es im Blickfeld haben... und immer wieder an Barry erinnert werden. Seine nächste Station ist Bielefeld. Hier besucht er eine alternative Schule, um deren Lehrmethoden zu studieren. Und dann ist Berlin dran. Hier wird er Marcel treffen, Diethards ältesten Sohn, der Barry kurz kennengelernt hat auf der Fahrt vom Flughafen zu uns. Und so kriegen wir drei Tage, nachdem Barry weg ist, eine Mail von den beiden: einen lustigen Tag haben sie verbracht, der 60-jährige "Bruder" und der 22-jährige Floor-Runner, zwei fremde, für einen Tag zusammengewürfelte Menschen aus verschiedenen Generationen und verschiedenen Kontinenten, und offensichtlich fanden sie doch viele Berührungspunkte... Und weiter geht Barrys Reise, nach Kirgisistan, Moskau und Krasnoyarsk und schließlich St. Petersburg, dann England, New York und Kanada, schließlich Mexiko, Los Angeles, San Francisco und San Diego, von dem es Ende Januar wieder ins heimische Sydney geht. Welch ein Programm! Und welch eine Chance, neue Eindrücke zu sammeln und neue Freunde zu gewinnen. Alle paar Tage werden wir eine Mail von ihm im Briefkasten finden aus seinem Webmail-Account bei hotmail.com mit einem Kurzbericht über seine neuesten Abenteuer. Wir sind gespannt. Bye bye, Barry, and have a good trip! |
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