Teil 2

Am Montag, meinte er, würde er gerne nochmal nach Speyer fahren, wenn möglich, um den Dom besichtigen zu können. Und nach Worms, zeigte er uns in seinem Buch, und nach Heidelberg, natürlich. Voller Schalk parodierte er die quietschende herumwuselnde Japaner, plötzlich breit-lächelnd erstarrt vor der Kamera... und erzählte vom einem Maristen-Bruder, der kein englisch konnte und "impotent" mit "important" verwechselt hatte...

Am nächsten Tag schon klappte es mit dem Speyerer Dom, er war geöffnet, wurde allerdings restauriert, so dass der Betrachtungsgenuß etwas gestört war. Die Fußgängerzone war bereits wieder blitzblank geleckt, kaum zu glauben, dass am Tag vorher darauf die Riesentafel gestanden hatte mit der Menschenmenge dazwischen. Heiß war’s. Die Klimaanlage im Auto tat gut. Zwischendurch regnete es wieder ein bißchen.

"Never miss an opportunity", kommentierte Barry schalklächelnd in den folgenden Tagen, nachdem ich in Speyer sichtlich nervös Ausschau gehalten hatte nach einem befreienden Örtchen. Er erzählte viele kleine Anekdoten auf sehr amüsante Art und Weise, meist kam ein großgeschriebenes "BUT" und ein erhobener Zeigefinger hinterher. Mit blitzenden blauen Kinderaugen schaute er sich um, neugierig auf alles Fremde. Sogar beim Tanken stieg er aus und steckte den Kopf in den Laden. Meine Parkscheibe bestaunte er, sowas kannte er nicht. Die computergesteuerte Anzeige der Anzahl der freien Parkplätze am Ortseingang von Speyer faszinierte ihn – soviele Plätze noch frei – allerdings stimmte die Zahl dann offensichtlich doch nicht...

In Worms bestaunte der katholische Bruder ehrfürchtig das Martin-Luther-Denkmal und den Dom, suchte nach dem Erbauungsjahr, ließ sich alle Inschriften übersetzen und guckte wie überall nach englischen Infos, fotografierte, wanderte außenrum, ließ das Gebäude auf sich wirken. Aber dann hatten wir Hunger und suchten die Fußgängerzone ab nach was Eßbarem ohne Käse.

"No Japanese", staunte Barry. Weder in Speyer noch in Worms. Aber in Heidelberg, da trafen wir sie nun zuhauf. Raus aus dem Parkhaus und erst mal in ein Straßencafe zur Stärkung, um sich zu akklimatisieren und dem Treiben zuzugucken. Postkarten kaufen für `ne Mark. "It’s always the same", zuckte er die Schultern, als wenige Meter später ein Schild stand "Postkarten für 50 Pfennig".

Wir spazierten durch die Altstadt, setzten uns auf eine Parkbank und betrachteten das Schloß von unten. "Enough", meinte er. "Let’s go back". Und das taten wir denn auch. Ziemlich schnell. Denn ein heftiger Regenschauer verlieh unseren müden Füßen Flügel.

Schön, wegzugehen, aber auch schön, wieder zu Hause zu sein. Barry verzog sich mit Notizbuch, um die Eindrücke des Tages zu notieren. Unterwegs hatte er immer ein ganz winziges Blöckchen dabei, auf dem er Stichworte schrieb und kleine Zeichnungen kritzelte. Später noch ein Bier auf der Terrasse, aber Barry blieb abends nicht lange auf. Mit dem Schlafrhythmus klappte es noch nicht so ganz. Für uns war das auch angenehm, so kehrte andächtige Ruhe ein im Haus.

Das Wetter war durchwachsen am nächsten Morgen, wie schon die ganze Zeit. Doch bald klarte es auf und Barry schwang sich aufs Fahrrad. Ein 60jähriger Großstädter, der Fahrrad fahren konnte... Naja, sehr geübt sah es nicht aus, wie der da die Straße langschwankte, bewaffnet mit seinem Skizzenblock und dem "orange hat". Aber offensichtlich machte es ihm Riesenspaß.

Er kam zurück und schaute ernst: "Minor crisis". Einer seiner Aussprüche, die wir in unseren Sprachgebrauch übernommen haben. "Minor crisis", das hörten wir noch oft. Diesmal war es verlorener Knopf am Hemd. Ich wollte ihn annähen, aber Barry wehrte sich. Er brauchte bloß Nadel und Faden. Den Rest konnte er schon selbst. So setzte ich mich solidarisch zu ihm und nähte endlich an zwei Hemden meines Gatten den fehlenden Knopf an, war ich doch bisher nie dazu gekommen. Für weitere solche "minor crisises" borgte sich unser Lebenskünstler zwei ganz lange Fäden in zwei Farben, wickelte sie um ein Stückchen Pappe, bekam noch ine Nähnadel dazu und ein Tütchen, und war‘s zufrieden.

Barry schwang sich wieder aufs Rad, für uns verging der Tag mit Routine, ein bißchen Internet, Wäsche, Kochen, organisatorische Anrufe. War doch am nächsten Tag Sonnenfinsternis und Besuch angesagt aus Freiburg. Sogar mein Stiefsohn war aus Berlin extra dafür angereist, um das große Ereignis mitzuerleben.

Ich als Hausfrau hingegen betrachtete solche Ereignisse auch noch aus einem zweiten Blickwinkel – wieviele Personen galt es denn zu verköstigen und einen Schlafplatz herzurichten...? Wir waren zu siebt und im Vorfeld alle einig: Zum von den Medien schon seit Wochen hochgeputschten "Jahrhundertereignis" fahren wir nach Karlsruhe, am Marktplatz ist echt was los, ein guter Rahmen, um das Ereignis gebührend zu feiern. Ich war auch sehr dafür, war damit doch das Essensproblem gelöst...

Barry wollte mit einkaufen gehen. "Self-rising flour", suchte er. Er wollte unbedingt abends für unseren Sonnenfinsternis-Besuch "scornes" backen, ein brötchenartiges Gebäck, wie das Wörterbuch verkündete. Doch dazu brauchte er ein ganz spezielles Mehl, damit das Gebäck aufging. "Hefe?", zeigte ich ihm im Wörterbuch. "Sauerteig?" Er schüttelte den Kopf. Er würde schon finden, was er brauchte. Und wenn’s halt nicht klappte: "Don’t worry". Wir schmeißen‘s halt in den Mülleimer und keiner weiß was davon...

Und außerdem wollte er unbedingt am Mittwoch, nach der SoFi, kochen für uns alle. Was mit Huhn. Und einkaufen wollte er die Zutaten auch alleine... Nun, man widerspricht älteren Menschen nicht, oder? Ich ließ ihm also seinen Willen, ging nachmittags alleine einkaufen, und alles besorgen, was ich denn so brauchte. Als ich dann müde zu Hause ankam, entdeckte ich das Huhn in der Küche. Barry hatte nur leider ein Suppenhuhn erwischt. Ich hatte wahrhaft keine Lust mehr, nochmal loszudüsen und ein "richtiges" Huhn zu besorgen. Mein Gatte übernahm das noch schnell, bevor er losfuhr zur Bandprobe. So verwandelte ich denn im Laufe des Abends – nicht gerade mit Begeisterung, aber immerhin – das Suppenhuhn in eine Gemüsesuppe...

Es dauerte, bis Stefan und Silke endlich ankamen, die sich auch zur SoFi angesagt hatten. Barry lag auf der Lauer in der Küche und traf seine Vorbereitungen für die scornes. Ich betrachtete das Ganze eher skeptisch. Schob er doch das Blech auf der allerobersten Leiste in den Herd, den er zuvor auf allerhöchster Stufe angeheizt hatte. Ich erwartete ein paar braungebrannte Pflatscher als Ergebnis...

Diethard war weg, bei der Bandprobe. Stand ich also ganz allein mit zwei Kids, dem Pärchen, und Barry. Oh Gott, mein Englisch... aber gottseidank würden Stefan und Silke mich ja unterstützen... Eine ewig lange Fahrt sei es gewesen, berichteten die beiden. Doppelt so lang wie an einem normalen Freitagnachmittag. Die Nachrichten erzählten von außergewöhnlichem Verkehrsaufkommen.

Wir saßen gemütlich (cosy) zusammen, tranken Tee, ließen uns Wurst, Käse und Brot schmecken und probierten zum Nachtisch die scornes – unter Anleitung, schließlich war Barry Lehrer. Also aufschneiden, dann Marmelade drauf und obendrauf ein Klecks Creme Fraiche. Hmmm. Gut waren sie, wenn auch sehr flach und innen nicht ganz so locker. Aber unser Besuch wußte die Lösung, weder Hefe noch Sauerteig, nein, Backpulver war in Barrys "self-rising flour". Offensichtlich gibt es in Australien bereits fertig gemischtes Mehl. Barry strahlte – klar, er würde es nochmal probieren. Tat er dann ein paar Tage später auch, und sie wurden ausgesprochen lecker.

Es war ein lebhafter Abend, als Diethard spät nach Hause kam, verzogen wir uns nach oben, damit Barry in Ruhe unten schlafen konnte. Und stellten dabei fest, dass wir vielleicht doch alle die SoFi mehr in Ruhe genießen wollten. Wer weiß, wie groß der Andrang in Karlsruhe wohl werden würde? Parkplätze? Ob überhaupt Straßenbahnen fahren würden...?

Die Mehrheit entschied: Wir bleiben hier, auf den Feldern. Mein Hausfrauenherz überdachte sofort die weitreichenden Folgen des Entschlusses. Hatte es doch gedacht, am nächsten Tag der lästigen Kochpflichten entledigt zu sein. Pustekuchen. Plötzlich wollten sieben Leute was zu essen haben... Gottseidank, die Gemüsesuppe stand ja noch auf dem Herd. Hausfrauenmäßig beruhigt, konnte denn auch ich mich gefühlsmäßig dem SoFi-Erlebnis widmen.

Dann war es so weit: der 11. August, der Tag der totalen Sonnenfinsternis, und unser Pfälzer Dorf fast mitten im Zentrum der Totalitätszone. Das wußten aber nicht nur wir, sondern auch all die vielen Menschen, die an diesem Tag plötzlich mit ihren Autos mit allen möglichen Kennzeichen unsere sonst so stillen Feldwege bevölkerten. Wir legten uns auf die abgeernteten Stoppelfelder, beobachteten das Treiben um uns herum, hatten Getränke eingepackt und ein paar Müsliriegen. Kicherten insgeheim über den lustigen Anblick, den all die Bebrillten boten. Und guckten sehr besorgt nach den Wolken – würde es reichen? .......

Unser australischer Internetfreund ging die Atmosphäre schnuppern, herrlicher Blick über die weiten Felder, auf der einen Seite zum Pfälzer Wald, auf der anderen bis zum Schwarzwald. Wir machten etliche Fotos vom Drumrum, wirklich ein blöder Anblick, all die Leute mit ihren Brillen. Erst lagen wir unter einem freundlichen Wolkenloch, bestaunten vorne die langsam verschwindende Sonne und beäugten hinten sorgenvoll die drohend heranrückende Wolkenwand. Es blieb trocken, doch in der letzten Minute schob sie sich direkt davor, das Miststück...

Beeindruckend die Stimmung trotzdem, der Geräuschpegel drumrum sank erheblich, die Leute wurden ruhig, als sich alles verdunkelte, rechts war alles fast dunkel, links am Horizont ein faszinierendes helles Licht, eine mystische Stimmung. Es wurde ziemlich kalt und windig, bis schließlich in Sekunden die Helligkeit wieder vom Horizont über uns hereinbrach. Eine seltsame Stimmung, wurde einem schon sehr seltsam zumute dabei, natürlich waren wir enttäuscht, weil im entscheidenden Moment dann die Mistwolke kam... und dann war alles ganz schnell vorbei.

Wir fuhren nach Hause und schon fing es an zu regnen. Plötzlich schoß Barry zur Terrassentür hinaus. Sein mühsam gewaschenes Hemd hing noch auf der Wäscheleine... zu spät, nun war es wieder naß.

Wir machten einen Spielenachmittag, während Barry in der Küche wirkte. Es schien sehr zeitaufwendig zu sein, was er da kochte. Und eine Menge "minor crisises" kamen auf mich zu. Wo war ein Holzlöffel? Wo der Quirl? Wo eine Schüssel? Wo der Kartoffelstampfer? So was hatte ich überhaupt nicht im Haushaltsfundus und das Ding extra bei meinen Eltern besorgt.

Als mal zehn Minuten kein Ruf aus der Küche erscholl, ging ich gucken. Er stand da und versuchte, mit dem großen Brotmesser die armen kleinen Kartöffelchen zu schälen...

Stefan und Silke fuhren abends um sieben los – Freiburg schien so weit entfernt wie nie zuvor, mehrere Stunden dauerte die Fahrt. Die Zubereitung des Abendessens auch. Es kostete mich viel Energie, mein schlechtes Gewissen zu unterdrücken. Ließ ich doch da meinen Gast ganz alleine in der Küche wirken. Aber er wollte es ja schließlich...

Zerkleinertes Hühnchen in einer Mehlsoße gab es dann, mit Aprikosen drin und mit Kartoffelbrei. Die Kids fingen meinen drohenden Blick auf, setzten sich widerspruchslos hin und aßen artig. Uns hat’s geschmeckt.

Am Donnerstag und Freitag wollte Barry wegfahren, woanders übernachten, auf eigene Faust Michelstadt, Miltenberg, Mainz und Aschaffenburg erkunden. (Wer von uns Deutschen ist da schon überall mal gewesen? Zum Trost: Barry war auch noch nie am Ayers Rock...) Also brachte Diethard ihn Donnerstag morgens zum Zug. Wir kamen uns richtig verlassen vor. Aber der Garten verlangte sein Recht und am Computer gab‘s auch immer was zu tun, und schnell war es Freitag abend, Barry rief an, er war wieder da und konnte abgeholt werden. Müde war er, doch die Augen leuchteten. Skizzen hatte er mitgebracht und ganz viel gesehen und wieder Storys auf Lager und "minor crisis" zu erzählen, bevor er ins Bett sank. Ob wir uns freuen würden über seine Skizze der Landauer Kapelle? Wenn ja, wollte er uns einen Rahmen kaufen und das Bild als Gastgeschenk geben...

Samstag morgens machte er sich wieder auf mit "seinem" Fahrrad, während ich mich um die Partyvorbereitungen kümmerte. Abends sollten die Leute von Diethard‘s Band kommen, mit Familien, mal privat, ohne Musik und Probe, einfach so zum Feiern. Und Barry wollte unbedingt wieder scornes backen, nachdem wir ja nun das selfrising-flour entdeckt hatten.

Nachmittags wollten wir noch ein "Highlight" erleben, das Kleinkunstfestival in Siebeldingen, genannt "Faß-Schlubber-Feschdl". Es gelang uns allerdings nicht so ganz, das zu übersetzen. Machte aber nichts, wir hatten alle viel Spaß dabei. Wurden zwar auch zwischendurch gehörig naß, aber die Kleinkunst, die uns geboten wurde, machte das wieder wett. Wir kamen gerade noch rechtzeitig zurück, dass ich vor dem Eintrudeln der Band die Quiche noch fertigmachen und die Partyaccessoires verteilen konnte. Barry fühlte sich gleich wohl, jeder kramte seine Brocken Englisch hervor, die Kommunikation klappte hervorragend und die scornes auch.

zu Teil 3

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Barry und Monika bei der Herxheimer Brotweihe