Bye bye, Barry – we will miss you!

Nun ist er weg, Barry, unser Mailfriend aus Sydney in Australien. Zehn Tage hat er uns begleitet, bei uns gewohnt, gegessen, gelacht, gekocht... Hat uns gelehrt, unser schönes Dorf mal richtig anzugucken, ein bißchen was von der lauschigen Idylle zu entdecken, hat uns neue Rituale beigebracht, die bei uns weiterleben werden. Er hat unser Türchen zur Welt ein Stückchen weiter aufgestoßen.

Ein "eigentlich" fremder Mensch war es, den wir da so unbefangen in unser Haus aufgenommen haben. Sogar mal einen halben Tag ganz alleine im Haus ließen, während wir arbeiteten. Was hätte er doch alles klauen können, was alles anstellen....

Wir kannten seine Gedanken, Wünsche und Reisepläne aus seinen Mails; sein Gesicht aus dem Internet. Wir wußten, dass er Lehrer ist. Dass er gerne reist, viel weiß, sich interessiert für Geschichte, im Internet surft und schon sechzig ist... Dass er aus einer völlig anderen Erlebniswelt kommt wie wir – ein deutsches Ehepaar gut Mitte 40, mit Kids und Haus. Denn Barry gehört einem Orden an, den Marist-Brothers, lebt im Zölibat, zusammen in einer Gemeinschaft mit elf Brüdern zwischen 26 und 77.

Ein Risiko, nicht wahr? Was soll man denn reden, tun, machen mit "so einem"? Kommt er doch nicht nur aus einem anderen Kontinent ganz weit weg, sondern fast "aus einer anderen Welt"?

Nun, wir haben es gewagt. Wußten monatelang von der Vorbereitung seiner Reise, ein halbes Jahr wird sie dauern, durch Korea und Deutschland und Rußland und Kirsigistan und England und Kanada und Amerika und Mexiko... Ob er auch bei uns vorbeikommen könne...?

Und dann lag plötzlich eine mail mit konkretem Termin im Briefkasten: Würde gerne vom 7. August bis zum 17. zu Euch kommen. Geht das?

Es ging, ließ sich auch wunderbar mit unserem Urlaub arrangieren, denn einen Tag vorher kamen wir von unserer Städtetour Berlin-Hamburg-Schleswig zurück, wunderschönen sechs Tagen mit allen unseren vier Kids, und konnten uns die folgende Woche noch freinehmen.

Und so stand Diethard, mein Mann, am 7. August am Flughafen und hielt Ausschau nach einem "orange hat" mit furchtbar viel Gepäck. Braucht man schließlich für ein halbes Jahr, oder?

Nun, Barry nicht. Er kam mit einem fahrbaren Köfferchen und einem großen Rucksack. Hatte darin zwei kurzärmlige Hemden und zwei langärmlige und zwei Schlafanzüge und ein bißchen was an Socken und Undertrousers, und was er tagsüber trug, wusch er abends aus und hing es fein säuberlich zum Trocknen über sein Köfferchengestell... "light travel" – so nannte er es.

Wichtig waren ihm ganz andere Utensilien, die er hütete wie seinen Augapfel: sein sorgfältig aufbereitetes schwarzes Notizbuch mit Landkartenausschnitten, (Mail)adressen von allen, die er besuchen wird, Bilder dazugeklebt, um sie auch zu erkennen. Fein säuberlich immer zwei Blätter zusammengeklebt wie ein Täschchen und dazwischen Notgeld, und Tickets, und Schecks. Und auch: eine ganze Latte von englischen Redewendungen – ob es denn deutsche dazu gäbe. Und natürlich war darin sein Reisetagebuch – handschriftlich, aber ordentlich, Zeitungsausschnitte und Tickets mit reingeklebt, mit Illustrationen versehen. Sein kleiner Malblock – er zeichnet wunderschöne Skizzen. Sein Buch über Herxheim, das wir ihm geschickt hatten und wo er jede Kapelle (wir haben acht Stück!) anschauen wollte, all die kleinen Marienfiguren und die Sehenswürdigkeiten, die uns bisher nie aufgefallen waren. Sein Buch mit Städtetouren in Deutschland, natürlich auch in englisch, das wir ihm lang vorher als Geburtstagsgeschenk sandten und aus dem er sich seine Rosinen längst rausgepickt hatte...

Da saß er nun, samstags abends um zehn, und löffelte Käsesuppe – ein richtiger echter Australier auf unserer Terrasse in Herxheim, einem kleinen pfälzischen Dorf. Eine Art Mönch – weltfremd? – der sich bestens auskennt in Filmen und während der ganzen Fahrt vom Flughafen zu uns mit meinem bei der Filmproduktionsteam von Wim Wenders arbeitenden Stiefsohn gefachsimpelt hatte.

Natürlich sprach er englisch, hmmm, es dauerte eine Weile, bis ich mich traute, ein paar Englischbrocken vorzustottern. Und natürlich war er doch sehr müde, für ihn war es schließlich schon fünf Uhr morgens, kam er doch direkt aus Korea, seiner ersten Station, wo er sowohl Maristen besucht hatte als auch einen weiteren Mailfriend.

Sonntags saßen wir dann am Frühstückstisch – außer Käse aß er alles, bei der Käsesuppe hatte er es wohl nicht gemerkt, dass Käse drin war :) – und bei dieser Gelegenheit stellte ich fest, dass meine Kochrezepte eigentlich fast immer Käse enthalten... und ich mich anstrengen mußte, was zu finden ohne Käse...

Wir versuchten, für Barry einen Cocktail zu mixen aus Sightseeing per Auto und Rad, Relaxen, Parties, Festen, Familie... wir wollten ihn (und uns) weder überanstrengen, noch ihm das Gefühl vermitteln, etwas zu verpassen. Und so zogen wir sonntags auf seinen Wunsch erst mal durch Herxheim, zu Fuß, und Barry lieh uns seine Augen... So entdeckten wir doch erst mal, in welch idyllischem Winkel wir leben, und er ließ uns an seinen Gedanken teilhaben: Das deutsche Wort für Freunde, meinte er, das ist doch fast dasselbe wie das für Freude. Ist das Zufall, oder gehört das zusammen?

Wir wußten es nicht, hatten uns noch nie Gedanken darüber gemacht. Und das wiederum erstaunte ihn...

Abends machten wir uns auf zum berühmten Dom nach Speyer, keine 30 km von uns entfernt, und gleichzeitig lockte dort die berühmte Kaisertafel... die gesamte Fußgängerzone besteht dann aus einer ewig langen Tafel – vielen, vielen aneinandergereihten Tischen, bewirtet mit köstlichen Spezialitäten von Restaurants und umgeben von einem dichten Menschengetümmel.

Der Dom war zwar geschlossen, doch die Sonne lachte, und die vielen Menschen drumrum ebenfalls. Unser "orange hat" – so nannte Barry seinen eher pinkfarbenen Stoffhut, den er schon bei der Ankunft auf dem Frankfurter Flughafen als Erkennungszeichen getragen hatte - war leicht zu finden in der Menge und er ließ sich treiben von dem ungewohnten Anblick. Schlank, mittelgroß, den Schalk in den Augen, beguckte er sich die Szenerie... Wir hielten Ausschau nach einem Saumagen, doch auf den verzichtete er dann schließlich doch...

Prompt gabs auch den richtigen Humbatäterä-sound gratis mit zum Fest. Barry war entzückt von der gestandenen Männerkapelle. Weiter hinten schnulzte ein Sänger vor sich hin, dass es triefte... Genüßlich aß er "etwas Leichtes" und kaum saßen wir am Tisch, freundeten wir uns schon mit unseren Gegenübern an, die vermischten ihre kargen Englischbrocken mit den meinen, während mein Gatte für Getränke sorgte... Drei Hamburger waren es, mit denen wir da lachten auf einem Pfälzer Weinfest. Süßen Wein wollte er probieren, ganz süßen Wein. Doch offensichtlich war der Wein nicht süß genug, er zog dann lieber ein zünftiges Bier vor.

Der Abend war lau, auf der Terrasse saßen die Nachbarn und schwenkten die Quetschkommode, was sonst nie passierte. Barry grinste, ihm gefiel das. Um halbelf zog es ihn mit Macht ins Bett, der Jetlag ließ grüßen.

zu Teil 2

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Barry und Monika an der Kaisertafel in Speyer